Über die Wirkmacht von Bildern

Max Regenberg: Winter Eyes, 2004, Köln

Über die Wirkmacht von Bildern

Der Fotograf Max Regenberg empfiehlt Werbeplakate bewusst zu betrachten, "seine eigene Stadt über das Bild erleben, sich einfach beteiligen". Regenbergs Thema ist das Spannungsfeld Stadtbild-Werbeplakat und Anlass für die Ausstellung "Urban Decorations - Die dekorierte Stadt". Ein Interview.

WDR 3: Die Ausstellung heißt "Urban Decorations – die dekorierte Stadt". Manch einer sagt aber vielleicht, dass Werbeplakate die Stadt weniger dekorieren als verschandeln?

Max Regenberg: Das überlasse ich jedem selber. Teilweise sind Werbeplakate auch Verschandelung, aber eben nicht nur. Das zeigt das Beispiel DDR, da hat es keine Werbeplakate gegeben und die Leute aus dem Westen, die drüben waren, haben die Abwesenheit der westlichen Plakate als Verlust empfunden und erlebten den Stadtraum der DDR als trist. Insofern muss sich jeder selber fragen: Ist das Dekoration oder Belästigung?

WDR 3: Warum interessieren Sie sich so für Werbeplakate?

Max Regenberg: 1977 bin ich nach Kanada ausgewandert. Obwohl ich gelernter Werbefotograf bin, hatte ich das Medium Plakat bis dahin nicht besonders beachtet. Da habe ich dann aber - herausgerissen aus dem Umfeld Deutschland und Europa - festgestellt, dass es Unterschiede in der Visualität gibt. In Europa war man noch fest in der Grafik verhaftet, hatte eine ganz andere Bildsprache. In Kanada hat man schon richtige Szenerien inszeniert. Die Darstellung der Menschen war eine andere.

Ich habe dann angefangen, die Plakate zu fotografieren und schlagartig stand mir die Wirkmacht der Bilder vor Augen. Je mehr ich Plakate fotografiert habe und die Fotos gesichtet habe, desto deutlicher habe ich die Zusammenhänge in den Bildern gesehen. 1979 bin ich nach Deutschland zurückgekehrt und als ich mich das erste Mal vor ein Plakat gestellt habe, habe ich gesehen, dass auch hier etwas passiert war. Ein Austausch war im Gange. Die Fotografie, die bislang im Kunstgeschehen wenig Bedeutung hatte, sollte einen großen gesellschaftlichen Boom erleben. Das wurde sichtbar auf den Plakaten.

Max Regenberg: "Urban Decorations - Die dekorierte Stadt"

Die Ausstellung "Urban Decorations - Die dekorierte Stadt" von Max Regenberg in der Photographischen Sammlung/ Sk Siftung Köln. 15. Juli - 16. Oktober 2016.

Max Regenberg: Tankstelle, 1980, Köln

Max Regenberg: "Tankstelle", 1980, Köln

Max Regenberg: "Tankstelle", 1980, Köln

Max Regenberg: "1929", 2009, Köln

Max Regenberg: Ohne Titel, 1999, Köln

Max Regenberg: "Magnolie" , 1996, Köln

Max Regenberg: "Winter Eyes", 2004, Köln

Max Regenberg: Ohne Titel, 1979, Köln

Max Regenberg: Ohne Titel, 1980, Köln

Max Regenberg: Ohne Titel, 1979, Köln

Max Regenberg: "Who puts you in the Picture?", 1981, Vancouver

WDR 3: Bei Ihren Betrachtungen haben Sie wenig Interesse an dem Produkt sondern mehr an der Botschaft des Plakates. Wann ist für Sie die Botschaft gut?

Max Regenberg: Ich mache mir keine Gedanken, ob es eine gute Botschaft ist. Was wichtig ist, dass man eine Veränderung im urbanen Raum hat. Es geht um die Bildsprache, denn bei Werbung ist es so, dass eine Elite am werkeln ist, aufgrund ihrer Sozialisation haben sie Sachen im Kopf und stellen sie auch im Bild dar. Damit konfrontieren sie visuell nicht so gut gebildete Leute, also etwa mit Luxusartikeln. Aufgrund dessen wird man visuell an etwas beteiligt, wovon man im normalen Leben ausgeschlossen ist. Ich möchte herausfinden: Verändert sich Stadtraum mit dem Bild?

WDR 3: Sie beschäftigen sich seit den 1970er Jahren mit Werbeplakaten, fotografieren sie, sammeln die Plakate auch. Welche Veränderungen konnten Sie im Laufe der Jahrzehnte beobachten?

Max Regenberg: Es hat eine starke Veränderung stattgefunden, durch das starke Design, durch Marken, durch den Einsatz von Mode. Man denke da etwa an die Plakate des amerikanischen Modedesigners Calvin Klein, die etwa 50 Mal in einer Stadt hingen. Sie sollten die Jugend ansprechen und es war wie eine Art Hassliebe: Auf der einen Seite lehnte man sie ab, andererseits hatten die Bilder viel mit dem Leben der Leute zu tun, da hier die Fotografie mit Anspruch auf Wahrheit angewendet wurde. Man glaubte diesen Bildern und hat sie nicht hinterfragt. In den 1980er Jahren hat sich die Jugend schlagartig den öffentlichen Raum zurückerobert. Die Welt hat sich nach außen gewandt, das Leben findet seitdem größtenteils im öffentlichen Raum statt. Es fängt immer erst mit der Jugend an, dann kommen die anderen hinterher. So ist es auch mit den Bildern. Das Plakat hat die Funktion des Vorangehens und kreiert so Leitbilder.

Werbeplakat von Calvin Klein in New York

Ein Werbeplakat von Calvin Klein in New York

WDR 3: Vor welchem Plakat bleiben Sie stehen, wenn Sie durch die Stadt gehen?

Max Regenberg: Ein Plakat alleine sehe ich nicht, da ist sofort der urbane Raum mit eingeschlossen, schlagartig. Für mich ist die Urbanität, der Raum, ein wichtiger Aspekt dabei, das Gesamte zu sehen. Für Bilder allein gehe ich ins Museum.

WDR 3: Was raten Sie beim nächsten Gang durch die Stadt?

Max Regenberg: Man sollte einfach mal Sachen hinterfragen. Zum Beispiel gab es ein Plakat der amerikanischen Serie "House of Cards" mit dem Schauspieler Kevin Spacey. Das Plakat besteht aus einem schönen Portrait von Spacey und dem Spruch: "Demokratie ist sowas von überschätzt". Das finde ich enorm!

Man muss sich auch mal hinstellen, weil Appelle an einen gerichtet sind. So sind da einige Sachen, die einfach zu entdecken sind, wo man den Stadtraum neu entdecken kann. Auch ruhig mal auf die Fassaden gucken, welche Zusammenhänge sieht man eigentlich? Das Individuelle als das Natürliche ansehen, seine eigene Stadt über das Bild erleben, sich einfach beteiligen. Sehen heißt ja auch beteiligen, einfach zulassen, dass man sagt, meine Güte, was habe ich da gesehen und auch darüber sprechen.

Die Fragen stellte WDR 3-Onlinereporterin Susanna Gutknecht.

Max Regenberg: Urban Decorations - Die dekorierte Stadt

WDR 3 Kunstrezension | 15.07.2016 | 07:39 Min.

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Stand: 13.07.2016, 09:59