"Nicht zur Belustigung des Hofes gedacht"

 Intendant der Schauspielhauses Essen: Christian Tombeil

"Nicht zur Belustigung des Hofes gedacht"

Als das Essener Grillo-Theater heute vor 125 Jahren eröffnete, war es ein Haus ausdrücklich auch für Arbeiter. Das war 1892 neu - und das ist bis heute das große Alleinstellungsmerkmal des Theaters, sagt Intendant Christian Tombeil. Wie dies architektonisch umgesetzt wurde, erklärt er in WDR 3 Mosaik.

WDR 3: Herr Tombeil, Sie stehen seit 2010 einem ehrwürdigen Haus vor: 1892 wurde das Grillo-Theater eröffnet, vor 125 Jahren. Ein Prachtbau im neobarocken Stil. Wie ist das, wenn Sie Ihr Theater betreten, wenn mal keiner da ist: Hören Sie dann die Geister der Vergangenheit wispern?

Christian Tombeil: Ja, natürlich hört man die ein bisschen ...

WDR 3: Und was erzählen sie?

Tombeil: Sie erzählen, dass es richtig war, das Haus dahin zu stellen und 125 Jahre lang für die Essener Theater zu machen.

WDR 3: Als Sie vor sieben Jahren die Leitung übernahmen, hat man Ihnen keine große Zukunft beschienen. Der Sparzwänge waren massiv, es ging die Angst vor Fusionen um. Wo steht das Grillo-Theater heute?

Tombeil: Mitten in der Stadt, total gesettelt. Wir haben absolut gute Auslastungszahlen, kontinuierlich zwischen 80 und 85 Prozent, trotz oft sehr sperrigen, sehr politischen Programmen. Die Fusionspläne sind vom Tisch, ich glaube auch nicht, dass da in absehbarer Zeit noch etwas kommt. Ich würde sagen, das Theater hat noch für die nächsten 125 Jahre eine Daseinsberechtigung.

125 Jahre Grillo-Theater in Essen

Das Essener Grillo-Theater wurde vor 125 Jahren offiziell eröffnet. Das Gebäude am Theaterplatz wurde seitdem mehrfach umgebaut.

Das Essener Grillo-Theater, 1892

Das Essener Grillo-Theater zählt zu den ältesten Theatern im Ruhrgebiet. Am 16. September 1892 wurde das von dem bekannten Berliner Theaterarchitekten Heinrich Seeling im neobarocken Stil errichtete Haus mit Lessings "Minna von Barnhelm" eröffnet. (Foto von 1892)

Das Essener Grillo-Theater zählt zu den ältesten Theatern im Ruhrgebiet. Am 16. September 1892 wurde das von dem bekannten Berliner Theaterarchitekten Heinrich Seeling im neobarocken Stil errichtete Haus mit Lessings "Minna von Barnhelm" eröffnet. (Foto von 1892)

Seinen Namen verdankt es dem 1825 als Sohn einer Essener Kaufmannsfamilie geborenen Industriellen Friedrich Grillo. Grillo war einer der wichtigsten Unternehmer und Unternehmensgründer des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet. Im Oktober 1887 versprach er, seiner Heimatstadt für den Bau eines Theaters mindestens eine halbe Million Mark spenden zu wollen.

Grillo verstarb vor einer offiziellen Schenkung, aber seine Witwe, Wilhelmine Grillo, löste das Versprechen ein. Sie stiftete das Grundstück am Theaterplatz und übernahm etwa zwei Drittel der Gesamtkosten von insgesamt 937.997 Mark. (Foto von 1892)

Wenige Jahre später erhielt das Theater einen Orchestergraben für Opernaufführungen und wurde mit der Bevölkerungsexplosion nach der Jahrhundertwende schon zu klein für die drei Sparten Oper, Tanz und Schauspiel, so dass das Sprechtheater in den zwanziger Jahren eine eigene Spielstätte in der Hindenburgstraße erhielt. (Foto von 1928)

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude - vor allem seine wilhelminische Schnörkelfassade - stark zerstört. (Foto von 1945)

Bis zum Wiederaufbau der Spielstätte sollten fünf Jahre vergehen. (Foto von 1945)

Nach dem Wiederaufbau wurde das Grillo 1950, nun mit streng sachlicher neoklassizistischer Front, mit einer Inszenierung von Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" wiedereröffnet. (Foto von 1950)

