Der Fernsehzuschauer als Richter

Filmszene: Gerichtsverfahren

Der Fernsehzuschauer als Richter

Von Annika Franck

Der ARD-Film "Terror" basiert auf dem erfolgreichen Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Die Geschichte: Ein Kampfpilot hat eine entführte Passagiermaschine mit 164 Menschen abgeschossen, ein Terrorist hatte gedroht, damit in ein Stadion mit 70.000 Menschen zu fliegen. Nun steht der Kampfpilot vor Gericht. Das Besondere: Die Zuschauer fällen am Ende das Urteil. Am Donnerstag (13.10.2016) wurde der Film im WDR-Funkhaus vorab gezeigt. Unsere Autorin Annika Franck hat das Experiment mitgemacht.

Ein Flugzeug am blauen Himmel. Alles ruhig. Dann: Panische Stimmen, Gesprächsfetzen wie "Entführung", "Gefahr" "Menschenleben". So beginnt der Film, das verspricht große Emotionen, und dann wird gleich am Anfang auch noch der 11. September 2001 als Referenz-Ereignis genannt. Als Fernsehzuschauer erwartet man nun beinahe Flammen, verzweifelte Menschen, Chaos, Panik. Diese Erwartungen werden nicht erfüllt. Der Gerichtssaal ist modern, nüchtern, die Atmosphäre wirkt etwas künstlich, der Film gleicht einem Kammerspiel. Zu Beginn wirkt das befremdlich: Der angeklagte Kampfpilot hat ein Geständnis abgelegt, er hat eigenmächtig entschieden, die Passagiermaschine abzuschießen, er hat 164 Menschenleben geopfert, um Zehntausende zu retten. Fertig. Fertig? Nicht wirklich.

Eine einsame Entscheidung des Piloten

Der Pilot hat mit seiner einsamen Entscheidung viele Menschen gerettet, argumentiert der Verteidiger. Sehr verantwortungsvoll, denkt man und will für den Angeklagten, gespielt von Florian David Fitz, Partei ergreifen. Das ist aber gar nicht so leicht, denn Gefühle zeigt dieser Soldat nicht. Und dann noch sein Verteidiger, verkörpert von Lars Eidinger, der so überheblich und total unsympathisch daher kommt. Am Anfang geht es dann auch viel um Technik-Sprache, über die Aufgaben der Luftüberwachung. Da, so wird klar, haben natürlich alle nur ihren Job gemacht: Die entführte Maschine wurde aufgefordert, den Kurs zu ändern, es hat einen Warnschuss gegeben - nur der finale Befehl zum Abschuss wurde nicht erteilt. "Es passierte: Nichts", sagt der einzige Zeuge im Verfahren, ein hochrangiger Militär, der bei der Luftüberwachung tätig ist. Seltsam.

Immer mehr Fragen tauchen auf

Filmszene: Gerichtsverfahren

"Leben darf nicht gegen Leben abgewogen werden", sagt die Staatsanwältin.

Warum ist nichts passiert? Als klar war, dass das entführte Flugzeug auf das voll besetzte Stadion zufliegt - warum wurde nicht der Befehl gegeben, das Stadion zu evakuieren? Zeit genug wäre gewesen, argumentiert die Staatsanwältin (Martina Gedeck). Vielleicht wollten die verantwortlichen Militärs einfach keine Entscheidung treffen. Sie haben sich darauf verlassen, dass der pflichtbewusste Pilot genau das tun würde, was er letztendlich auch getan hat. Steht hier also eine Art Sündenbock vor Gericht? Ich frage mich, ob da der Richtige auf der Anklagebank sitzt.

"Es geht nicht anders" hat der Pilot kurz vor dem Abschuss ins Mikrofon geschrien. Erinnern kann er sich daran nicht - auch ein aalglatter Soldat zeigt in Extremsituationen Gefühle. Als Zuschauer will man ihm nickend zustimmen. Einerseits. Denn im nächsten Moment sagt dieser vermeintlich verantwortungsbewusste Familienvater befremdliche Dinge: Dass zum Beispiel alle Menschen, die ein Flugzeug besteigen, damit rechnen müssen, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Wie bitte? Spätestens jetzt ist es vorbei mit der unterkühlten Atmosphäre. Es brodelt unter der Oberfläche. Was ist nun richtig?

Gedanken über die Menschen und unser Rechtssystem

Darf sich ein Pilot keine Gedanken über das Menschsein erlauben? Die Staatsanwältin sieht das anders. Wenn sie den Angeklagten in die Mangel nimmt, geht es ans Eingemachte: "Hätten sie auch geschossen, wenn Ihre Frau und Ihr Sohn an Bord der Maschine gewesen wären?" Wer hat auf so eine Frage die richtige Antwort?

Schien zu Beginn der Fall ziemlich klar, tauchen im Laufe der Verhandlung immer mehr Fragen auf. Wären die Insassen des Passagierflugzeugs nicht sowieso gestorben, auch ohne den Abschuss? Hätten sie es schaffen können, ins Cockpit zu gelangen und den Entführer zu stoppen? "Spontan würden wir alle tun, was der Angeklagte getan hat", gibt die Staatsanwältin in ihrem eher akademischen Plädoyer zu. Aber was ist das höhere Gut, die Verfassung oder die Moral? Ist nicht unsere Verfassung die stärkste Verteidigung im Kampf gegen Terror - das habe ich bisher gedacht. Aber sollten wir immer nach Prinzip handeln oder eher im Einzelfall entscheiden? Darf ein Einzelner sich über das Gesetz stellen - auch wenn er möglicherweise 70.000 Menschen das Leben gerettet hat? Keine leichten Fragen. Entscheiden müssen Sie.

Die Autorin

 Annika Franck

Zu Beginn der Vorführung war unsere Autorin Annika Franck leicht verwirrt, weil die klinische Atmosphäre des Films so gar nicht zu dem sehr emotionalen Thema zu passen schien. Am Ende war sie froh, dass sie in diesem Fall nicht wirklich in der Haut einer Schöffin oder einer Richterin steckt.

Stand: 13.10.2016, 21:14