360°-Videos: Nicht dabei - aber mittendrin

Spieler mit VR-Brille

360°-Videos: Nicht dabei - aber mittendrin

Von Tobias Nowak

  • WDR experimentiert mit neuer Filmtechnik VR
  • Realitäts-Gefühl durch "Rund-um"-Videos
  • Zuschauer übernimmt Kontrolle über den Film
Mann hält Virtual Reality Kunststoff-VR-Brille mit Halterung für ein Smartphone

Virtual Reality VR-Brille

"Der Ort, an dem wir sind, die Höreindrücke, die damit verbunden sind, werden von unserem Gehirn als Realität interpretiert", sagt Thomas Hallet, Leiter des "Innovation Lab" im WDR. Er und sein Team experimentieren mit neuen Medienformen, die durch Digitalisierung und Vernetzung überhaupt erst möglich gemacht wurden: Daten- und Botjournalismus, Sensorreportagen sowie: 360-Grad-Videos.

Das Filmemachen erfindet sich komplett neu

Im April 2016 etwa, zum 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, drehte Hallet in der verseuchten Geisterstadt Pripjat, unter anderem mit einer Drohne 360-Grad-Aufnahmen. Es sei vor allem ein Experiment gewesen, erinnert sich Hallert. "Es gab noch keine Erfahrung damit, es gab nur die Lust darauf, das mal zu machen, und wir haben dann gemerkt, als wir es fertig hatten: 'Wow, wir müssen da unbedingt weiter machen.'"

"Experiment" - das ist der zentrale Begriff im Zusammenhang mit 360-Grad-Videos und virtual reality. Denn Aufnahmetechnik, Bildsprache und Erzählstruktur müssen komplett neu erfunden werden. Niemand weiß bisher, wie man einen 360-Grad-Film "richtig" dreht. Nur eins ist klar: Selbst die einfachsten Techniken, die Filmemacher bisher nutzen, funktionieren hier nicht mehr.

Den Dom in 360-Grad entdecken

Das nächste große 360-Grad-Projekt im WDR ist eine virtuelle Rekonstruktion des Kölner Doms. Mit VR-Brille oder aufgerüstetem Smartphone kann man den Dom in verschiedenen Stadien seiner Entwicklung besuchen, persönlich einem Orgelkonzert lauschen und ausprobieren, ob es im Chor, auf dem Triforium oder in der Krypta besser klingt.

"Im normalen Film siehst du einen Ausschnitt im Bild. Das was links vom Bild und rechts vom Bild ist, das möchtest du eigentlich nicht sehen, weil da kleben Tesarollen, da stehen Lampen rum, und und und", so Regisseur Klaus Wache. Bei einem 360-Grad-Video sei das natürlich alles nicht möglich. Wache arbeitet seit einigen Jahren als Regisseur, Drehbuchautor, und Kameramann an 360-Grad-Filmen.

Der Betrachter hat die Kontrolle über das Bild

Die zentrale Eigenschaft des klassischen Films ist verloren gegangen: Im 360-Grad-Film komponiert nicht mehr der Filmemacher das Bild und lenkt den Blick des Betrachters. Jetzt ist es der Betrachter oder anders gesagt der Besucher dieser virtuellen Umgebung, der die Kontrolle über das Bild hat: Er bestimmt, wohin er gerade guckt.

Tschernobyl mit VR-Brille

Tschernobyl mit VR-Brille

Der 360-Grad-Film muss also das Auge des Betrachters immer dahin locken, wo die Handlung sich gerade weiterdreht. Daran, wie diese Lockreize genau aussehen können, tüfteln die Filmemacher noch, aber Klang und Ton werden hierbei eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig müssen sie den Verlust einer ganzen Kiste kinematographischer Tricks und Kniffe ausgleichen, die nicht mehr anwendbar sind. "Man ist entweder nah dran oder weit weg, aber man sieht immer alles - rundum. Also dicht auf die Augen, die dann anfangen zu weinen, geht gar nicht in einem 360-Grad-Film", erklärt Regisseur Wache.

Begeisterung bei Publikum und Filmemachern

Andererseits fallen laut Filmemacher Wache bisherige Schwierigkeiten weg: "Der zweidimensionale Regisseur oder auch der Kameramann muss es schaffen, dem Zuschauer mit drei Schnitten zu erklären, wo er steht. Das entfällt nun beim 360-Grad-Video." Wahrscheinlich wird es nicht so lange dauern, bis 360-Grad-Filme eine derart raffinierte Kunstform geworden sind wie das moderne Kino oder Fernsehen. Die Begeisterung des Publikums ist da. Und die Filmemacher? Trotz aller Ungewissheiten treibt auch sie diese Begeisterung an. "Es macht auch Spaß, sozusagen als Pionier bei solchen Projekten Dinge auszuprobieren."

Service Netzkultur: Virtual Reality und Film

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur | 17.02.2017 | 06:54 Min.

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Stand: 19.02.2017, 12:35