Im Kopf von Alexander Kluge. "Pluriversum" in Essen

Im Kopf von Alexander Kluge. "Pluriversum" in Essen

Von Thomas Köster

Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge ist einer der wichtigsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart. Jetzt kann man ihm mit Filmen, Bildern und Texten im Museum Folkwang beim Denken und Bildermachen zusehen. Das ist schön, macht aber auch viel Arbeit. Wie großes Kino. Nur ganz anders.

Alexander Kluge im Museum Folkwang, Essen 2017

Im Grunde entsteht Alexander Kluges mündliche wie künstlerische Rede allmählich - wie das Internet. Aus einem schier unendlich scheinenden Wissensfundus schafft er mit großer Leidenschaft überraschende Bezüge, die oft nur auf den ersten Blick willkürlich scheinen. Zwischen Ökonomie und Mythos zum Beispiel. Oder zwischen Liebe, Macht und der Lebenszeit als Währung. Da ist der Weg vom linearen Medium (links Kluges Arriflex-Kamera) ins multidimensionale Museum nur konsequent.

Im Grunde entsteht Alexander Kluges mündliche wie künstlerische Rede allmählich - wie das Internet. Aus einem schier unendlich scheinenden Wissensfundus schafft er mit großer Leidenschaft überraschende Bezüge, die oft nur auf den ersten Blick willkürlich scheinen. Zwischen Ökonomie und Mythos zum Beispiel. Oder zwischen Liebe, Macht und der Lebenszeit als Währung. Da ist der Weg vom linearen Medium (links Kluges Arriflex-Kamera) ins multidimensionale Museum nur konsequent.

Berühmt wurde Kluge, der im Februar seinen 85. Geburtstag feierte, als Vertreter des neuen deutschen Autorenfilms ("Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos", 1968), für sein literarisches Werk erhielt er 2003 den Georg-Büchner-Preis. Mit seinen als "Fensterprogramm" getarnten Gesprächen mit Wissenschaftlern, Intellektuellen, Schauspielern, Musikern oder Schriftstellern unterwanderte er als Trojaner die Oberflächlichkeit des Privatfernsehens. Davon ist in Essen nicht viel (aber doch schon etwas) zu sehen.

Im Museum Folkwang werden filmische Werke gezeigt, die zum Teil zwar auf früheren Arbeiten basieren, tatsächlich aber eigens für die Ausstellung konzipiert oder neu aufbereitet worden sind. Was Kluge im "Pluriversum" will, ist nichts weniger, als die Filmgeschichte technisch wie inhaltlich weiterzudrehen, mit den bewusstseinserweiternden Möglichkeiten der vieldimensionalen Präsentation.

"Ich bin mir sicher, dass sich Museen heutzutage zu Werkstätten wandeln", sagt Kluge. Und in diese Werkstatt hat er auch seinen "Atlas" integriert: ein "Gedächtnis der Bilder", in dem Kluge mit seinen Editoren über Jahrzehnte zentrale Szenen der Filmgeschichte in neue Sinnzusammenhänge stellte. Von den dabei entstandenen 400 Stunden Film wird in Essen eine kleine Auswahl in einer Collage vorgeführt.

Am deutlichsten wird das Konzept wohl im Herzstück der Ausstellung, "Die Verflüssigung des Festen" (2017), dessen Titel auf Karl Marx verweist, aber eben auch auf das eigene Programm: eine von fünf Projektoren erzeugte, musikalisch rhythmisierte Bilderflut, die einen Bogen schlägt von Walgesängen über Tiere im Bombenkrieg über die Mediengeschichte des bewegten und unbewegten Bildes bis hin zum G-20-Gipfel ohne Afrika 2017. Und einer Absurdität namens Donald Trump.

Bis unter die Decke füllt sich so der ganze Raum mit Bildern, die manchmal in ruhigem Fluss, zumeist aber in wildem Stakkato geschnitten sind. Kluge geht es vor allem um die Leerstellen dazwischen. "Ich habe die Bilder ja bewusst gegeneinander geführt", sagt er. "In den Lücken entsteht eine Epiphanie, ein Bild nur im Kopf des Betrachters. Ein Film minus ein Film minus ein Film minus ein Film ist in der Summe mehr als ein Film."

"Im Kino sitzen die Menschen ja fest vor einer flachen Leinwand", sagt Kluge. "Im Museum aber kommt ihre Bewegung zur Bewegung der Bilder noch hinzu." So funktioniert "Pluriversum" im Folkwang wie eine Simultanbühne oder ein mittelalterliches Mysterienspiel, bei dem der Besucher von Station zu Station wandert. Allerdings ohne die zwingende Logik eines Handlungsstrangs. In der Menschheitsepoche des Digitalen überaus zeitgemäß.

