Polizeiarbeit an der digitalen Kristallkugel

Mehrere Überwachungsmonitore zeigen Straßenszenen

Polizeiarbeit an der digitalen Kristallkugel

Ein Verbrechen verhindern, bevor es geschieht. Diese neue Art der Polizeiarbeit ist das Thema der Doku "Pre-Crime" von Regisseur Matthias Heeder, die am Donnerstag (11.10.2017) in den Kinos startet. Im WDR-Interview warnt der Filmemacher vor den Folgen der Datensammel-Wut.

WDR: Beim Spielfilm Minority Report mit Tom Cruise aus dem Jahr 2002 gab es eine sogenannte Pre-Crime-Polizei, die Verbrechen verhindern sollte, bevor sie geschehen. Ihr Dokumentarfilm "Pre-Crime" beschäftigt sich mit diesem Thema. Wie sehr ist dieses "predictiv policing" denn schon Realität?

Matthias Heeder: Insofern, als dass die Polizei zunehmend, gestützt auf "Big Data", Computerprogramme entwickelt hat, die auf zwei Bereiche abzielen: auf der einen Seite Einbruchdiebstahl, Autodiebstahl zu verhindern und auf der anderen Seite Listen zu erstellen, in denen Menschen als kriminelle "gescoret" werden. Das heißt, sie werden mit einer bestimmten Punktzahl ausgestattet. Diese beiden Systeme stellen wir in unserem Film vor.

WDR: Und wie funktioniert das konkret? Können Sie das vielleicht kurz anhand der von Ihnen im Film geschilderten "Heat-List" in Chicago erklären?

Heeder: Die "Heat-List" ist das erste Mal im Jahr 2003 mit 400 Namen in Chicago aufgetaucht, also mit 400 Bürgern aus Chicago. Diese Bürger werden nach dem Risiko klassifiziert, ob sie oder wann sie in naher Zukunft straffällig werden, beziehungsweise Opfer einer Straftat werden. Die Theorie ist: Wir haben diese Liste und schicken einen Polizeibeamten und einen Sozialarbeiter zu den Betroffenen und verwarnen sie. Und wir weisen darauf hin, wenn sie ihr Leben nicht ändern, dass sie mit erhöhten Strafen zu rechnen haben, sollten sie wieder straffällig werden. Der Sozialarbeiter sitzt dabei und sagt: Ich biete Ausbildungen, Jobs und so weiter an - was natürlich in Wahrheit nie geschieht, weil es diese Dinge in den USA nicht gibt.

Pre-Crime-Regisseure Monika Hielscher und Matthias Heeder

Die Pre-Crime-Regisseure Matthias Heeder und Monika Hielscher.

Robert McDaniel, mit dem wir in diesem Film gearbeitet haben, war auch auf dieser Liste gelandet. Er wurde in den letzten drei bis fünf Jahren zusammen mit einem Freund immer wieder mal wegen kleinerer Vergehen verhaftet. Das passiert in den USA sehr schnell - vor allem wenn man schwarz ist. Zum Beispiel wegen Würfelspielens oder Trinkens in der Öffentlichkeit - Marihuana rauchen, also diese Art von Vergehen. Und dann wurde sein Freund im Zusammenhang mit einer Gang-Auseinandersetzung ermordet. Robert rutschte dadurch automatisch auf die Punktzahl von 215 und bekam einige Tage später Besuch von der Polizei. Das ist die Realität, in der sich Menschen bewegen, die auf diesen Listen auftauchen. Heute sind es glaube ich inzwischen 4.500 Namen, die auf dieser Liste sind.

WDR: Ab kommendem Jahr soll in Nordrhein-Westfalen auch mit so einer Pre-Crime-Software gearbeitet werden. Weiß man schon genau, was diese Software liefern wird?                        

Heeder: Naja, die Kollegen in Nordrhein-Westfalen gehen ja noch einen Schritt weiter. Zunächst einmal ist ja aber interessant, dass jedes Bundesland - das ist einfach absolut irre - seine eigene Software entwickelt, so dass es da überhaupt keine Übereinstimmung gibt. Was auf der anderen Seite eben auch beruhigend ist, weil dadurch die Möglichkeit, das zusammenzuschalten, relativ gering ist. In NRW wurde ein Projekt namens "Skala" (System zur Kriminalitätsanalyse und Lageantizipation) aufgelegt. Das bezieht nicht nur die klassischen Daten ein, wie zum Beispiel, wann und wo ist der Einbruch geschehen, welche Beute ist gemacht worden und wie ist vorgegangen worden.

Zu diesen vier Punkten werden nun zusätzliche Daten eingegeben: Wie weit ist der Weg zum nächsten Bahnhof oder zur nächsten Autobahn-Ausfahrt vom Ort des Einbruchs? Die Haltung der Polizei in NRW ist nun, dass man mehr Daten benötigt. Das heißt, irgendwann kommen zum Beispiel Wetterdaten dazu, Daten zum Verbrauch von Häusern in bestimmten Gegenden. Algorithmen berechnen daraus dann tatsächlich Prognosen, um vorherzusagen, wie gefährdet dieses Gebiet ist. Die klassische Arbeit der Polizei besteht ja auf der einen Seite aus dem Schutz des Bürgers, auf der anderen Seite aus der Aufklärung von Verbrechen. Dieser zweite Aspekt ändert sich allmählich zu einer Art nachrichtendienstlichen Tätigkeit im Inland.

Das Interview führte Sascha Ziehn am 11.10.2017 in WDR 3 Kultur am Mittag. Das gesamte Gespräch zum Nachhören:

Neue Doku über "Pre-Crime"

WDR 3 Kultur am Mittag | 11.10.2017 | 09:53 Min.

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Stand: 11.10.2017, 15:28