#NRW70: Was ist Ihr liebster Kulturort?

#NRW70: Was ist Ihr liebster Kulturort?

Von Marion Kretz-Mangold

Die Kunst ist überall zuhause, sagt man. Deswegen kann man sie auch überall lieben. Trotzdem: Jeder Kunst-Aficionado hat den einen, besonderen Ort, den sie oder er tief im Herzen trägt. Wir haben prominente Kulturschaffende und Kulturbegeisterte gefragt: Was ist Ihr liebster Kulturort in NRW?

Montage: Rainer Maria Woelki - Rheinbrücke und Dom

"Er ist unübersehbar, schon von weitem, seine Silhouette weltbekannt – und ob katholisch, sonstwie religiös oder 'gar nix': der Dom ist das Kölner Identifikationsmerkmal schlechthin", antwortet der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki im WDR 3 Interview. Woelki ist in Köln geboren, und der Dom ist gar nicht aus seinem Leben wegzudenken - nicht nur, weil er hier zum Priester und zum Bischof geweiht wurde.

"Er ist unübersehbar, schon von weitem, seine Silhouette weltbekannt – und ob katholisch, sonstwie religiös oder 'gar nix': der Dom ist das Kölner Identifikationsmerkmal schlechthin", antwortet der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki im WDR 3 Interview. Woelki ist in Köln geboren, und der Dom ist gar nicht aus seinem Leben wegzudenken - nicht nur, weil er hier zum Priester und zum Bischof geweiht wurde.

Das Bauwerk an sich sei ja schon ein "absoluter Hingucker", die 20.000 Besucher täglich belegen das. Aber es komme nicht allein auf die Zahlen an: "Es überzeugt das Geschehen beim Eintreten in diesen großartigen Raum, der einen schlichtweg nur Aah und Ooh empfinden lässt. Der Dom lässt einen, mitten in der Geschäftigkeit der Stadt, eine Wirklichkeit jenseits unserer Zahlen, Berechnungen und Kalkulationen erfahren. Das macht den Dom so kostbar, gerade heute."

Eine "innige Beziehung" hat Fritz Behrens seit fast 30 Jahren zum Museum Insel Hombroich. Der frühere Justiz- und Innenminister (SPD) und heutige Präsident der NRW-Kulturstiftung war noch Regierungspräsident in Düsseldorf, "als Karl-Heinz Müller damals die abstruse Idee hatte, seine gesammelte Kunst in der Natur zu zeigen, und das in Gebäuden, die selbst Kunst sind."

Fritz Behrens unterstützte die Idee und beobachtete, wie es zu "einem riesigen Gesamtkunstwerk in wunderbarer Umgebung" heranwuchs. Kunstsammler Müller ist früh gestorben, "sein Geist und seine Empathie waren nicht einfach zu ersetzen", und viele der Bauten müssten wieder saniert werden. "Aber sie sind wieder auf einem guten Weg. Und ich schleppe immer noch alle meine Gäste dahin."

Auf der Halde des Bergwerks Rheinpreußen bei Moers steht das "Geleucht", ein 30 Meter hohes Werk des Künstlers Otto Piene in Form einer Grubenlampe und von der A 42 aus wirklich nicht zu übersehen. "Ich bin aber immer dran vorbeigefahren, wie die meisten anderen auch", sagt Westart-Moderator Matthias Bongard.

Erst Dreharbeiten für eine Sendung über Sommer-Ausflugsziele brachten ihn auf den Berg - und bescherten ihm ein Bild, "das mich umgehauen hat". Die Sonne ging gerade unter, und "da kam ein junges Pärchen auf den Berg rauf, setzte sich auf einen Steinhaufen, eng umschlungen in einer Wolldecke, mit einer Flasche Wein und seligen Blicken. Und unten war nun wirklich keine herrliche Natur, da war, so weit das Auge reichte, eine Industrielandschaft mit qualmenden Schloten im Sonnenuntergangslicht. Aber die Stimmung war einfach: Es gibt keinen schöneren Blick auf der ganzen Welt. Seitdem ist das mein Sehnsuchtsort."

Ein kleines Dorf im Westerwald: für Fotografin und Kunstsammlerin Renate Gruber ein ganz besonderer "Lieblings-Kulturort". Dorthin hatte es den großen Fotografen August Sander im Krieg verschlagen, nachdem sein Haus in Köln zerbombt worden war. Renate Gruber und ihr Mann Fritz, selbst ein bekannter Fotograf und Mitbegründer der Photokina, kannten und schätzten Sander schon lange - das erste Bild, das in der "Sammlung Gruber" im Museum Ludwig zu sehen war, war ein Sander-Porträt.

