Doku "Kedi": Istanbuls Katzen im Kino

Vier Katzenbabys an einer Treppe.

Doku "Kedi": Istanbuls Katzen im Kino

Ab Donnerstag (10.08.2017) gibt es süßen Katzen-Content mal nicht im Internet zu sehen, sondern auf der großen Leinwand: Die Doku "Kedi - Von Katzen und Menschen" zeigt die Metropole Istanbul aus der Perspektive von sieben Straßenkatzen.

Porträtfoto von Charlie Wuppermann

Charlie Wuppermann

20 Millionen Menschen leben in der türkischen Stadt am Bosporus - zusammen mit Hundertausenden von Straßenkatzen. Was diese Katzen erleben, welche Beziehung sie zu den Menschen aufbauen, das zeigt der türkisch-US-amerikanische Film "Kedi" (türkisch: Katze) von Regisseurin Ceyda Torun und Produzent und Kameramann Charlie Wuppermann. WDR.de hat mit dem deutschen Filmemacher gesprochen, der ursprünglich aus der Pfalz kommt, aber bereits seit 2009 in Los Angeles lebt.

WDR: Herr Wuppermann, ist "Kedi" eigentlich ein Katzenfilm, oder ein Film über die Schönheit der Stadt Istanbul?

Charlie Wuppermann: Wir dachten immer, der Film ist so ein bisschen ein Liebesbrief an die Stadt Istanbul, an die Katzen und natürlich auch an die Bevölkerung. Wir wollten keine reine Katzen-Dokumentation machen, sondern auch einen Film, der größere Themen anspricht.

WDR: Welche Idee war denn zuerst da, einen Film über Istanbul zu machen - oder über Katzen?

Wuppermann: Eigentlich beides, unsere Regisseurin Ceyda Torun ist in Istanbul geboren, hat dort ihre Kindheit verbracht und ist mit mehreren Straßenkatzen aufgewachsen. Sie sagt immer, als Kind waren es ihre besten Freunde. Wir hatten zu Anfang einen zweiwöchigen Testdreh und dabei ist uns aufgefallen, wie philosophisch die einfachsten Menschen bei den Interviews waren, wie viele Menschen philosophische Gedanken im Zusammenhang mit den Katzen und auch mit ihrer Umgebung haben. Dann war schnell klar: Wir müssen auf jeden Fall auch die Menschen porträtieren, denn die Katzen verlassen sich zum Beispiel auch nicht nur auf die Mäuse, die sie fangen, sondern auch auf ihre menschlichen Freunde.

Das Leben der Istanbuler Straßenkatzen

Eine Katze auf einem Bürgersteig.

"Sari, die Gaunerin" tigert durch die Straßen von Istanbul. Sie ist eine von sieben ganz speziellen Katzen-Charakteren, die in dem Dokumentarfilm "Kedi" porträtiert werden. "Sari" lebt am Fuße des Galataturms, bettelt, stiehlt, hamstert - denn sie muss für ihre Katzenbabys sorgen.

"Sari, die Gaunerin" tigert durch die Straßen von Istanbul. Sie ist eine von sieben ganz speziellen Katzen-Charakteren, die in dem Dokumentarfilm "Kedi" porträtiert werden. "Sari" lebt am Fuße des Galataturms, bettelt, stiehlt, hamstert - denn sie muss für ihre Katzenbabys sorgen.

In Istanbul leben Hunderttausende Katzen. Angeblich sind die ersten mit Schiffen aus allen Ecken der Welt gekommen, sodass die unterschiedlichesten Rassen auf den Straßen zu sehen sind. Für die muslimische Bevölkerung haben Katzen eine Art heilige Reputation, da sie häufig in Geschichten rund um den Propheten Mohammed vorkommen.

Die porträtierten Katzen in "Kedi" gehören niemandem und sind doch ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Sie haben ihre festen Plätze, die sie immer wieder aufsuchen. Die Bewohner Istanbuls kümmern sich um die Streuner.

"Bengü" hat beispielsweise so ziemlich alle Männer in ihrer Umgebung um den Katzenfinger gewickelt. Ihr Schnurren ist schon von weitem zu hören und für einen der Arbeiter in der Gegend zählt sie sogar inzwischen zur Familie.

"Aslan Parcasi" verlässt sich hingegen nicht auf sein Schnurren. Er hat es sich zu seiner Mission gemacht, in einem Fischrestaurant Mäuse und Ratten abzuwehren und verdient sich so den ein oder anderen Fisch.

Wenn die Straßenkatzen aufeinander treffen, kommt es natürlich auch zu teilweise harten Auseinandersetzungen. Der Film zeigt also nicht nur die schnuckelige Seite des Katzenlebens ...

... aber natürlich gibt es ganz, ganz viel süßen Katzen-Content zu sehen.

