Simplify Your Life! Rietveld und Nachfolger im Marta Herford

Simplify Your Life! Rietveld und Nachfolger im Marta Herford

Von Thomas Köster

Mit seiner klaren Formensprache schuf Gerrit Rietveld in den 1920er Jahren revolutionäre Möbel. Im Marta Herford sind ab Samstag die Klassiker des Niederländers zu sehen - zusammen mit aktuellen Künstlern.

Revolution in Rotgelbblau. Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst, Marta Herford 2017 (Ausstellungsansicht)

Das Chaos des Lebens mit den elementaren Mitteln der Kunst einfacher machen: Das war, simpel ausgedrückt, die Idee der niederländischen Künstlergruppe "De Stijl" rund um Piet Mondrian und Gerrit Rietveld, die sich 1917 - zwei Jahre vor dem deutschen Bauhaus - in Leiden formierte. Der Möbeltischler Rietveld schockte seine Zeitgenossen unter anderem mit einem Stuhl, der wie eine schnörkellose, in den Grundfarben gestrichene Latten-Skulptur gezimmert war.

Das Chaos des Lebens mit den elementaren Mitteln der Kunst einfacher machen: Das war, simpel ausgedrückt, die Idee der niederländischen Künstlergruppe "De Stijl" rund um Piet Mondrian und Gerrit Rietveld, die sich 1917 - zwei Jahre vor dem deutschen Bauhaus - in Leiden formierte. Der Möbeltischler Rietveld schockte seine Zeitgenossen unter anderem mit einem Stuhl, der wie eine schnörkellose, in den Grundfarben gestrichene Latten-Skulptur gezimmert war.

Der berühmte "Rot-Blaue Stuhl" von 1918 ist ab Samstag (14.10.2017) in der Ausstellung "Revolution in Rotgelbblau. Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst" im Marta Herford zu sehen, ebenso wie ein Modell von Rietvelds Rietveld-Schröder-Haus. Ein revolutionäres Gebäude, das er 1924 ohne jede architektonische Vorbildung mit formaler Strenge für seine spätere Lebenspartnerin Truus Schröder entwarf.

Für die einzige deutsche Ausstellung zum 100. Jubiläum der "De Stijl"-Gruppe sind rund 140 Exponate aus dem Centraal Museum Utrecht nach Herford gereist, gemeinsam mit Konservatorinnen, die sich um die Werke kümmern. Dazu gehört auch dieser wundervolle kleine Mondrian, der bei näherer Betrachtung in den zunächst blass wirkenden Farbflächen ein unglaubliches Leben entfaltet ("Tableau No. X", 1925).

Im Grunde sind die Architekturen und Möbelstücke ein Versuch Rietvelds, die formalen und farblichen Kriterien Mondrians aus der Fläche zu befreien und als universelle Module in die dritte Dimension zu überführen. Elementar und funktional sollte der Entwurf dieser alltagstauglichen Stücke sein - wobei die monumentale Schlichtheit etwa von Rietvelds um 1920 konzipiertem Strandwagen bis heute beeindruckt.

So geht es offenbar auch Erik van Lieshout, der die Lattenästhetik seines Landsmanns von ihrer Eleganz befreit hat. Er ist einer von 17 internationalen Künstlern, die sich im Marta mit Rietveld auseinandersetzen. In seiner vielteiligen Installation zitiert van Lieshout persönliche und gesellschaftliche Krisen. Bei ihm wird Rietvelds Strandwagen zum Bett, das den Krebstod eines befreundeten Mitarbeiters reflektiert.

Überhaupt sind es vor allem Rietvelds Möbelklassiker, die die Künstler zu teils spektakulären Arbeiten inspiriert haben. Der in Antwerpen lebende Belgier und studierte Architekt Adrien Tirtiaux etwa hat aus Latten, die in der Manier des "Rietveld-Knotens" in mehrfach verbunden sind, ein rechtwinkliges Konstruktionsmonster gemacht.

Inzwischen fertiggestellt, rammt es sich geradezu in die Wellen der Museumsarchitektur des US-amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry und reißt damit ein Loch, das öffnet und verbindet. Dieses faszinierende Spiel, das als Brücke zwischen der rationalen "De-Stijl"-Ästhetik der Ausstellung mit dem postmodernen Schwung ihres Gehäuses fungiert, macht den Reiz vieler Arbeiten aus.

