Ausgezeichnet: Hörspiel über Gewalt-Videos im Netz

Der belgische Autor und Regisseur Lucas Derycke

Ausgezeichnet: Hörspiel über Gewalt-Videos im Netz

  • WDR 3 Hörspiel "Screener" erhält Hörspielpreis der Kriegsblinden
  • Thema des Autors Lucas Derycke: Gewalt-Videos im Netz
  • Interview mit Redakteurin Hannah Georgi

"Screener" erzählt von einem jungen Mann, der als sogenannter Content Reviewer unangemessene Videos aus dem Internet filtert. Tag für Tag sortiert er die Bilder aus, die niemand sonst sehen soll – Gewalt, Pornografie, Erniedrigung. Was passiert, wenn man all das, was in der Welt und vor der Kamera geschieht, auch ansehen muss?

WDR: Frau Georgi, ein ziemlich hartes Thema, oder?

Produktionsfoto:  Hannah Georgi, Christian Löber

Hannah Georgi bei einer Hörspiel-Produktion

Hannah Georgi: Ja, ein hartes Thema, aber das betrifft uns ja schließlich alle. Wir kennen das, wir sind täglich im Internet unterwegs, gucken uns diese Sachen an, stolpern vielleicht auch über das ein oder andere gewalttätige Video - über die harmlosen, die auf Plattformen wie Youtube oder Facebook eingestellt werden. Und es ist klar, dass dieser Content, der aus Pornografie, Gewaltvideos oder sogar Snuff-Videos besteht, also Videos, in denen Leute umgebracht werden, ja irgendwo gefiltert werden muss. Dazu gibt es Gesetze. Das passiert zum einen durch Maschinen, die über Pixel filtern, und zum anderen durch Menschen, die sich davor setzen und acht Stunden am Tag oder länger Videos angucken. Das hinterlässt natürlich Spuren.

Screener

WDR 3 Hörspiel | 17.05.2016 | 43:06 Min.

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WDR: Wie beschäftigen Sie sich mit diesen Menschen im Hörspiel?

Georgi: Der Protagonist Felix ist einer von diesen Screenern, also diesen Sichtern, die sich das anschauen, und er steht im Zentrum des Stücks. Er taggt diese Videos - also er löscht sie nicht wirklich, sondern er taggt sie, und das ist eigentlich das noch Schlimmere für ihn. Er versucht quasi noch zu "verbegrifflichen" und zu verarbeiten, was er da sieht. Und das verfolgt ihn. Seine Wirklichkeit, sein Leben vermischt sich irgendwann mit den Erinnerungsfetzen und Fragmenten aus den Videos. Das führt im Endeffekt zu einem psychischen Zusammenbruch.

WDR: Das beruht natürlich auf realen Erfahrungen. Wie hat der Autor für dieses Hörspiel recherchiert?

Kollege 1 (Moritz Führmann) und Felix (Andreas Helgi Schmid) im Studio

Moritz Führmann und Andreas Helgi Schmid (Felix, rechts) im Studio

Georgi: Er hat sich ganz konkret auf einige Artikel aus dem Internet, die sich mit diesen Content-Reviewern oder Screenern beschäftigen, berufen, hat sich dann aber relativ schnell davon losgelöst und versucht, über ästhetische Mittel etwas über diesen psychischen Zustand zu erzählen. Vordergründig ist es eben diese psychische Geschichte - ein Protagonist, dessen Leben aus den Fugen gerät. Aber das ist natürlich nur die Folie, denn im Hintergrund geht es um die menschlichen Abgründe, die da versammelt sind. Das ist vielleicht auch so eine Art zivilisatorische Grenzsituation, die wir da im Internet haben und auf die das Hörspiel "Screener" auch durch eine ganz besondere Akustik anspielt.

WDR: Das ist ein Thema, das uns alle betrifft und das wir vielleicht auch alle gerne mal verdrängen - dass es da tausende von Menschen gibt, die sich jeden Tag diese Gewaltvideos antun. Für Hörspielmacher stellt sich auch die Frage: Wieviel bringt man zu Gehör, von diesen ziemlich grausamen Szenen?

Bild einer Überwachungskamera: Mann und Frau sitzen in kleinem Raum an einem Tisch, verpixelt

Täglich acht Stunden und länger filtern Screener Internetvideos

Georgi: Das war natürlich das, womit ich mich mit Lucas Derycke ziemlich viel beschäftigt habe. Auch die Diskussion, wie man das überhaupt hörbar macht, denn es ist natürlich ein visuelles Thema. Wie kriegen wir das Visuelle ins Akustische? Hier besteht eigentlich die Chance. Wir hören zum Teil tatsächliche Videos, zum Teil sind es aber auch nachgebaute Sequenzen mit diesen Tag-Wörtern - also immer drei englische Wörter, die den Inhalt beschreiben. Das spielt unsere Imagination an und wir können uns ziemlich schnell vorstellen, was es ist.

WDR: Haben Sie mal ein Beispiel für dieses "Tagging"?

Georgi: Zum Beispiel hört man mexikanische Musik, die wir vielleicht aus so Serien wie "Breaking Bad" kennen und der Protagonist Felix sagt dazu "body, acid, mexican". Und ganz schnell entsteht das Bild - wir kennen das aus der Serie -, dass ein Körper sich auflöst in einem Fass voller Säure. Das entsteht ausschließlich aus diesen Begriffen. Er tut das, damit dann mit einer Maschine anhand dieser Begriffe aussortiert werden kann, einfach durch ein technisches System. Dafür muss aber der Mensch erst einmal gucken, was da genau drauf zu sehen ist.

WDR: Da realisiert man, wie diese fürchterlichen, unerträglichen Gewaltdarstellungen heruntergebrochen werden auf drei Wörter, die das quasi auch im Kopf des Protagonisten rationalisieren.

Porträt von Hörspielautor Lucas Derycke mit einem Mikrofon am Meer

Lucas Derycke bei Außenaufnahmen am Meer

Georgi: Genau. Und das funktioniert natürlich nicht. Das sehen wir immer an den Zwischenspielen. Es gibt kleine musikalische Miniaturen. Der Toningenieur Benno Müller vom Hofe hat das "Popsong-Struktur" genannt. Ich fand das eine ganz schöne Umschreibung, denn der Fluss der Szenen aus dem Leben von Felix wird immer wieder durchbrochen von kleinen Popsongs. Die bestehen aus einem auf Beat geschnittenen Ensemble aus Fragmenten, Erinnerungsfetzen an die Videos, aber auch an das, was Felix tagtäglich sieht.

Das nimmt am Ende zunehmend an Fahrt auf, bis es in dem psychischen Zusammenbruch des Protagonisten kulminiert. Das war eine ganz besondere ästhetische Zusammenarbeit, die auch für den Hörspielpreis der Kriegsblinden besonders ist. Denn der Preis zeichnet häufig Stücke aus, die diesen Spagat zwischen inhaltlicher und ästhetischer Aktualität ziehen. Das ist das Besondere an diesem Stück, das mich ganz besonders freut.

Das Gespräch führte Nicolas Tribes in WDR 3 Kultur am Mittag.