In diesem Sinn hat Kluge seine eigene Arbeit mit dem Weben und Wirken der mythischen Ariachne verglichen, die Athene aus Neid auf die von ihr in Kleider verwobenen Bilder und Geschichten in eine Spinne verwandelte. Darauf verweist der Eingangsraum: Es ist ein Firmament aus Schlüsselwörtern, das im Pluriversum Kluges als Navigationshilfe dienen soll.   

"Eigensinn" steht da zu lesen, "Philosophie der Fußsohle", "Stalingrad – Das Knie", "Eingemachte Elefantenwünsche". Das ist zwar poetisch, aber auch esoterisch. Und hilft nur dem Eingeweihten, der sich eh schon auskennt. Objekte wie Lupe, Fernrohr und Geburtszange sind da vielleicht sogar bessere Wegweiser. Um im Bild zu bleiben: In der fein wie von Ariachne gesponnenen Textur von Kluges labyrinthischen Denkräumen fehlt dem Einsteiger bisweilen der Ariadnefaden.

Das gilt für manche der vom Ausstellungsteam wundervoll arrangierten und präsentierten Objekte, die ihre Geschichte partout nicht von sich aus preisgeben wollen. Das gilt für Texte und Bücher anderer – befreundeter? – Autoren, die als Sterne die Gedankenwelt Kluges spotartig beleuchten, von denen man aber nicht unbedingt weiß, welche Stelle.

Das gilt aber auch ein wenig für die interne Struktur der Schau. Nach welchen Kriterien etwa werden manche Filme in Flachbildschirmen an die Wand geworfen, sodass man als Besucher passiv konsumieren muss, während andere an einem Medientisch auf Tablets darauf warten, animiert zu werden? Man kann darauf kommen, hätte den Kopf aber gerne von Anfang an für andere Überlegungen frei.

Für Überlegungen zum Beispiel, die Kluge mit dem archetypischen Bild eines Hauses und seiner aus den Angeln gehobenen Tür lostritt. "Das Haus in Mitteleuropa ist nicht beweglich, kann vor Gefahr nicht ausweichen wie das Schiff des Ulysses", steht an der Fassade. Wen also hineinlassen ins Haus Europas? Und wen abweisen?

"Inhaltlich, formal und technisch ist diese Ausstellung die komplexeste, die jemals im Museum Folkwang zu sehen war", betont Noch-Museumsdirektor Tobia Bezzola, der hier durch die Schau Richtung Lesezimmer schlendert. "Das braucht Zeit." So hofft Bezzola denn auch auf "Besucher, die mehrmals kommen". Im Folkwang geht das. Schließlich ist der Eintritt kostenlos.

So entspricht "Pluriversum" dem Selbstverständnis eines Hauses, das sich eigentlich keine Besucher, sondern Bewohner wünscht, die immer einmal wiederkehren, um auf Entdeckungsreise zu gehen oder sich in ein Lieblingsbild zu versenken. Und auch in Kluges Kopf muss man sich halt ein wenig einnisten, um sich darin heimisch zu fühlen.

"Die meiste Zeit ist Gabi Teichert eher verwirrt", heißt es 1979 in Kluges Spielfilm "Die Patriotin". "Das ist eine Frage des Zusammenhangs." Damit ist eigentlich alles gesagt. Vielleicht nur noch dies: Die Ausstellung zeigt auch, wie das Geflecht in Kooperationen etwa mit Anselm Kiefer oder Thomas Demand weitergeht. Die Glastafeln von Kerstin Brätsch, die sich ihrerseits einer Schenkung Sigmar Polkes verdanken, inspirierten Kluge zu einem (ebenfalls gezeigten) Film.

So funktioniert die ganze Ausstellung in Essen verknüpfend, wie die Flaschenpost im Eingangsbereich. "In Seenot warfen Seeleute sie ins Wasser", heißt es da: "Solche Hoffnung zeigt Mut." Bei Kluge ist das immer vor allem der kantianische Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. An dieser Anstrengung kommt im "Pluriversum" niemand vorbei.

Und dann schafft die Ausstellung auch noch einen Bezug zu Kluges Schwester Alexandra, die in zentralen Filmen wie "Abschied von Gestern" (1966) oder "Macht der Gefühle" (1983) Hauptrollen spielte und im Juni 2017 starb. "Sie fehlt mir sehr", sagt Kluge. An diesen Stellen merkt man einmal mehr, dass das Denken dieses Menschen geprägt ist von großer Emotionalität. Denken ohne Gefühl ist eben leer, Weltsicht ohne Privatheit blind.

"Alexander Kluge. Pluriversum" ist noch bis zum 7. Januar 2018 im Essener Museum Folkwang zu sehen. Bei Spector Books ist parallel ein schmaler Katalog mit Bildern, Essays und Interviews erschienen, der sich aber eigentlich als eine Art Künstlerbuch verstehen lässt. Da ist in der Fläche ausbreitend angedeutet, was das Museum bietet.

Stand: 15.09.2017, 10:46 Uhr