Räume fürs Träumen - Von der Lust am Kino im Freien

Räume fürs Träumen - Von der Lust am Kino im Freien

Open Air Kino - das heißt Filme unter freiem Himmel, relaxen und träumen. Sommerkinos inszenieren ihre Lichtspiele an oft ungewöhnlichen Orten wie Fabrikhöfen oder Hafenbecken. Ein Streifzug durch besondere Spielorte in NRW.

Sommerkinos in NRW

Kino ist ein künstliches Paradies, das mit Farbe, Licht und Schatten sein Publikum in die Selbstvergessenheit lockt. Für das Open Air Sommerkino gilt das in doppeltem Sinn.

Kino ist ein künstliches Paradies, das mit Farbe, Licht und Schatten sein Publikum in die Selbstvergessenheit lockt. Für das Open Air Sommerkino gilt das in doppeltem Sinn.

Seit elf Jahren gibt es das Sommerkino Bay im Kölner Rheinauhafen (25. Mai bis 14. September). Die Leinwand hängt am "Schätzchen", so ist der Name des Frachtschiffes. Das Publikum sitzt auf einer Freitreppe zwischen Wasser, Himmel und urbaner Kulisse.

Seit 25 Jahren tourt Klaus Eschmann durchs Land und initiiert Sommerkinos, auch das im Kölner Rheinauhafen betreibt er. Er war einer der ersten, die in Deutschland Filme im Freien zeigten. Zuerst betreute er die Loreley Freilichtbühne, wechselte später zum Kölner Tanzbrunnen - schließlich war klar, ein Open Air Kino muss her. "Ein Freund erzählte mir, er hätte in Italien Open Air Kino geschaut. Vielleicht ist mir das nachgelaufen. Und dann war der Moment plötzlich da."

Umgeben von Biertanks, Bruchsteinmauern und Ziegelarchitektur sitzen rund 900 Gäste vor einer Leinwand: Die 14 mal neun Meter große Spezialplane hängt am Sudhaus, dem Herz der Privatbrauerei Fiege in Bochum (Fiege Kino Lounge, 20. Juli bis 27. August).

1999 veranstalteten Martin Semerad (li.) und Marcus Gloria den ersten Kinoabend auf dem Hof der Brauerei. Sie zeigten "Matrix", direkt zum Bundestart des Science-Fiction-Films der Wachowski-Brüder. Zu Hunderten strömten die Gäste in die Brauerei, kletterten über die Zäune und sprengten die Kapazität, erinnern sich die beiden Macher.

Handwerkskunst trifft Kinokunst. Am Tag fahren Laster auf den Hof, in der Nacht schlendern Gäste hinein. Kunstlichter lenken die Besucherschaft in einen kulturellen Sommernachtstraum, einer Melange aus Livemusik, Kleinkunst und Kino.

Rückblende. Düsseldorf im Jahr 1999. Im Südpark nutzte der Verein Aktion & Kultur mit Kindern (Akki) die Pavillons der Bundesgartenschau. Im Hof duftete es nach Glyzinen und Linden. An der Wand hing eine LKW-Plane im selbst gezimmerten Rahmen. Der Projektor spulte 35-Millimeter-Rollen ab: "Blues Brothers", "Arsen und Spitzenhäubchen", "Star Wars". Nachts wurde Klingonensuppe serviert und Bier ausgeschenkt.

Cineast Udo Heimansberg prägte die Kinokultur in Düsseldorf wie kein anderer. Auch das Sommerkino VierLinden im Südpark trägt seine Handschrift. Ist das Sommerkino nicht eine Entzauberung der von der Welt abgeschotteten Kunsthöhle? Kino im Freien nannte Udo Heimansberg eine neue Verzauberung. Im lange von ihm geführten Filmtheater Metropol sitzend erinnert er sich an VierLinden. "Ende der 1990er Jahre zeigten wir den Gangster- und Horrorfilm "From dusk till dawn". In einer Bar verwandeln sich die Tänzerinnen in Vampire. In dem Moment zog ein Gewitter auf. Es blitzte und donnerte. Ein Jahr später hatten wir eine telefonische Anfrage, ob wir das Spektakel nicht wiederholen könnten."

Direkt am Eingang zum Südpark, an den Ufern der Düssel, unter vier Linden, liegt eine Bühne für Auftritte. Hier hängt heute abends die aufblasbare Leinwand. Akki-Mitarbeiter Tom Birke (l.) und Nico Elze, Geschäftsführer der Düsseldorfer Filmkunstkinos, betreiben das Sommerkino (VierLInden, 16. Juni bis 2. September).

Duisburg. Landschaftspark Nord, Hochofen Eins. Immer noch riecht es nach Hitze und Rost. Dieser Kinosaal ist eine Kulisse des Imaginären, ist die Materialisierung der Einbildung, des Traums. Ist ein Ort, der mit Gigantomanie dem Ortlosen trotzt, den Handyfilmen, Internetstreifen, Videospielen. Das Sommerkino vor dem Hochofen in Duisburg ist eine Wunderkammer.

Für den Geschäftsführer des Duisburger Filmforums Kai Gottlob sind die Industriebauten Kathedralen des Ruhrgebiets. Seit 1996 veranstaltet sein Team das Stadtwerke Sommerkino im Landschaftspark (12. Juli bis 20. August). Rund 40 Nächte hängt die Leinwand über der mächtigen Betonbühne vor dem still gelegten Hochofen. Abend für Abend pilgert die Besucherschaft vor den riesigen Altar.

Sollte es regnen, schiebt sich ein Plexiglasdach über die Köpfe des Publikums. 40 Sitzreihen bieten Platz für 1.000 Gäste.

Sommerkino ist ein Event, ein Spektakel unter freiem Himmel. Für Überraschungen sorgt nicht zuletzt das Wetter. Natur und Film liefern ihr Schauspiel, anders als in der dunklen Höhle eines Kinobaus. Der Blick in den Himmel zeigt die Wirklichkeit. Auf der Leinwand dagegen spiegelt sich die Illusion. Ein magischer Zauber, ein schöner Schein, der für die Länge eines Films unsere Seele entführt.
Texte/Autorin des Radiobeitrags: Claudia Friedrich

Stand: 20.06.2017, 10:23 Uhr