"Nein, ich bekäme keine Angst, wenn ich mich träfe"

"Nein, ich bekäme keine Angst, wenn ich mich träfe"

Von Hannah Rau

Zeit seines Lebens hat Abram Maenner Gedichte geschrieben. Nun - mit 76 Jahren - hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. Doch seine eigentliche Leidenschaft gilt der Bildhauerei. In seinem Haus in Overath hat er ein regelrechtes Privatmuseum errichtet.

Abram Maenner mit der Skulptur "Drei Weise".

Orte bieten Abram Maenner keine Heimat. Vor drei Jahren ist er zurück nach Overath gekommen. Es ist seine 33. Adresse. Zuvor hat er jahrelang in Italien gelebt. Zahlreiche seiner Skulpturen sind dort entstanden und tragen - wie der Stein mit den drei Gesichtern - italienische Namen: "Tre Magi" - die drei Magier.

Orte bieten Abram Maenner keine Heimat. Vor drei Jahren ist er zurück nach Overath gekommen. Es ist seine 33. Adresse. Zuvor hat er jahrelang in Italien gelebt. Zahlreiche seiner Skulpturen sind dort entstanden und tragen - wie der Stein mit den drei Gesichtern - italienische Namen: "Tre Magi" - die drei Magier.

Als Bildhauer und Dichter variiert er biblische Motive und griechische Mythen. Seine Darstellung der "Pietá"  zeigt nicht die Madonna mit ihrem toten Sohn, sondern den Tod selbst, der einen sterbenden Menschen umfasst und über ihn wächst.

Früher schenkten seine Freunde ihm Bücher, heute bekommt er stattdessen Steine. Diese bearbeitet er niemals vollständig. Bei diesem "Chronos" etwa bildet die natürliche Struktur des Steins Haupthaar und Bart des Gottes der Zeit.

Für seine Skulpturen hat Abram Maenner das denkmalgeschützte Fachwerkhaus in Overath erweitert. Eine Art Wintergarten ergänzt nun das Haupthaus. Noch finden dort die meisten seiner Arbeiten Platz - doch der Raum wird eng.

"Ich bin der Mann / mit den buschigen Brauen / der Mann mit dem Bart / der nicht weiß werden will", so beschreibt der Dichter seine Physiognomie. Vor der Skulpturengruppe "Dreifaltigkeit" sticht unweigerlich die Ähnlichkeit des 76-Jährigen mit der Darstellung des Zeus ins Auge.

"Der Ungeborene" mit seinem riesigen Kopf findet seinen Platz in der Gartenhecke. Das Thema Kindheit beschäftigt Abram Maenner auch in seinen Gedichten. Erinnert er sich an seine eigene Kindheit, so erinnert er sich an eine Zeit der Entbehrungen: "Ich war immer etwas / zurückgeblieben / erst mit dreieinhalb / Jahren lernte ich laufen", schreibt er. Als Sohn einer Jüdin wurde er 1941 an der böhmischen Grenze geboren. Er wuchs in Armut auf, war unterernährt, sein Vater nahm sich das Leben, die sieben Halbbrüder machten ihn und seine Mutter verantwortlich und setzten sie auf die Straße.

Mit elf Jahren suchte Abram Maenner ein Kloster auf. Bei den Augustinern fand er Obhut. Doch als Atheist fühlte er sich in der Gemeinschaft immer fremd. Obwohl er niemals gläubig war, bezieht sich der Bildhauer häufig auf biblische Figuren. Der von Schmerz gepeinigte und von Gott auf die Probe gestellte "Hiob" gehört zu seinen Lieblingsskulpturen.

Der Schädel seines Selbstporträts ist gespalten und seine biografischen Gedichte leitet der Vers "Nein, ich bekäme keine Angst, wenn ich mich träfe" ein. Doch Abram Maenners lyrisches Ich wirkt dunkler, dämonischer, als der reale Dichter, der stets darum bemüht ist, sich und seine Arbeit verständlich zu machen. Er sei keineswegs Misanthrop, sagt er, wohl aber Pessimist.

Man darf Abram Maenner nicht immer ernst nehmen. Seine "Wahrheitsbibliothek" beispielsweise ist ein ironischer Kommentar auf das Buchwissen und den unhaltbaren Wahrheitsanspruch der Religionen. Dort liegt die "verbogene Wahrheit" neben zerfledderten "Apokryhen". Auch Teil der Bibliothek, schlicht, unauffällig, aber streng: "Der Terminkalender".

In der Skulptur "Eurasien" begegnen sich die Kulturen. Abram Maenner hat schon als Junge die Welt bereist. Später bewegte sich der Weltenbummler statt mit dem Fahrrad per Anhalter fort. So lernte er auch seine Frau Lea Richter kennen, von der er sagt, sie sei seine Heimat. Sämtliche seiner Liebesgedichte gelten ihr.

Auch seinen Skulpturen widmet er Gedichte. In akkurater Handschrift und schwarzer Tinte hängen sie in dem Ausstellungsraum.

Nicht zum Broterwerb, sondern für sich arbeitet Abram Maenner. Seine Skulpturen sind unverkäuflich, Haus und Garten, selbst der ehemalige Vorratsraum im Keller voll davon. Die Gedichte sammelt er in großen Büchern, gebunden in Leder. Alle drei Jahre füllt er ein neues. Darin finden sich jeweils ca. 450 Gedichte. Bald ist der vierte Band voll.

Rund 500 Gedichte umfasst sein erster veröffentlichter Gedichtband. Die Skulptur des "Säulenheiligen" bildet das Cover: "Findelkinder" ist im Juni 2017 im Wehrhan Verlag erschienen. 560 Seiten kosten 19,80 Euro.

Stand: 18.08.2017, 09:04 Uhr