Grimme-Online-Award 2017: Datteltäter und demokratische Grundversorgung

Die beiden Siegerteams

Grimme-Online-Award 2017: Datteltäter und demokratische Grundversorgung

Von Conny Crumbach

  • In Köln wurden am Freitag (30.06.2017) die Grimme Online Awards verliehen
  • WDR Kandidatencheck zur NRW-Wahl gewinnt in der Kategorie "Information"
  • Auch Virtual Reality Projekt zum Kölner Dom des WDR wird ausgezeichnet

Mit leichtem Nieselregen auf dem roten Teppich startet die Verleihung des Grimme-Online-Awards 2017 an diesem Freitagabend (30.06.2017) in Köln. Über 300 Gäste und Nominierte sind in die Kölner Flora gekommen und warten gespannt auf die Bekanntgabe der Gewinner in den fünf Kategorien. Moderatorin des Abends ist Jeannine Michaelsen, die das Mikro zur Eröffnung an die Direktorin des Grimme-Instituts weiterreicht. Frauke Gerlach lobt die Vielfalt der rund 1.600 eingegangenen Bewerbungen. Darunter seien auch sehr viele Podcasts gewesen, sagt die Direktorin. "Das zeigt, dass auch traditionelle Medien immer wieder neu aufleben." Gleichzeitig sei in diesem Jahr aber auch ganz deutlich geworden, wie sehr 360 Grad und Virtual Reality das dokumentarische Erzählen und die Reportage verändern.

"Musik für Gehörlose übersetzen - das geht?"

Preisverleihung in der Kölner Flora

Preisverleihung in der Kölner Flora

Gleich zwei Preise werden in der Kategorie "Wissen und Bildung" verliehen. Der erste geht an die Web-Reportage "Die mit den Händen tanzt" des Hessischen Rundfunks. Laudator Mitri Sirin schwärmt: "Ich hab' mich sofort in das Projekt verliebt. Das liegt vor allem auch an der Protagonistin." Die Protagonistin - das ist die Gebärdendolmetscherin Laura M. Schwengber. Das Besondere an ihrer Arbeit: Sie übersetzt Musik für Gehörlose. "Musik für Gehörlose übersetzen – das geht?" Diese Frage mussten die Autoren der Reportage schon sehr oft beantworten - mit "Ja" natürlich! – und ihre Reportage schafft es mit viel Humor, eine Brücke zwischen der Welt der Gehörlosen und der der Hörenden zu bauen, so die Jury.

Der zweite Preis geht an die Web-Reportage "Was heißt schon arm?" Autoren von Spiegel-Online gehen dort der Frage nach, was Armut bedeutet, indem sie sensibel die Lebenssituation von ganz verschiedene Menschen in unserer Gesellschaft zeigen, die von Armut betroffen sind.

Die Preisträger in der Kategorie "Wissen und Bildung“:

"Ein Stück demokratische Grundversorgung"

Preisträger WDR Kandidatencheck

Preisträger WDR Kandidatencheck

Der Kandidatencheck des WDR gewinnt den Preis in der Kategorie "Information". Bei diesem medialen Großprojekt führte der WDR Interviews mit über 1.000 Kandidaten der NRW-Landtagswahl. Allen Kandidaten wurden dabei die gleichen Fragen zu ihrer Einstellung und ihren Lösungsvorschlägen für verschiedenste Themen gestellt - sodass die Wähler sich im Netz ganz in Ruhe ein Bild von ihren Kandidaten machen konnten. "Die mediale Kompetenz von Ludwig Erhard war so gering, dass er heute gescheitert wäre", sagt Friedrich Küppersbusch in seiner Laudatio. Küppersbusch betont, dass diese mediale Kompetenz von Politikern heute extrem wichtig sei und Journalisten "eine brutale Verantwortung" hätten. Die Jury zitiert Friedrich Küppersbusch mit den Worten: "Dem WDR ist mit seinem Kandidatencheck ein Stück demokratischer Grundversorgung gelungen."

Der Preisträger in der Kategorie "Information":

Islam-Comedy, der Dom und ein kleiner Wochenendrebell

Den Preis-Rekord bricht an diesem Abend die Kategorie "Kultur und Unterhaltung". Denn hier verleiht der Schauspieler Oliver Wnuk sogar drei Preise. Den ersten nehmen "die Datteltäter" entgegen - ein Comedy Youtube-Kanal, auf dem mit viel Humor und Ironie die Unterschiede zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen aufs Korn genommen werden. "Es ist sehr lustig, Es ist klug geschrieben. Es ist authentisch, anarchisch und bestimmt sehr mutig", so das Lob des Kollegen Wnuk.

Die Preisträger des Dom-Projekts

Das Team des WDR Dom-Projekts

Den zweiten Preis erhält das WDR-Projekt "Der Kölner Dom in 360 Grad". Mit Hilfe einer VR-Brille kann man in dieser App unter anderem dem Dom-Organisten über die Schulter sehen oder ein exklusives Chorkonzert im Kölner Dom erleben. Wnuk lobt das Projekt als zusätzliches Vehikel, das mit Hilfe der Technik Menschen für Geschichte, Kunst und Kultur begeistert. Das Angebot setze Maßstäbe und ziehe in den Bann, kommentiert die Jury.

Der Podcast "Wochenendrebell" ist der dritte Gewinner in der Kategorie: Ein Blog, in dem ein Vater und sein Sohn mit Asperger-Syndrom gemeinsam auf die Suche nach einem Lieblings-Fußballverein gehen.

Die Preisträger in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung":

"Digitale Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft"

Die Mitglieder der Facebookgruppe #ichbinhier greifen als Diskussionsteilnehmer in Sozialen Netzwerken ein und versuchen so, Hass und Vorurteilen entgegenzutreten. Dafür bekommen sie den Preis in der Kategorie "Spezial". Laudatorin Ronja von Rönne kommentiert: "Sicher seltsam, das hier zu sagen, aber eigentlich finde ich, dass das Internet gesammelt wieder abgeschafft werden sollte. Weil es kaum einen Ort gibt, der so voller Hass ist." Sie zeigt sich beeindruckt von der Arbeit von #ichbinhier und der Ausdauer der Mitglieder, dem Hass im Netz die Stirn zu bieten. Die Jury lobt die "ermutigende Botschaft" des Projekts und beschreibt es als "eine digitale Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft".

Auch ausgezeichnet wird die nachnomnierte "Resi-App". Eine App, die Nachrichten vorsortiert und vor allem Jugendliche ansprechen will. Dafür werden schreckliche Unfälle auch schon mal mit traurigen Emojis kommentiert.

Die Preisträger in der Kategorie "Spezial":

Publikumspreis für "Datteltäter"

Die Preisträger von Datteltäter mit Moderatorin Jeannine Michaelsen

Zweimal abgerämt: "Datteltäter" mit Moderatorin Jeannine Michaelsen

Und ganz zum Schluss dürfen noch einmal die "Datteltäter" auf die Bühne, denn sie gewinnen – nicht zuletzt wegen ihrer großen Fan-Community - den Publikumspreis.
Unter den Kandidaten, die ohne Auszeichnung nach Hause gehen, sind an diesem Abend auch zwei weitere nominierte Projekte des WDR - "Erwin Hapke - der Welten-Falter" und "Inside Auschwitz - 360 Grad". Für die Macher kein Grund zum Traurigsein. Denn schon die Nominierung ist hier eine Auszeichnung. Nach der fast zweieinhalbstündigen Preisverleihung heißt es darum in der Kölner Flora – egal ob mit Preis oder ohne: Jetzt wird gefeiert.

Stand: 01.07.2017, 01:30