Erik Kessels' Foto-Fundstücke aus dem Alltag

Erik Kessels' Foto-Fundstücke aus dem Alltag

Von Sabine Tenta

Er ist ein Kurator des Alltäglichen und Unperfekten, des Skurrilen und Außergewöhnlichen. Die erste Retrospektive des Niederländers Erik Kessels in Deutschland ist nun in Düsseldorf zu sehen.

Aufnahme aus der Ausstellung "Erik Kessels and Friends" im NRW Forum Düsseldorf

Erik Kessels sammelt Alltagsfotos und stellt sie zu sehr humorvollen Serien zusammen. Flohmärkte, private Fotoalben und natürlich das Internet sind seine Fundgruben, die er mit ausgiebiger Recherche plündert. Wenn Kessels seinen kuratorischen Blick auf Missgeschicke und Alltägliches wirft, dann wird aus einem Mülleimer eine Schatzkiste. So sammelte er Fotos, auf denen jeweils ein Finger vor die Linse geriet. Ein ungewollter Verfremdungseffekt, der banalen Touristenfotos eine ganz neue Spannung verleiht.

Erik Kessels sammelt Alltagsfotos und stellt sie zu sehr humorvollen Serien zusammen. Flohmärkte, private Fotoalben und natürlich das Internet sind seine Fundgruben, die er mit ausgiebiger Recherche plündert. Wenn Kessels seinen kuratorischen Blick auf Missgeschicke und Alltägliches wirft, dann wird aus einem Mülleimer eine Schatzkiste. So sammelte er Fotos, auf denen jeweils ein Finger vor die Linse geriet. Ein ungewollter Verfremdungseffekt, der banalen Touristenfotos eine ganz neue Spannung verleiht.

Der Niederländer Erik Kessels ist als Mitbegründer der Werbeagentur KesselsKramer dem NRW Forum seit seinem Neustart 2015 eng verbunden. Seine Agentur entwarf das Logo und die Corporate Identity für das Düsseldorfer Ausstellungshaus. So gelang es Kurator Alain Bieber (links im Bild) die erste deutsche Retrospektive des vielseitigen Kreativen nach Düsseldorf zu holen. Hier im Bild zu sehen ist eins der bekanntesten Werke von Kessels: "24 hours" (2011). Damals hat Kessels ausnahmslos alle Fotos ausgedruckt, die innerhalb von 24 Stunden auf Flickr hochgeladen wurden. Es ist zum Sinnbild der Bilderflut im Zeitalter des Internets geworden.

Erik Kessels sammelt aber nicht nur Fotos, sondern auch die Geschichten dahinter. Er recherchiert akribisch und tritt wenn möglich mit den Abgebildeten in Kontakt. So auch mit der Schützin dieser Fotos: Ria van Dijk hat seit 1936 jedes Jahr auf der Kirmes an einer Schießbude ein Foto per Luftgewehr von sich geschossen. Kessels machte ein Buch aus den Fotos und Museum zeigte Interesse. Der Sammler vermittelte den Kauf und sah zu, einen guten Preis für seine Schützin auszuhandeln. "Und sie hat dann innerhalb von drei Jahren das ganze Geld verbrannt." Sie spendierte allen Bewohnern ihres Altenheims Busreisen und veranstaltete mehrere Festessen, an denen auch Kessels teilnahm.

Im Ausstellungsraum steht eine Schießbude, die von allen Besuchern genutzt werden kann: Mit Plastikgewehren können sie auf eine Polaroid-Kamera zielen und diese auslösen.

Kessels nennt sich selbst "Archäologe" und "Detektiv". Er ist aber zugleich auch ein Soziologe, der Auffälligkeiten in Bilderserien nachspürt und Typologien entwickelt. So kann er ausgiebig über Paardynamiken referieren. Zum Beispiel über die Nähe-Distanz-Verhältnisse, die er in privaten Fotoalben findet.

Auch Trennungsprozesse hinterlassen spannende Spuren: Diese Dame hat nach einer Scheidung den Ehepartner vom Foto abgeschnitten. Was von ihm bleibt, ist ein Stück seines Arms.

Diese schweinischen Fotos wurden in einem Restaurant angefertigt, das seine Gäste mit einem lebenden Ferkel erheiterte. Der Fotograf hatte im Keller seine Dunkelkammer und die Gäste konnten beim Verlassen des Lokals einen Abzug erhalten. Das Restaurant gibt es schon lange nicht mehr, Kessels fand die Fotos über einen Aufruf in sozialen Medien.

Der analogen Fotografie verdankt Kessels geniale Fotos, die er in einem Fotoladen fand. Kunden konnten dort vor dem Kauf die Abzüge ihrer entwickelten Filme durchsehen und misslungene Fotos aussortieren. Darunter sind Doppelbelichtungen und Kompositionen, die in dieser Perfektion wohl nur der Zufall hinbekam. 

Die Präsentation der gesamten Retrospektive ist abwechslungsreich und liebevoll bis ins kleinste Detail gestaltet. So ist eine Wand mit dem Spinnweb-Muster der Pergamentseiten versehen, die in Fotoalben die Seiten trennen. Dazwischen stapeln sich als reale Objekte die unterschiedlichsten Privatalben.

Objekthaft ist auch die sehr persönliche Arbeit von 2015 mit dem Titel "Unfinished Father". Kessels Vater restaurierte vier alte Fiat 500. Der fünfte blieb unvollendet, weil er einen Schlaganfall erlitt. Der unvollendete Oldie ist der Mittelpunkt von zahlreichen Fotos, die den Prozess des Restaurierens dokumentieren. Zum Glück muss man sagen, ist dieses Kunstwerk nun in Gefahr: Seinem Vater gehe es wieder deutlich besser und er wolle das Auto nun zurückhaben, um die Restaurierung zu vollenden, berichtet Kessels.  

Zuerst die Kunst und dann das Kurieren: Kessels hat für diese Serie seine Kinder immer dann fotografiert, wenn sie sich verletzt haben, die Nasen bluteten oder sie sich sonstige Schrammen beim Spielen zuzogen. "Kommt zuerst zu Papa", forderte er sie auf. Nachdem er das Foto gemacht hatte, versorgte er seine Kinder. Kessels schildert, dass einige Probleme mit dieser Serie hätten, es sei ein Missbrauch seiner Kinder. Auch wenn die Kids damals nicht immer erfreut gewesen seien, heute fänden sie die Serie gut.

Die Ausstellung heißt "Erik Kessels and Friends", denn es ist auch jeweils ein Kunstwerk von fünf befreundeten Fotokünstlern zu sehen: Joan Fontcuberta, Peter Piller, Joachim Schmid, Paul Kooiker und Ruth van Beek verarbeiten ebenso gefundene Fotografie wie Kessels. Die fünf Freunde nehmen nur einen kleinen Raum in der Ausstellung ein. Es ist eher eine Referenz an jene, die ähnlich arbeiten wie Kessels. Ruth van Beek beispielsweise faltet Fotos aus Magazinen und Zeitungen. Hier zu sehen ist "The Largest Rabbit" (2017), ein Kunstwerk, das die Besucher mit nach Hause nehmen dürfen.

Vor dem NRW Forum gibt es als gelungene Installation die Serie "Mother Nature" aus dem Jahr 2014. Frauen, die vor Blumen und Bäumen posieren. Großformatig aufgezogen interagieren diese Fotos hervorragend mit den Blumenrabatten im Ehrenhof. "Erik Kessels and Friends" ist vom 12.08. bis zum 05.11.2017 im NRW Forum Düsseldorf zu sehen.

Stand: 11.08.2017, 16:11 Uhr