Unsichtbares sichtbar machen. Armin Linke in Aachen

Unsichtbares sichtbar machen. Armin Linke in Aachen

Von Thomas Köster

Leere Raumanzüge, verlassene Tomatensilos und Erdbeernachtisch auf der Waschmaschine: Mit Bildern wie diesen illustriert der Fotograf Armin Linke die irren Vernetzungen unserer globalisierten Gegenwart. Ab heute ist er im Aachener Ludwig Forum zu sehen.

Armin Linke, The Appearance of That Which Cannot be Seen, Ludwig Forum 2017 (Ausstellungsansicht)

Seit über 20 Jahren reist Armin Linke an Orte, die die Globalisierung und den rasanten sozialen, urbanen und digitalen Wandel augenfällig machen. Rund 500.000 Bilder sind auf diese Weise entstanden. Eine Auswahl ist jetzt im Ludwig Forum Aachen zu sehen. Darunter diese melancholische Hülle eines französischen Astronauten im russischen Kosmonauten-Trainingscenter "Star City".

Seit über 20 Jahren reist Armin Linke an Orte, die die Globalisierung und den rasanten sozialen, urbanen und digitalen Wandel augenfällig machen. Rund 500.000 Bilder sind auf diese Weise entstanden. Eine Auswahl ist jetzt im Ludwig Forum Aachen zu sehen. Darunter diese melancholische Hülle eines französischen Astronauten im russischen Kosmonauten-Trainingscenter "Star City".

"The Appearance of That Which Cannot Be Seen" zeige Orte, "die in der medialen Berichterstattung so nicht zu sehen sind", sagt Museumsdirektor Andreas Beitin. In manchen Fällen ist das zweifellos richtig – so beim Panorama-Blick über die eigentlich verbotene Zone einer Pipeline-Kreuzung in Sibirien: eine durch Terroristen hoch gefährdete Hauptschlagader weltweiter Gasversorgung, deren Zerstörung zum Energie-Kollaps führen würde.

Andere Regionen sind oder waren medial fast schon überpräsent, erscheinen aber im Fokus des Fotografen aus einer überraschend anderen Perspektive. Wie die künstlichen "Palm Islands" mit ihren 35 Luxusvillen in Dubai, die Linke in der Bauphase fotografierte. Oder nach ihrer Zerstörung durch eine menschgemachte Katastrophe? Die fast schon archäologische Vogelschau lässt auch diese spekulativ-visionäre Deutung zu.

Manchmal braucht man aber auch die Vor- und Nachgeschichte hinter den Bildern, um Fotos zu entschlüsseln. Hier ist der Hangar für den Bau des "Cargolifters" zu sehen, der nach dem Fall der Mauer auf einem ehemaligen sowjetischen Militärgelände vor den Toren Berlins entstand. Das Bild, auf dem der - wenn auch riesige - Raum den Höhenflug des Luftschiffs begrenzt, bringt menschliche Hybris ins Gedächtnis: Die Firma ging pleite, heute dient der Hangar als tropische Wellnesslandschaft mit Strand und Regenwald.

Die Ausstellung wird auch in Aachen, Karlsruhe, Mailand und Genf gezeigt - jeweils in anderer Form, auf die konkreten Räume bezogen. Linke hat Philosophen, Medien- und Architekturtheoretiker wie Bruno Latour oder Peter Weibel eingeladen, aus seinem Archiv eine Auswahl zu treffen, die mit ihren eigenen Ansichten harmoniert. Die dabei entstandenen Gedanken sind über Lautsprecher-Stelen (hinten) zu hören.

"Fußnoten zu Texten" wollen Linkes Bilder sein. "Der Betrachter bewegt sich durch den Diskurs wie durch eine Theaterkulisse." Das funktioniert auch, nur eben umgekehrt. Denn da, wo die Texte schwerfällig erklären, was zu sehen ist, zeigt Linke einfach das Unsichtbare, Vernetzende, Entfremdende. Hier ein Gewächshaus für Tomaten in Spanien, für das die Menschen ein hygienischer Störfaktor sind.

Als Erklärung für die Fotos reichen meist schon kurze Texte, die im offenen Ausstellungsparcours am Fuß der Stellwände stehen. Auf diese Weise komme beim Betrachter ein Denkprozess in Gang, der seine eigene Rolle im komplexen Weltgefüge reflektiert. Getreu dem Grundsatz Linkes, der seine Bilder "nicht als Endprodukt, sondern als Ausgangspunkt für ein Gespräch" begreift.

So sind Linkes Fotografien im Grunde postmoderne Allegorien, die die Architekturen und Strukturen unserer aus der durchschaubaren Ordnung gefallenen Wirklichkeit sichtbar machen. In diesem Kontext denkt man bei Erdbeeren auf einer witzig verkabelten Waschmaschine die unsauberen, umweltschädlichen Bedingungen ihrer Produktion und Verschickung gleich mit.

Auf anderen Fotos spiegelt sich in der schon tausendfach abgebildeten urbanen Landschaft plötzlich die Trostlosigkeit der Megalopolen – gerade dadurch, dass Linke das, was sonst vor Bevölkerung überläuft, menschenleer in Szene setzt. So offenbart sich im Hochhausgebirge des Architekten Hans Hollein für das Olympische Dorf in München (1971/72) die eigentlich schon absolute Entfremdung von der Natur.

Und dann, am Ende des Museumsrundgangs, hat Linke seine ansonsten sorgsam ausgerichteten Fotos einfach übereinandergeschichtet an die Wand gestellt. Und macht so klar, dass die Welt auch dann noch undurchdringlich bleibt, wenn der Künstler ihre Strukturen offenlegt.

Überhaupt, Strukturen: Manchmal schafft auch die Zusammenschau von Bildern neue Erkenntnisse. In beiden Fällen geht es um unsere Deutung von Natur. Doch während sich die Kuppel über dem künstlichen Schnee einer japanischen Fun-Halle senkt, öffnet sie sich über den Landschaftsgemälden in den Himmel. Masse und Begrenzung hier, innere Schau und Weite dort. Seine Freizeit sollte man also eher im Museum statt in der Skihalle verbringen.

Armin Linkes "The Appearance of That Which Cannot Be Seen" ist noch bis zum 18. Juni 2017 im Ludwig Forum Aachen zu sehen. Begleitend ist ein reich bebilderter Katalog in italienischer und englischer Sprache sowie ein deutsches "Booklet" erschienen – was wiederum die fortschreitende Globalisierung auch des Ausstellungsbetriebs illustriert.

Und wenn man schon mal da ist, sollte man auf jeden Fall auch durch die Ausstellung "Pop Art und Hyperrealismus" (noch bis zum 31. Dezember 2017) sowie die Räume mit Werken aus den eigenen Beständen schlendern. Soviel Zeit muss sein.

Stand: 24.03.2017, 11:04 Uhr