Regisseurin Ceyda Torun sagt, dass sie die Stadt auf eine Art und Weise zeigen wollte, die über Stadtführer und Nachrichtenschlagzeilen hinausging. "Schlussendlich hoffe ich, dass der Film sich für den Zuschauer anfühlt, als hätte sich gerade unerwartet eine schnurrende Katze auf seinen Schoß gekuschelt."

WDR: Wurden denn dann die Menschen gecastet oder doch die Katzen-Charaktere?

Wuppermann: Schon die Katzen. Wir hatten über sechs Wochen lang drei Researcher in Istanbul, die für uns etwa 35 Katzen gefunden haben. Davon haben wir dann etwa 19 Katzen gefilmt, denn die 35 waren natürlich nicht immer da, wo sie gerade sein sollten. Von diesen 19 sind dann schließlich unsere sieben Protagonisten übrig geblieben. Das hat dann sehr gut gepasst, weil diese sieben tatsächlich sehr unterschiedliche Charaktere waren.

WDR: An die Katzen gehen Sie dann mit Ihrer Kamera zum Teil auch sehr nah ran. Wie haben Sie das gedreht, denn offenbar fühlten sich die Katzen gar nicht gestört. Waren die einfach so cool, oder hatten Sie Tricks?

Kameramann Charlie Wuppermann hat eine Katze auf dem Schoß

Charlie Wuppermann bei der Arbeit

Wuppermann: Anfangs hatten wir die Idee, mit einem kleinen ferngesteuerten Auto mit einer Kamera oben drauf zu filmen. Wir dachten, dass wir damit den Katzen vielleicht diskreter auf die Pelle rücken können. Das hat sie aber zum Teil sehr gestört, weil es etwas Ungewohntes war: 'Was ist das, das bewegt sich, macht komische Geräusche.' Das fanden die fürchterlich. Wenn ich mich aber einfach vor ihnen auf den Bauch gelegt und die Kamera gezückt habe, fanden die das wunderbar, das hat sie gar nicht gestört. Wenn überhaupt, kamen sie näher, wollten kuscheln oder sich auf den Schoß setzen.

Die Katzen selbst ließen sich eigentlich sehr einfach filmen. Die sind so gewöhnt, zwischen den Beinen von Menschen, zwischen den Autos herumzuwuseln, dass sie sich gar nichts anmerken ließen. Wir hatten das Prinzip, dass wir einfach anfangen, eine Katze zu filmen. Wenn die Katze dann wegläuft und nicht gefilmt werden will, heißt das: Sie hat uns nicht die Genehmigung für die Aufnahmen gegeben.

Wir wollten die Katzen auch nicht beeinflussen. Einige Katzen hatten zum Beispiel Angst vor dem Objektiv, das sie wie ein großes Auge beobachtet, und sind dann verschreckt weggelaufen. Da haben wir dann auch nicht weiter gefilmt. Andere Katzen fanden es toll, die haben mit der Kamera, mit diesem Auge kommuniziert. Wir hatten zum Beispiel eine Katze, die läuft oben auf dem Dach entlang, im Hintergrund sieht man die Sonne in Istanbul untergehen. Das ist eine unserer letzten Einstellungen. Wir filmen also, die Katze läuft, eigentlich war das schon okay - und dann hat sie es nochmal gemacht, und nochmal, und nochmal - als hätte man einen professionellen Schauspieler, der genau weiß, wie er sich zur Kamera drehen muss, wann noch ein Take nötig ist. Also: Manche Katzen haben es wirklich geliebt, gefilmt zu werden.

WDR: In den USA war "Kedi" bereits extrem erfolgreich in den Kinos, auf Platz 14 im Genre Natur-Dokumentationen. Was denken Sie als Produzent, was macht den Erfolg aus? Weil Katzen halt so süß sind und man manchmal meint, dass das ganze Internet nur aus Katzen-Videos besteht?

Wuppermann: Also, da muss ich als Produzent unseren Verleiher hervorheben. Wir hatten zum Beispiel die Strategie, zunächst nur in einem Kino in New York zu starten, was sehr gut geklappt hat: In der zweiten Woche haben wir dann richtig viel Presse bekommen. Aber natürlich hatten wir für die sozialen Netzwerke auch eine ganze Menge süßes Katzenmaterial - das hilft natürlich (lacht). Ansonsten war es vielleicht auch nur einfach der richtige Film zur richtigen Zeit. Nicht politisch, nicht zu traurig, einfach mal etwas leichtherziges. Also das ist jetzt nur meine Theorie, aber die Leute brauchen wohl einfach auch mal was Positives. Sie wollen gerne daran erinnert werden, dass die Menschen nicht nur schlecht sind und dass es nicht nur schreckliche Sachen in der Welt gibt, sondern auch Wesen, die sich gegenseitig helfen.

Das Interview führte Oliver Strunk.

Stand: 09.08.2017, 15:21