Natur der Stille. Axel Hütte in Düsseldorf

Natur der Stille. Axel Hütte in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Neben Andreas Gursky und Candida Höfer ist Axel Hütte der heimliche Star der berühmten Becher-Schule an der Düsseldorfer Kunstakademie - und Meister der Stille und Emotionen.

Axel Hütte im Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2017

Unter den Fotokünstlern der Gegenwart ist Axel Hütte sicher einer der sparsamsten. Oft reist er Wochen und Monate durch die Welt und bringt nur ein einziges Bild mit nach Hause. Und dann ist darauf zumeist auch nur so wenig zu sehen, dass es unseren an Hochglanzmagazine gewohnten Tourismusblick irritiert: Das soll schon alles gewesen sein?

Unter den Fotokünstlern der Gegenwart ist Axel Hütte sicher einer der sparsamsten. Oft reist er Wochen und Monate durch die Welt und bringt nur ein einziges Bild mit nach Hause. Und dann ist darauf zumeist auch nur so wenig zu sehen, dass es unseren an Hochglanzmagazine gewohnten Tourismusblick irritiert: Das soll schon alles gewesen sein?

Allerdings ist das Wenige, was seine Fotos zu bieten haben, immer mehr, als das, was Reisefotografen ablichten. Hütte ist kein Fotograf, er ist Künstler, der sich nur dieses Mediums bedient – nicht zuletzt auch deshalb, um mit seinen Erwartungen zu spielen. Und um damit zu malen. Klar strukturiert, analytisch, aber auch mystisch und hoch emotional. Um dies darzustellen, sind die hohen Räumlichkeiten im Museum Kunstpalast mit ihren spiegelnden Böden ideal.

Wie sich zeigt, bildet Hütte nirgends ab. Er ist ein Sammler von Stimmungen, Augenblicken, Einsamkeiten, auf die er wartet wie der Surfer auf die perfekte Welle. Im Dschungel Südamerikas oder im Eis der Antarktis, in den Schweizer Alpen, aber auch im Rheingau findet er Momente fast schon buddhistischer Einkehr und Stille. Rund 70 dieser Momente, zwischen 1994 und 2017 entstanden, sind nun im Museum Kunstpalast zu sehen.

Dabei ist Hüttes Blick präziser als das menschliche Auge. Den Effekt erreicht er durch aufwändige Reproduktionstechniken. Und mit Hilfe einer klassischen Plattenkamera, bei der sich die vertikalen und horizontalen Bildachsen unabhängig voneinander justieren lassen. Allein schon die Präsenz der wuchtigen Apparatur verlangt eine Sorgfalt, die zur Ruhe zwingt. Den Bildern kommt das sehr zupass.

Durch diese Art erreiche Hütte "die radikalste Form der Präsentation von Natur", betont Kurator Ralph Goertz (rechts). "Sein Blick richtet sich auf die Erscheinung einer Realität und nicht auf das faktische der Realität, wodurch seine Landschaften und Nachtbilder als geistige wie visuelle Räume gelesen werden können." Das ist vielleicht etwas arg kunstwissenschaftlich formuliert, aber völlig richtig.

Initialzündung für seine Art, sich der Landschaft zu nähern, war offenbar ein Besuch im legendären Künstlerhotel "Furkablick" mit seinem grandiosen Panorama über den Furkapass in den Schweizer Alpen. Davon ist auf Hüttes gleichnamigem Foto (Mitte) nichts zu sehen. Der Blick ist durch eine Nebelwand verhangen.

Durch solche Leerstellen und Flächigkeiten erzeugt Hütte Irritationen, die unseren Wunsch nach zentralperspektivischer Tiefe untergraben. Durch eine klaffend schwarze Wunde in der Bildmitte wirkt selbst Tokyo verwirrend flach. Die Fehlstelle im Nachtleben rührt schlicht und ergreifend von einem unbeleuchteten Stadtpark her. Aber das sollte man besser gar nicht wissen.

Überhaupt gehören die Nachtbilder mit ihrer feinen Abstimmung von Hell und Dunkel mit zum Besten, was die Düsseldorfer Schau von Hütte zu bieten hat.

Dass Hütte das Verfahren der Schlichtheit und Aussparung bis heute einsetzt, zeigen drei Arbeiten aus der Antarktis, die erst Anfang 2017 entstanden. Sie zeigen nicht die Monumentalität gigantischer Eisberge, die Sebastian Selgado so grandios einzufangen wusste, sondern die unspektakuläre, unaufdringliche, nach innen gekehrte Schönheit des eingefangenen Lichts und der Farbe.

Im Gegensatz zu diesen Bildern wirken die Brückenmotive des Fotokünstlers fast schon platt, vorhersehbar und bieder. Hier hat Hütte die teils brachial wirkenden Stahlkonstruktionen von Brücken zwischen den Betrachter und die (exotische) Landschaft gestellt. Das schafft zwar Distanz, verrätselt auch ein wenig, ist aber eher perfekte Konstruktion als perfekte Komposition. Irgendwie passend zur Couchgarnitur im Garderobenbereich.

Die Dschungelbilder aus Südamerika haben derlei technische Schablonen nicht nötig. Hier funktioniert das, was Hütte mit dem im Außen gespiegelten Innen will, wie von selbst: "Die Umwelt zwingt sich den Empfindungen auf, beeinflusst ihr Verhalten. Hintergrund wird Vordergrund und Vordergrund wird Hintergrund. Das eine moduliert das andere."

Einige Fotos erinnern an die Malerei der Romantik, aber auch an Vorbilder wie Albert Renger-Patzsch. Derlei Assoziationen sind zu naheliegend, um nicht gewollt zu sein. Aber zentral sind sie nicht. "Ich erkläre meine Arbeiten nicht", sagt Hütte dem entsprechend. "Ich entleere meine Bilder bewusst, damit der Betrachter sich darin verlieren kann." Man muss es aber zulassen.

Es geht um "eine andere Art des Daseins, eine des Schauens, ein In-der-Landschaft-Sein", sagt Hütte. Was sich in Worten nur philosophisch geschwurbelt sagen lässt, bringen die Bilder der Düsseldorfer Schau, die zum Teil Belichtungszeiten von bis zu 40 Minuten haben, unmittelbar zur Anschauung.

"Axel Hütte. Night and Day" ist noch bis zum 14. Januar im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Zum Motiv "Ingelheim. Germay" (2009) ist auch eine begleitende Edition in einer 100er-Auflage erschienen. Aber schon der spektakulär gedruckte Katalog ist eine Schau.

Parallel zur Düsseldorfer Ausstellung präsentiert das Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop das "Frühwerk" Axel Hüttes. Zu sehen sind vor allem Porträts, die belegen, dass der Fotokünstler sich dem Genre zuwandte, als berühmte Kollegen aus der Becher-Schule wie Thomas Ruff oder Thomas Struth daran vielleicht noch nicht einmal dachten.

Stand: 23.09.2017, 06:00 Uhr