"In jedem Film erzählt man etwas über sich selbst"

Thomas Arslan

"In jedem Film erzählt man etwas über sich selbst"

Sein aktueller Film, das Vater-Sohn-Drama "Helle Nächte", wird gefeiert. Regisseur Thomas Arslan erzählt im WDR 3 Samstagsgespräch mit David Eisermann über die Arbeit am Film und darüber, wie er seine Begeisterung fürs Kino schon als Jugendlicher in Essen entdeckt hat.

WDR: Thomas Arslan, sprechen wir über Ihre Anfänge als Zuschauer und Filmbegeisterter. Als später Teenager waren Sie zum Beispiel in einem Film-Club in Essen. Das heißt, das Ruhrgebiet war für Sie erstmal ein Bezugspunkt.

Thomas Arslan: Ja, da bin ich ja mehrheitlich aufgewachsen, in Essen habe ich den Großteil meiner Jugend verbracht. Und das Kino hat dann so nach und nach eine immer größere Rolle gespielt. Ich habe dann immer mehr Filme gesehen und in einem Programm-Kino gearbeitet, das es inzwischen nicht mehr gibt. Das Kino bekam also immer Raum in meinem Alltag.

WDR: Es war die große Zeit der Programm-Kinos, die vielen auch die Möglichkeit gegeben haben, Neues zu sehen, Ungesehenes zum ersten Mal zu erleben, die Regisseure zu erleben ...

Arslan: Genau, das waren Möglichkeiten, dann auch mal Leute zu sehen, die persönlich vorbei kamen, um ihre Filme vorzustellen. Ich erinnere mich noch an eine Vorstellung mit Rudolf Thome, der in Essen einen neuen Film vorgestellt hatte. Aus seiner nicht ganz frühen, aber so mittleren Phase. Das war Ende der 70er, Anfang 1980.

WDR: Rudolf Thome verweist ja schon nach Berlin. Die Stadt ist für Sie Lebensmittelpunkt, dort arbeiten Sie, dort unterrichten Sie auch als Professor an der Filmakademie. Gibt es für Sie vom Lebensgefühl her Verbindungen zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet?

Arslan: Das Ruhrgebiet als Ganzes ist natürlich ein extrem großer Ballungsraum, aber es ist auch sehr zersiedelt im Vergleich zu so einer dichten Großstadt wie Berlin. Es ist schon anders, wobei mir das Ruhrgebiet auch gefällt. Da komme ich her, in Berlin bin ich seit 1986, als ich an der Filmhochschule angenommen wurde.

Tristan Göbel, Thomas Arslan, Georg Friedrich

Thomas Arslan und seine beiden Hauptdarsteller aus der WDR-Koproduktion "Helle Nächte": Tristan Goebel (l.) und Georg Friedrich (r.)

WDR: Was ja nun auch schon ein ganzes Leben ist. Sprechen wir über Ihren Film "Helle Nächte". Ich muss ehrlich sagen, mich hat ihr Hauptdarsteller umgehauen: Georg Friedrich. Für ihn hat es bereits bei den Berliner Filmfestspielen einen Silbernen Bären gegeben. Er hat so eine stille Intensität und frappiert einen auch einfach dadurch, wie er diesen Vater, diese Figur gibt. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Arslan: Ich hatte schon länger mal Lust mit Georg Friedrich zu arbeiten, weil ich nun auch eine ganze Reihe von Filmen mit ihm kenne. Er hat ja nun auch schon sehr viel gemacht inzwischen und ist ein sehr erfahrener Schauspieler. Und ja, das war auch eine sehr interessante Zusammenarbeit.

WDR: Erzählen Sie in Ihren Filmen - oder jedenfalls in dem Film "Helle Nächte" - auch etwas von sich selbst?

Arslan: Ja, ich denke schon. Ich meine, das tut man ja mit jedem Film - ob man will oder nicht. Aber natürlich sind da auch konkret Sachen in dem Film, die ich gut kenne oder auch aus meinem Umfeld kenne.

Es ist nicht einfach eins zu eins autobiografisch, also ich hab zum Beispiel kein schlechts Verhältnis zu meinem Sohn und trotzdem kenne ich jugendliches Verhalten in dem Alter aus der Nähe auch. Insofern ich da Einiges eingeflossen, was ich kenne und was ich aus meinem Umfeld beobachtet habe.

WDR: Herr Arslan, Sie werden einer Gruppe zugerechnet die als "Berliner Schule" bezeichnet wird. Finden Sie sich da richtig aufgehoben oder ist das vielleicht alles ein großes Missverständnis?

Arslan: Naja, Missverständnis würde ich nicht sagen, aber wie das nunmal so ist mit Etiketten, die verselbständigen sich dann irgendwann und werden dann immer inhaltsleerer und insofern könnte ich inzwischen auf dieses Label verzichten ...

WDR: Dann sagen Sie wie es ist ...

Arslan: Es stört mich aber jetzt auch nicht so wahnsinnig, weil man eh nichts dran ändern kann. Und zum anderen werden da auch fast ausschließlich Leute mit tituliert, die alles meine Freunde sind, insofern habe ich da auch kein großes Problem mit.

Das Interview führte WDR 3 Moderator David Eisermann.

Thomas Arslan wurde am 16. Juli 1962 in Braunschweig geboren und wuchs als Kind eines deutsch-türkischen Paares in Essen auf. Nach dem Zivildienst in Hamburg studierte er zwei Semester Germanistik in München und begann schließlich 1986 ein Filmstudium an der dffb ("Deutsche Film- und Fernsehakademie") Berlin, das er 1992 abschloss. Arslan lebt heute in Berlin, wo er auch seit 2007 eine Lehrtätigkeit an der Universität der Künste ausübt.

Bekannt wurde Arslan vor allem durch seine Trilogie über in Berlin aufwachsende Menschen türkischer Abstammung: "Geschwister - Kardesler", "Dealer" und "Der schöne Tag". Es folgten Produktionen verschiederner Genres, zum Beispiel die Dokumentation "Aus der Ferne", das Familiendrama "Ferien" und der Gangsterfilm "Im Schatten".

Stand: 11.08.2017, 10:14