"Andere Wirklichkeiten" im Arp Museum

"Andere Wirklichkeiten" im Arp Museum

Von Thomas Köster

Werke von Künstlern mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung haben es im Kulturbetrieb nicht leicht. Umso verdienstvoller ist es, dass sich das Arp Museum ab Sonntag deren "Anderen Wirklichkeiten" widmet. Den Vergleich mit dem Etablierten müssen sie nicht scheuen.

Michael Dinges, Koralle, 2015

Versammelt sind Werke von 51 Künstlern, die ihre Kunst abseits des Kunstmarkts und unabhängig von dessen Bedingungen produzieren. Und einen unverbildeten Blick auf das haben, was Kunst kann und will. Auch wenn diese beeindruckende "Koralle" (2015) von Michael Dinges durchaus ebenso in einer Galerie ihren Käufer fände.

Versammelt sind Werke von 51 Künstlern, die ihre Kunst abseits des Kunstmarkts und unabhängig von dessen Bedingungen produzieren. Und einen unverbildeten Blick auf das haben, was Kunst kann und will. Auch wenn diese beeindruckende "Koralle" (2015) von Michael Dinges durchaus ebenso in einer Galerie ihren Käufer fände.

Dabei reicht das Spektrum von figurativen Skulpturen und Grafiken bis hin zu abstrakten Malereien, die sich auf unterschiedlichste Weise mit Lebenswirklichkeiten oder formalen Fragen auseinandersetzen. Links "Der Narr" (2016) von Andreas Jung, rechts "Wann wird's mal wieder richtig Sommer" (2004) von Manuel Meinzer.  

Produziert wurden die Werke in Ateliers, die das Kloster Ebernach in Cochem sowie der gemeinnützige Verein "Lebenshilfe" Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung zur Verfügung stellt. So wie dieses Porträt von "König Johannes" des 38-jährigen Künstlers Danny Scholz, das im "atelierblau" in Worms entstand.

Dabei ist Ort und Zeitpunkt der Ausstellung im Arp Museum gut gewählt. Jährt sich doch 2016 die Geburt des Dadaismus zum 100. Mal. Und gerade der Namensgeber des Museums, der Dadaist Hans Arp, nutzte die Kunst der damals als "geisteskrank" diffamierten Künstler als Inspirationsquelle. Im Bild: Paula Degenhardts "Hügel und viel Wind" von 2013.

Dabei ist die Präsentation der in Themenblöcke wie "Religion", "Weiblichkeit", "Freie gestische Form" oder "Architektur/Behausungen" unterteilten Schau eng angelehnt an die dicht bestückte Atelier-Situation. Das bezieht sich nicht nur auf die vielen Benutzer der Plätze, sondern auch auf den Einzelplatz, wie ein Blick auf Helga Zeidlers Wirkstätte in der Malwerkstatt Bad Dürkheim zeigt.

Auf den ersten Blick überrascht die teils herausragende Qualität vieler Werke. Auf den zweiten Blick entpuppt sich diese Überraschung als Vorurteil. "Wir sind keine Outsider, sondern Insider", sagt dem entsprechend Daniel Schoa, der 2015 dieses ebenso feingliedrige wie vielschichtige "Selbstbildnis" zeichnete. "Wir sind behindert, aber nicht dumm."

Dem entsprechend ist es nur konsequent, dass der Landesverband der "Lebenshilfe" im Oktober erstmals einen Preis unter den beteiligten Künstlern vergibt. Vielleicht wird ja der "Coole Typ" (2011) von Norbert Strecker (links) ausgezeichnet. Oder Hubert Luchts "Vogel auf der Wiese" (2010).

"Andere Wirklichkeiten" ist noch bis zum 22. Januar 2017 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen erschienen, in dem sich die beteiligten Ateliers mit Interviews vorstellen. Im Bild: Dietmar Grafes "Badende" (2015) aus dem Wormser "atelierblau" und Angelina Schirmers "Meer II" (2016) von "Die Freitags-Künstler", Altenkirchen.

Stand: 18.08.2016, 11:28 Uhr