Die Rettung der Barock-Orgel von Corvey

Paul Winkelmeijer und Jörg Kraemer

Die Rettung der Barock-Orgel von Corvey

Von Beate Depping

Wenn einer Orgel die Luft wegbleibt, pfeift sie womöglich nicht einmal mehr aus dem letzten Loch. Damit es bei der Barockorgel im Weltkulturerbe Corvey nicht zum Äußersten kommt und das wertvolle historische Instrument für immer verstummt, wird sie nun nahezu vollständig abgebaut. Der Beginn einer aufwändigen Rettungsaktion.

Vorsichtig bläst Paul Winkelmeijer in die kleine Orgelpfeife in seiner Hand. Doch außer dem Geräusch von heißer Luft ist aus der etwa 20 Zentimeter langen, am Ende spitz zulaufenden Metallröhre nichts zu hören. "Die Luft gelangt nicht mehr an das den Ton erzeugende Labium, weil sie schon vorher durch Löcher und Risse entweicht", erklärt der Orgel-Spezialist, der mit seinem Team aus den Niederlanden angereist ist, um die Orgel der ehemaligen Abteikirche von Corvey bei Höxter zu retten.

Viele historischen Orgeln gefährdet

"Das ist Bleifraß", erklärt Kirchenmusiker und Organist Jörg Kraemer. Der Orgelbeauftragte der Erzdiözese Paderborn, der die Orgel-Retter aus den Niederlanden nach Corvey geholt hat, weiß: "Das betrifft Pfeifen, die fast aus reinem Blei gefertigt sind, also Pfeifen, die einen Bleianteil von mehr als 95 Prozent haben. Und da das Blei in früheren Zeiten ein bevorzugtes Material zur Pfeifenherstellung gewesen ist, sind potenziell viele, wenn nicht gar alle historischen Orgeln zumindest gefährdet." Das erste Anzeichen der Korrosion ist eine hellgraue Kruste, die das Metall überzieht. Später bilden sich Löcher und Risse, deren Kanten aussehen, als wären die Pfeifen aufgeplatzt. 

Abbau und Restauration der historischen Orgel im Kloster Corvey

WDR 3 TonArt | 12.10.2016 | 06:50 Min.

Paul Winkelmeijer hält mehrere Pfeifen mit unterschiedlich starken Schäden in den Händen

Beim Ausbau der Orgel in Corvey holt Paul Winkelmeijer Pfeifen mit unterschiedlich starken Schäden hervor. Immer wieder entdeckt er auch Pfeifen, die frühere Restauratoren bereits ausgebessert haben: Mit Flicken und Ringen aus Metall haben sie die offenen Stellen verschlossen – und konnten doch den erneuten Bleifraß an anderen Stellen nicht verhindern. Zudem wurden zahlreiche historische Pfeifen ausgebaut und durch neue ersetzt, die den ursprünglichen Klang der Orgel verändert haben.

Spurensuche vergangener Rettungsversuche

Ein weiteres Problem geht von den so genannten Springladen aus – den hölzernen Einbauten im Inneren der 1681 entstandenen Orgel, die dafür sorgen, dass Wind in die Pfeifen gelangen kann und sie zum Klingen bringt oder dass sie von der Windzufuhr getrennt und damit stumm bleiben – je nachdem, welche Register gezogen werden. Das Instrument in Corvey gehört zu den weltweit wenigen Springladen-Orgeln, die erhalten geblieben sind. Um die ausgefeilte Ventiltechnik vor dem Verfall zu schützen, haben frühere Restauratoren sie aufgearbeitet – und damit ungewollt dem Bleifraß Vorschub geleistet, wie Jörg Kraemer erläutert: "Sie haben zum Beispiel sehr saures Eichenholz verwendet, das die Pfeifen angreift. Darüber hinaus sind diese Windladen mit modernen Leimen, so genannten Weißleimen bearbeitet worden. Diese Leime – das wissen wir aber erst seit einigen Jahren – greifen die alten Bleipfeifen ebenfalls an."

Das Westwerk der Abteikirche des Kloster Corvey

Mehrere Wochen lang wird es dauern, bis alle Pfeifen der Orgel in Corvey ausgebaut und nach Holland transportiert werden. Denn fast jeder Handschlag muss dokumentiert werden und stets behalten die Fachleute auch das Orgelgehäuse im Auge. "Wir suchen nach Spuren von Schrauben, Nägeln oder alten Holzresten, die uns Hinweise darauf geben, wie der Orgelbaumeister Andreas Schneider das Instrument ursprünglich gebaut hat", erklärt Paul Winkelmeijer. In der Restaurierungswerkstatt in Holland werden die Pfeifen gereinigt und schadhafte Stellen ausgebessert. Die Pfeifen aus dem 20. Jahrhundert werden vollständig ersetzt: Nach dem Vorbild der noch vorhandenen alten Pfeifen und mittels eines speziellen historischen Gussverfahrens wollen die Orgelexperten die Pfeifen rekonstruieren und dem Instrument wieder zu seinem ursprünglichen Klang verhelfen.

Restaurierung dauert drei Jahre

Dass die mehr als 900.000 Euro teure Restaurierung sich lohnt, darin sind sich alle Beteiligten einig. Schon ein kurzer Blick auf die großen Prospektpfeifen lässt Paul Winkelmeijer ins Schwärmen geraten: "Die sind sehr gut gemacht: die Verarbeitung, das Material, die goldenen Verzierungen. Da zeigt sich große Könnerschaft. Und die müssen auch nach fast 350 Jahren nicht restauriert werden und klingen so schön wie damals." Bis dieses Lob auch wieder auf die übrigen Pfeifen zutrifft, wird es drei Jahre dauern. Wie gut, dass sich die Besucher des Weltkulturerbes währenddessen zumindest am Anblick der üppigen Holzaufbauten der Orgel mit ihren vergoldeten Schnitzereien und detailfreudig gestalteten Engeln mit Geigen, Lauten und Harfen erfreuen können.

Stand: 12.10.2016, 11:14