NSU: "Aufarbeitung kann nur gesellschaftlich funktionieren"

T-Shirt mit der Aufschrift "RAssismus Mordet" und dem Foto des Opfers Habil Kilic

NSU: "Aufarbeitung kann nur gesellschaftlich funktionieren"

Das Bündnis "NSU-Komplex auflösen" widmet sich den Opfern des NSU und von Rassismus. In einem inszenierten Tribunal will die Initative nun Besucher und Teilnehmer dazu ermutigen anzuklagen, einzuklagen und zu beklagen. Bis Sonntag (21.05.2017) werden in Köln Workshops und Theaterstücke angeboten. WDR 3 sprach mit Organisator, Filmemacher und Grafiker Daniel Poštrak über das Projekt.

WDR: Herr Poštrak, das Ziel des Bündnisses "NSU-Komplex auflösen" ist ja bereits im Namen formuliert. Ist das nicht eigentlich die Aufgabe der Behörden?

Porträt von Daniel Poštrak

Mitorganisator Daniel Poštrak sieht die Gesellschaft in der Verantwortung.

Daniel Poštrak: Sicher ist das auch ein Teil der Behörden, der diese Aufklärung liefern müsste, aber wir sehen eben, dass sich da riesengroße Lücken auftun. Das was dieser ganze NSU-Komplex offensichtlich gemacht hat, ist, dass Rassismus oder rassistischer Terror nicht isoliert durch die Taten einer kleinen Neo-Nazi-Gruppe funktioniert, sondern es braucht ein ganzes Tableau gesellschaftlicher Akteure, die das ermöglichen.

Im konkreten Fall des NSU-Komplexes gibt es ein gesellschaftliches Klima, aus dem diese Nazis hervorkommen, in dem sie sich ermächtigt fühlen, solche Taten zu begehen. Sie brauchen ein Netzwerk, um diese Taten planen und durchführen zu können. Das heißt, es gibt ein weiter ausgreifendes Neo-Nazi-Netzwerk, auf das sie sich berufen konnten.

Dieser Terror konnte nur funktionieren, weil die eigentliche Richtung, in die die Ermittlungen hätten gehen müssen, nicht verfolgt wurde - nämlich, dass es sich um rassistische oder neonazistische Anschläge handeln musste.

Diese Ermittlungsstruktur, ein institutionalisierter Rassismus, hat dazu geführt, dass in eine bestimmte Richtung nicht geblickt wurde, was sogar dazu geführt hat, dass die betroffenen Familien selber verdächtigt wurden und zum Teil mit rassistischen Stigmatisierungen zu kämpfen hatten. Das wurde dann auch in den Medien aufgegriffen. Es gibt viele gesellschaftliche Akteure darin, das heißt, dass diese Aufarbeitung auch nur gesellschaftlich funktionieren kann.

Also eben weil die Behörden selber darin eine Rolle spielen, ist es natürlich Quatsch zu glauben, dass sie quasi ihre eigene Verantwortung darin in Gänze beleuchten würden. Für eine richtige Aufklärung ist nun gesellschaftlicher Druck gefragt.

WDR: In Köln soll nun fünf Tage lang eine Art Tribunal inszeniert werden. Was passiert da eigentlich, und um was geht es?

Poštrak: Es geht darum, einen Baustein zu liefern, um diesen NSU-Komplex aufzuarbeiten. Wir denken, dass diejenigen, die von Rassismus betroffen sind, im Grunde genommen auch die Experten des Rassismus sind. Daher ist ihr Wissensbestand von zentraler Bedeutung. Auf ihn muss zurückgegriffen werden.

Es hat sich auch immer wieder gezeigt, dass aus dem Umfeld der Betroffenen selbst oft die richtigen Analysen formuliert wurden, dass es sich eben um einen rassistischen Hintergrund handeln müsse. Das ist kein Zufall, das hat etwas mit einem Erfahrungshorizont zu tun, mit einem spezifischen Wissen.

Aus diesem Wissen wollen wir nun an diesen fünf Tagen in Köln eine gesellschaftliche Anklage formulieren. Darin gibt es einen Dreiklang des Klagens: Wir beklagen die Opfer des NSU, wir klagen eine bessere Welt ohne Rassismus ein und schließlich gibt es noch die Anklage, bei der wir Strukturen aber auch konkrete Akteure benennen wollen.

WDR: Wie soll dies denn nun konkret in Köln geschehen?

Poštrak: Tatsächlich glaube ich, dass es dieses Format so noch nicht gegeben hat. Das Zentrale ist, dass wir uns vor allen Dingen auf die Zeugnisse der Betroffenen selber berufen und dies wird auf verschiedene Arten passieren. Die Betroffenen haben auf verschiedenste Weisen Zeugnis abgelegt, haben Bücher geschrieben, Interviews gegeben, Reden gehalten, bei Dokumentarfilmen und Theaterstücken mitgemacht.

Dieses Ensemble wollen und werden wir auch so abbilden und mit all diesen Formen arbeiten. Zum einen werden die Betroffenen selber zu Wort kommen, aber genauso werden wir uns über Texte, über Theaterdarstellungen über Filmausschnitte dem Ganzen nähern. Es wird sozusagen ein Mosaik, das wir zusammensetzen, in dem der Wissenstand der Betroffenen immer zentral ist. Es endet dann am Samstagabend mit der Verlesung einer Anklageschrift, was wohl am meisten dem klassischen Tribunal nahekommt. Darin werden dann konkrete Anklagepunkte und konkrete Akteure klar benannt werden.

WDR: Warum heißt es "Tribunal"? Wird am Ende ein Urteil gesprochen?

Poštrak: Das werden wir nicht tun, weil wir dieses Urteil auch nicht vollstrecken könnten. Wir glauben, dass diese Aufarbeitung eine gesellschaftliche Aufgabe sein muss und deswegen geben wir diese Anklage zurück an die Gesellschaft.

Damit wollen wir einerseits dafür sorgen, dass es eine gesellschaftliche Kraftanstrengung ist, die Anklage umzusetzen, und erreichen, dass solche Taten nicht wieder möglich sind und aufzeigen, wie Strukturen verändert werden müssen, damit langfristig Rassismus gesellschaftlich nicht toleriert wird.

Das Bündnis "NSU-Komplex auflösen" ist ein Zusammenschluss aus Initiativen und Einzelpersonen, die solidarisch mit Betroffenen des NSU-Terrors verbunden sind. Das Bündnis veranstaltet vom 17. Mai bis zum 21. Mai ein sogenanntes Tribunal in Köln-Mülheim, bei dem die Opfer von Rassismus und der gesellschaftliche Rassismus im Fokus stehen. Zudem werden Workshops zum Thema angeboten. Nach der Verlesung einer Anklageschrift am Samstagabend ist für Sonntagfrüh eine gemeinsame Parade durch den Stadtteil geplant.

Stand: 17.05.2017, 10:45