Die Kalbträgerin. Aleksandra Domanović in Bonn

Die Kalbträgerin. Aleksandra Domanović in Bonn

Von Thomas Köster

In ihren Skulpturen bewegt sich die Künstlerin Aleksandra Domanović auf sehr poetische Weise an der Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft. In der Bonner Bundeskunsthalle ist ab heute ein neuer Zyklus zu sehen, der dies wundervoll illustriert.

Skulpturen "Bulls Without Horns"

Aleksandra Domanović wurde vor allem mit Arbeiten bekannt, die sich in einer Kombination aus unterschiedlichsten Materialien und Motiven mit gesellschaftlich-kulturellen oder wissenschaftlich-technischen Entwicklungen unserer Zeit auseinandersetzen. In Bonn sind jetzt sieben Skulpturen von ihr zu sehen, die ihr Projekt "Bulls Without Horns" weiterschreiben.

Aleksandra Domanović wurde vor allem mit Arbeiten bekannt, die sich in einer Kombination aus unterschiedlichsten Materialien und Motiven mit gesellschaftlich-kulturellen oder wissenschaftlich-technischen Entwicklungen unserer Zeit auseinandersetzen. In Bonn sind jetzt sieben Skulpturen von ihr zu sehen, die ihr Projekt "Bulls Without Horns" weiterschreiben.

"Bulls Without Horns" beschäftigt sich mit der gentechnischen Veränderung von Holsteiner Rindern, deren DNA mit Hilfe des so genannten "Genome Editing" so variiert wurde, dass sie keine Hörner mehr bekommen. 2015 gelang einer Tiergenetikerin an der University of California das Experiment. Die von Domanović modellierten Kälber haben deshalb keine Hörner.

Spotigy und Buri heißen die ersten hornlosen Exemplare. Spotigy wurde inzwischen geschlachtet, um zu untersuchen, ob sein Fleisch dem Fleisch nicht geklonter Tiere entspricht, von Buri kommen im Laufe dieses Jahres Nachfahren – vermutlich ohne Hörner – auf die Welt. Mit ihrer Geschichte hat sich Domanović intensiv beschäftigt, wie die Fotos der Schau dokumentieren.

Beim "Genome Editing" werden jene Teile der DNA aus der Kette "herausgeschnitten", die zum Beispiel für einen unerwünschten Effekt in der anatomischen Entwicklung verantwortlich sind. Auch auf diese Zerstückelung von genetischer Erinnerung spielen die Skulpturen – vor allem auf Ihren Rückseiten – immer wieder an.

Begründet wird der genetische Eingriff von den beteiligten Forschern damit, dass die ursprünglich dem Schutz vor Raubtieren dienenden Hörner im Zuge der Domestizierung nicht nur sinnlos, sondern wegen der Verletzungsgefahr auch problematisch geworden seien. "Kalbträgerin" stellt auch die Frage nach den Gefahren einer solchen Argumentation, die die Natur in den Würgegriff des Menschen nimmt.

Neben der Auseinandersetzung mit aktueller Forschung geht es Domanović aber immer auch um die künstlerisch variierte Wiederbelebung vergessener oder bewusst totgeschwiegener Geschichten, was ihrer Arbeit etwas narrativ-archäologisches verleiht. So verweist auch "Kalbträgerin" auf die griechische Antike.

Kunstgeschichtlich wurden Domanovićs Skulpturen von der "Moschophoros" genannten Votiv-Skulptur eines Kalbträgers aus dem Jahr 570 vor Christus inspiriert. Sie wurde rund 2.400 Jahre nach ihrer Entstehung im so genannten Perserschutt der Akropolis gefunden. Auch dieser Aspekt einer Zerstörung – und neuerlichen Entdeckung – von Kulturgut schwingt in den Werken mit.

Wie doppelbödig "Kalbträgerin" funktioniert, wird deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass "Moschophoros" wohl im Rahmen von Opferhandlungen zum Einsatz kam, bei denen ein Stier geschlachtet wurde. In diesem Rahmen kam den Hörnern eine wichtige Rolle zu. Oftmals waren sie mit Bändern geschmückt oder wurden sogar vergoldet.

Auch die Hermesskulpturen, die im antiken Griechenland als Verkehrszeichen dienten, spielen eine Rolle. Sie bestanden aus einer rechteckigen Säule mit einer stilisierten Büste des Götterboten sowie einem realistisch gemeißelten Phallus. 415 v. Chr. wurden alle Phallen an Athener Statuen abgeschlagen – vielleicht ein Akt der Barbarei, vielleicht aber auch eine frühe "feministische" Aktion gegen den Männlichkeitskult.

Auch Domanović hat aus dem antiken Kalbträger eine Kalbträgerin gemacht. Für ihr Interesse an Spotigy und Buri ist sicher auch nicht unerheblich, dass sie ihr Leben aus der Petrischale einer Forscherin verdanken. Auch hier kreist sie um die gesellschaftliche, wissenschaftliche – oder künstlerische – Rolle der Frau zwischen Zerstörung und Neuschöpfung.

Im Grunde geht es aber auch um politische – national begründete – Gewalt und die Brutalität ideologisch aufgeladener Systeme: Aufgewachsen ist Domanović im Jugoslawien während seiner Auflösung. Nicht nur deshalb kreisen ihre Arbeiten auch um die Frage nach einer ethischen Neuausrichtung.

Dabei ist Domanovićs Haltung zur technischen Gegenwart durchaus ambivalent, was sich auch im Herstellungsverfahren ihrer Arbeiten manifestiert. Die Skulpturen wurden mit Hilfe des Computers modelliert, als 3-D-Drucke produziert und in synthetischem Gips abgeformt. Die "Nahtstellen" zwischen Kunst und Technik sind an den Skulpturen deutlich sichtbar.

"Aleksandra Domanović. Kalbträgerin" ist noch bis zum 24. September 2017 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist eine Broschüre erschienen, die neben einem erläuternden Essay vor allem zwei Interviews enthält, die die Künstlerin mit der Tiergenetikerin geführt hat, die die beiden hornlos geklonten Stiere gezüchtet hat.

Stand: 02.06.2017, 06:00 Uhr