Renate Gruber erinnert sich an ihr letztes Treffen ein Jahr vor Sanders Tod: "1963 nun für die Fernsehfolge: 'Grosse Photographen unseres Jahrhunderts' der Besuch im malerischen Fachwerkhaus in Kuchhausen. Sohn Gunther, der das Werk des Vaters liebevoll und vorbildlich betreute, und Enkel Gerd, der nach dem Tod seines Vaters in dessen Fussstapfen trat, waren mit uns. August Sander, vom Alter gezeichnet, sprach sehr wenig, so setzten sich Sohn und Enkel rechts und links neben ihn auf die Bank und antworteten für ihn, er nickte zustimmend und sagte: ja ja. Dieses Bild hat sich mir tief eingebrannt, ein Teil der deutschen Photogeschichte in dieser Stube mit den Zinntellern und Krügen! Ich habe in meiner Vaterstadt Köln großartige Ausstellungen gesehen, wunderbare Konzerte gehört, bedeutende Menschen kennen lernen dürfen, aber dies Abschiedserlebnis bei August Sander in Kuchhausen war elementar."

Armin Laschet braucht nicht lange nach seinem liebsten Kulturort zu suchen: Es steht im Herzen seiner Heimatstadt Aachen. "Der Aachener Dom mit seiner über 1.200-jährigen Geschichte ist ein durch und durch europäisches Bauwerk", erzählt der Vorsitzende der NRW-CDU im WDR 3 Interview.

"Jeder Stein symbolisiert, was uns Europäer kulturell und geistig verbindet und trägt. Dass dieser Dom 1978 als erstes deutsches Kulturdenkmal in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, zeugt vom kulturellen Reichtum unseres Landes Nordrhein-Westfalen", so Laschet.

Wenige Kilometer entfernt liegt Kornelimünster, für die Künstlerin Ulrike Rosenbach "ein Surround-Kulturort" und deswegen etwas ganz Besonderes. Architektonisch, weil hier Barock auf Fachwerk trifft. Künstlerisch, weil in der ehemaligen Reichsabtei Kunst aus NRW präsentiert wird, und spirituell, nicht zuletzt wegen des Jakobswegs, der hier durchführt.

Norbert Blüm hat so viele liebste Kulturorte in Nordrhein-Westfalen, dass ihm die Entscheidung schwer fällt. Aber am meisten schwärmt er vom Rolandsbogen hoch über dem Rhein. Der steht strenggenommen gar nicht mehr in NRW, aber für den ehemaligen CDU-Bundesminister (und nicht nur für ihn) ist er einer der "schönsten Orte der Welt". Von dort, sagt er, hat man eine fantastische Aussicht auf das Siebengebirge, auf die Insel Nonnenwerth und auf Rhöndorf, wo Adenauer lebte und begraben ist.

Blüm, der seit Jahrzehnten in Bonn lebt, kennt auch alle Geschichten dazu, die Rolandsage - "Die hat alles, was eine richtige Liebesgeschichte ausmacht, nur ohne Happy-End" - und die Anekdote von Adenauers berühmten Auftritt auf dem roten Teppich am Petersberg. Blüm findet den Ort geradezu mystisch: "Man blickt tausend Jahre zurück und auf die Zeitgeschichte - und das alles von diesem einen Punkt aus."

Einen weiteren Lieblings-Kulturort möchte Blüm aber doch noch nennen: Das Poppelsdorfer Schloss, wo im Sommer Konzerte stattfinden. "Ich liebe es, unter freiem Himmel Musik zu hören, da ist man nicht so eingepfercht, und das in diesem Raum mit den wunderbaren Proportionen." Wenn es dunkel wird "und man nicht zittern muss, dass es regnet - das ist einfach toll. Das müsste viel mehr Besucher haben."

"Die Kölner Philharmonie ist ein Konzertsaal der Superlative", findet der Dirigent Markus Stenz - und sie liegt ihm aus vielen Gründen besonders am Herzen. Da ist einmal die Architektur: "Sie hat eine unvergleichliche Aura und eine erlesene Akustik. Durch die Anordnung des Publikums in Halbkreisen wird die Bühne zum Magneten für Auge und Ohr."

Und da ist das "mich entscheidend prägende Musikerlebnis meiner Studentenzeit in Köln, die damalige Eröffnung der Philharmonie mit Mahlers 'Sinfonie der Tausend'. Alles was tönen kann, findet sich in dieser Sinfonie" - die er später, zum 25-jährigen Jubiläum der Philharmonie, selbst dirigiert. Stenz blieb diesem "unvergleichlichen Ort" eng verbunden, mit dem WDR-Sinfonieorchester, als Gürzenich-Kapellmeister, bei einer konzertanten Parsifal-Aufführung, das mit Licht und halbszenischen Elementen ein ganz besondere Raum-Zeit-Erlebnis schuf. "Ich durfte erfahren, was die Kölner Philharmonie zu leisten vermag. Vielleicht geht es ja vielen Menschen wie mir: Ein Besuch dort kann das Leben verändern..."