Wesentlich subtiler geht der in China und Berlin lebende Künstler Andreas Schmid zu Werke. Er verknüpft die Gehry-Galerien in Höhe, Breite und Tiefe mit Linien aus Klebebändern, die als minimalistische Eingriffe in den Raum eine maximale Wirkung entfalten. Und sie werfen Fragen auf: Ist das noch eine Geradlinigkeit in der Nachfolge Rietvelds? Auf Gehrys gebogenen Wänden wohl kaum. Irgendwie ist hier nichts im Lot.

Neben Tirtiaux und Schmid gelingt Yves Netzhammer mit seiner raumgreifenden, mit Wandmalereien und Skulpturen ergänzten Video-Installation "Das Kind der Säge ist das Brett" (2015/16) der wohl größte Wurf im Marta. Die irritierende Art und Weise, wie er Gehrys Ausstellungsraum dekonstruiert, um ihn in eine neue Dimension zu überführen, ist ganz großes - und auch politisch motiviertes - Kino.

"Traditionelle Orientierungssysteme verschieben sich", sagt Netzhammer. "Die Kluft zwischen Möglichem und Unmöglichem wird zum Labor des Augenblicks." Und auch die Lösungsmodelle der Avantgarden verlieren in der politischen Anwendung ihre Unschuld. In einem Film lässt Netzhammer auch Kasimir Malewitschs utopische Figuren eines "Neuen Menschen" mit Waffengewalt gegeneinander kämpfen - und wie Marionetten agieren.

"Wo findet der Künstler heute noch Platz in der Gesellschaft?" fragt sich der Maler Thomas Huber. "Überall ist so viel Unordnung. Ich halte mich darum an meine Imagination." So strahlen auch Hubers aufgeräumte Bilder eine Ruhe und Ordnung aus, die der Ausstellungskontext wieder unterläuft. Ja, das Bild hängt gerade. Aber wegen Gehrys schwungvoller Architektur und der Linienführung von Andreas Schmid wirkt es trotzdem schief.

Bei der Fotografin Katja Mater hat das Schiefe Methode. Sie hat sich eine besonders schräge Ecke im Marta ausgesucht, um ihre Fotografien in einer bewusst dilettantisch gestrichenen Installation zu präsentieren. Was räumlich wirkt, ist doch eigentlich flächig gedacht. Und führt den expansiven Gedanken Rietvelds letztlich wieder auf Mondrian zurück.

Katja Mater hat das Museum mittels Langzeitbelichtung fotografiert und auf diese Weise in ihrer Collage nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit in der zweiten Dimension gebannt. Dass das ohnehin schon Abstrakte der Architektur dadurch noch abstrakter wirkt, hätte sicher auch Gerrit Rietveld und Piet Mondrian gefallen.

"Die Kunst ist eine geistige Tätigkeit, die das Ziel verfolgt, die Menschen aus dem Lebenschaos zu erlösen", notierte einst Mondrian. Vielleicht kann die Kunst auch ein wenig Lebenshilfe geben, diesen Gedanken der Moderne verfolgt der Wahl-Holländer Stefan Hoffmann wohl am konsequentesten. Seine im gläsernen Foyer des Marta angebrachten Siebdrucke überführen bedeutungsschwangere Sprache in heilvolle Abstraktion. Und sollen zugleich Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen sicher ins Museum leiten.

Draußen herrscht natürlich trotzdem weiterhin Chaos und Rietvelds "Rot-Blauer Stuhl", der eigentlich als billiges Produkt für die glückliche Masse gedacht war, ist längst ein unerschwinglich teures Designerstück. Da ist es gut, dass Christoph Büchel einem dieser Nachbauten Gewalt angetan und in ein brutales Instrument verwandelt hat. So gibt er Rietvelds Objekt den heilsamen Schock zurück, den es damals hatte.

"Revolution in Rotgelbblau. Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst" ist noch bis zum 4. Februar 2018 im Marta Herford zu sehen. Unbedingt hingehen. Und anschließend Ordnung in das eigene Leben bringen und ein paar Dinge regeln! (Bild: Nicolas Chardon, "Abstract", 2015)

Stand: 17.10.2017, 09:44 Uhr