Mitte der 80er Jahre geriet das Grillo-Theater aus ganz anderen Gründen ins Blickfeld öffentlicher Auseinandersetzungen: Wegen Sicherheitsmängeln drohte dem sanierungsbedürftigen Haus die Schließung. Der damalige Schauspieldirektor Hansgünther Heyme konnte dies jedoch 1988 erfolgreich verhindern. (Foto von 1980)

Für die Umbauarbeiten konnte der Architekt Werner Ruhnau gewonnen werden, nach dessen Plänen bereits das Stadttheater Münster und das Musiktheater im Revier MiR in Gelsenkirchen entstanden waren. Ruhnau verringerte das Platzangebot von 670 auf 400 Plätze und schuf so ein variables Raumtheater, das im September 1990 mit Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" wiedereröffnet wurde. (Foto von 2013)

Heute ist der Schauspieler Christian Tombeil Intendant in Essen. Er freut sich über gute Auslastungszahlen und ist davon überzeugt, dass das Theater noch für die nächsten 125 Jahre eine Daseinsberechtigung hat.

WDR 3: Das klingt optimistisch. Schauen wir doch zunächst auf die Anfänge des Theaters. 1887 erklärt der Essener Industrielle Friedrich Grillo, dass er der Stadt ein Theater finanzieren möchte. Auch Friedrich Alfred Krupp will sich beteiligen, obwohl der am Schauspiel eigentlich gar nicht interessiert war. Grillo hingegen schon. Er wollte nämlich zur sittlichen Leben der Arbeiterbevölkerung beitragen. Eigentlich ein ganz bürgerliches Projekt, oder?

Tombeil: Ja, das ist ja das ganz große Alleinstellungsmerkmal dieses Hauses. Es findet sich schwerlich in Europa in dieser Dimension nochmal. Grillo hatte ja diese Spende angekündigt, sie aber selbst gar nicht mehr erlebt, weil er vorher gestorben ist. Wir haben es seiner Frau zu verdanken, dass sie dieses Haus hingestellt hat. Und es war von vorneherein so gedacht, dass es eben nicht wie aus der höfischen Tradition kommend zur Belustigung des Hofes und dessen Anhangs gedacht war, sondern es war von Anfang an so geplant, auch architektonisch, dass mindestens die Hälfte der Zuschauer sich aus der Arbeiterschicht rekrutieren mussten.

WDR 3: Wie plant man das architektonisch?

Tombeil: Es war zwar schon ein bisschen bei den höfischen Theatern abgeguckt, also das Parkett war dem Bürgertum vorbehalten. Aber links und rechts waren zwei Zugänge für die Ränge und die Ränge waren der Arbeiterklasse vorbehalten - das kann man auch schön in der Preisstruktur absehen.

WDR 3: Wenn Sie vom Ruhrgebiet sprechen, dann sagen Sie "wir", aber Ihr kleiner süddeutscher Akzent weist doch darauf hin, dass Sie "von woanders wech kommen", wie man an der Ruhr sagt. Sie sind in Oberfranken geboren. Sind Sie in die Ruhrgebietsmentalität problemlos hineingewachsen?

Tombeil: Als mein technischer Leiter ans Theater in Stuttgart wechselte, an dem ich zuvor zehn Jahre lang war, fragte er mich, was ihn in Stuttgart erwarte. Ich hab ihm dann gesagt: "Wenn du in Stuttgart in die Kneipe gehst, kann es dir passieren, dass du eine halbe Stunde kein Bier kriegst. Wenn du im Ruhrgebiet in die Kneipe gehst, musst du aufpassen, ob du mit fünf oder zehn Leuten wieder nach Hause gehst." Also hier aufgenommen zu werden ist so unproblematisch, wie es im Schwabenland schwierig ist, mehr als ein "Reingeschmeckter" zu werden.

Das Interview führte WDR 3 Moderatorin Kornelia Bittmann.

"So jung kommen wir nicht mehr zusammen", unter diesem Motto steht das Theaterfest, mit dem das Schauspiel Essen in die Jubiläumssaison startet. Da das Grillo-Theater 125. Geburtstag feiert und früher auch Heimstatt der Oper, des Balletts und der Essener Philharmoniker war, werden am Samstag, dem 16. September neben den Mitgliedern des Schauspielensembles auch Sänger, Tänzer und Musiker des Aalto-Theaters ein großes Fest für die ganze Familie ausrichten.

Stand: 16.09.2017, 06:00