Nicht weniger begeistert, fällt die Antwort des Chefdirigenten des WDR Sinfonieorchesters Jukka-Pekka Saraste aus, ebenfalls ein Fan der Philharmonie: "Das ist meine Nummer eins", sagt er. "Ich konnte so viel durch Nordrhein-Westfalen reisen, und ich denke, hier haben wir eine wundervolle Einrichtung, in der Musik Tausenden von Menschen auf einem sehr hohen Niveau präsentiert werden kann."

Eine ganze Stadt hat Regisseur Heinrich Breloer zum "Lieblings-Kulturort" gewählt: Marl, seine Heimatstadt, "mit der ich soviel Glück gehabt habe". Hier ist der Erfinder des Doku-Dramas, der die Schleyer-Entführung in Szene setzte und die Geschichte der Familie Buddenbrook verfilmte, schon als Junge mit der Kunst und der großen Welt in Berührung gekommen. Da waren die vielen Kinos, in die sich der Internatsschüler am Wochenende flüchtete, und die "Insel", eine der ersten Volkshochschulen der Nachkriegszeit, "mit der die Moderne in die Stadt einbrach und uns alle mit viel Frischluft gegen den Mief der Fünfziger versorgt hat. Dann entdeckte das Fernsehen mit dem Grimmepreis die Provinz und wir waren endgültig auf der Höhe der Zeit angekommen."

"Ein ganz besonderes Biotop" war aber die elterliche "Loemühle", ein "kleines Paradies mit Teichen und Fontänen": Hier wohnten Ruhrfest-Schauspieler, Theater-Leute und Grimme-Preis-Träger, "die ganze Elite saß bei uns am Stammtisch, weil die Küche für sie auch nach Mitternacht geöffnet hatte". Mit Heinz Drache spielte er Federball, mit Hardy Krüger holte er Marion Michael ("die erste Brust im deutschen Film") vom Bahnhof ab, und abends gab es Eifersuchtsszenen und fliegende Gläser. "Eine wunderbare Bühne", erinnert er sich - und manchen von denen, die er als Junge kennen lernte, begegnete er später als Filmemacher wieder.

Die heimische, also niederländische Architektur vermisst Rein Wolfs nicht sonderlich. "Schwer tue ich mich allerdings mit der relativen Abwesenheit von Backstein hierzulande", erzählt der Intendant der Bundeskunst- und Ausstellungshalle in Bonn.

"Mies van der Rohe hat mit seinen Krefelder Villen Haus Lange und Haus Esters aber einzigartige Backsteinikonen geschaffen, die auch für zeitgenössische Kunst hervorragend geeignet sind." Ein Teil seines Lieblings-Kulturortes wird in der kommenden Gregor-Schneider-Ausstellung zu sehen sein - als Nachbau des "Sterberaums" aus dem Haus Lange.

"Ein fantastischer Bau, sowohl von außen als von innen": Schauspielerin Caroline Peters hat das Diözesan-Museum Kolumba zu ihrem liebsten Kulturort in NRW gewählt. "Die Stadtarchitektur von Köln ist ja eher schwierig, so zusammengeschustert. Das nimmt der Bau auf, ganz und gar unaufgeregt, und trotzdem springt er einem wahnsinnig in die Augen."

"Wenn ich an die Kirche St. Antonius in Siegburg-Seligenthal denke, werden bei mir Kindheitserinnerungen wach", antwortet WDR-Intendant Tom Buhrow auf die Frage nach seinem liebsten Kulturort in NRW.

"Ich bin in Siegburg aufgewachsen und habe in dieser Kirche (Anm.d.Red.: nicht im Bild) als Messdiener viele Sonntage verbracht. Die Kirche ist die älteste Franziskanerkirche nördlich der Alpen und gleichzeitig auch eine bedeutende Pilgerstätte. Für mich ist sie einfach mein Lieblingskulturort in Nordrhein-Westfalen. Ein ganz besonderes Erlebnis sind übrigens die Konzerte, die hier stattfinden. St. Antonius ist für mich aber auch ein Ort der Ruhe und des Ankommens, umgeben von herrlicher Natur. Heimat eben," so Tom Buhrow. [Im Bild: Die ehemalige Benediktiner-Abtei Michaelsberg, Teil der Kirchengemeinde Siegburg.]

Stand: 17.08.2016, 15:41 Uhr