Mohsin Hamid - Exit West

Mohsin Hamid, Exit West

Mohsin Hamid - Exit West

Von Fabian May

Durch eine Welt voller Türen. Mohsin Hamid erzählt in Exit West die Reise eines jungen Liebespaars aus einem arabischen Bürgerkriegsland über den Globus. Sein Roman ist nicht nur zeitgeistig, sondern in vielen Momenten auch sehr wahr und menschlich.

Mohsin Hamid
Exit West
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
DuMont, 2017
224 Seiten
22,00 Euro

Eine lebenswichtige Entscheidung

Die Handlung von Mohsin Hamids Exit West könnte in jedem muslimisch geprägten Land der Welt beginnen, ein genauer Ortsname fällt nie: Der schüchterne, eher konservative und moderat religiöse Saeed arbeitet in einer Werbeagentur, die selbstbewusste, experimentierfreudige und atheistische Nadia bei einer Versicherung. Während Regierung und Milizen ihre Heimat im Bürgerkriegs-Chaos versenken, verliebt sich das ungleiche Paar ineinander. Und steht bald vor einer lebenswichtigen Entscheidung: Bleiben wir oder gehen wir? Eine Flucht wäre gefährlich und teuer. Da mischt sich ein fantastisches Element in diese bis Seite 73 vollkommen realistische Geschichte:

"Gerüchte machten in jüngster Zeit die Runde, die besagten, dass es Türen gab, durch die man überallhin gelangen könne, nicht selten an entfernte Orte weit weg vor dieser Todesfalle von einem Land. Einige behaupteten, Leute zu kennen, die wiederum andere kannten, die durch solche Türen gegangen waren."

Mohsin Hamdi - Exit West

WDR 3 Buchrezension | 28.08.2017 | 05:34 Min.

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Risse und Märtyrertum

Mohsin Hamid

Mohsin Hamid

Nadia und Saeed wagen schließlich den Schritt durch die Tür in einer Zahnarzt-Praxis in ihrer zerschossenen Stadt. Sie landen auf der griechischen Insel Mykonos, unter Zehntausenden Bootsflüchtlingen, und leben dort zunächst im Zelt. Später finden sie weitere Türen. Eine davon bringt sie in ein höchst aufgeheiztes London, in dem das Militär einige von Migranten bevölkerte Viertel von selbsternannten Heimatschützern trennen muss. Das Pärchen-Idyll bekommt Risse. Im Angesicht der weiten Welt und ihrer sich in die Länge ziehenden Reise beginnt das Paar sich zu entfremden. Saeed findet kurzzeitig Halt in einer Hausgemeinschaft um einen Prediger, der auch vom Märtyrersein spricht. Und er findet zu sich im Gebet, das ihn schon als Kind fasziniert hat:

"Saeed beobachtete immer, wie sie sich auf das Gebet vorbereiteten und dann beteten, und nahm hinterher ihren veränderten Gesichtsausdruck wahr, meistens lächelten sie, als wären sie erleichtert oder befreit oder fühlten sich getröstet, und er fragte sich, was mit einem geschah, wenn man betete [...]. Als Saeed ins Teenageralter kam, fragte ihn sein Vater, ob er Lust habe, ihn freitags zum Gemeinschaftsgebet zu begleiten. Saeed sagte Ja, und von da an fuhr Saeeds Vater jeden Freitag mit dem Wagen von der Universität nach Hause, um seinen Sohn abzuholen, und Saeed betete gemeinsam mit den Männern, und zu beten wurde für ihn zu etwas, was Männer taten, ein Ritual, das er mit dem Erwachsensein verband und mit der Vorstellung, eine besondere Art von Mann zu sein, ein Gentleman – ein vornehmer Mann –, ein Mann, der für Werte wie Gemeinschaft und Glauben und Freundlichkeit und Anstand stand, in anderen Worten ein Mann wie sein Vater."

Freiheit mit schwachen Momenten.

Nadia dagegen trägt die religiöse schwarze Kluft nur, um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen. Sie ist eine freiheitsliebende und erlebnishungrige Frau. Die Fremde zu sein, Vorsicht walten zu lassen und sich zurückzunehmen wie Saeed, liegt ihr nicht. Doch selbst sie hat in London ihre schwachen Momente, in denen sie sich vom Weltgeschehen überholt fühlt:

"Einmal saß Nadia auf den Stufen eines Gebäudes, während schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite ein Trupp Soldaten mit Panzer stand, und las Nachrichten auf ihrem Handy, als sie plötzlich meinte, online ein Foto von sich selbst zu sehen, wie sie auf den Stufen eines Gebäudes sitzend auf ihrem Handy die neuesten Nachrichten checkte, während auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Soldatentrupp mit Panzer stand, und sie erschrak und fragte sich, wie das sein konnte, wie es möglich war, dass sie die Nachrichten las und gleichzeitig eine dieser Nachrichten war, und wie dieser Online-Nachrichtendienst im selben Moment ein Bild veröffentlichen konnte, in dem es entstand, und als sie sich nach einem Fotografen umsah, hatte sie das bizarre Gefühl, als krümmte sich um sie herum die Zeit, als käme sie selbst aus der Vergangenheit und informierte sich über die Zukunft […]."

Ein wahres Buch mit Türen

Mohsin Hamid versteht es, in zunächst ganz unscheinbaren Situationen plötzlich den ganz großen Bogen zu spannen. Dann geht es um Verlust oder Hinzugewinn von Gewissheiten, Grunderfahrungen von Liebe und Tod. Immer geht es ihm in seiner unaufgeregt-sachlichen, allgemein wirkenden Sprache ums Ganze. Um das, was alle Menschen erleben, ob sie nun aus einem Bürgerkriegsland fliehen oder nicht.

Ob Saeeds und Nadias Liebe diese Erlebnisse übersteht, soll nicht verraten werden. Das ist auch nicht das einzige Interessante. Mohsin Hamids Roman ist mehr als eine welthaltige Liebesgeschichte. Seine Türen, die weite Distanzen kurzschließen, sind mehr als ein allzu offensichtliches Sinnbild einer globalisierten Welt. Exit West wirkt durch seine kulturelle Universalität und radikale Menschlichkeit wie eine Befreiung. Hamid fordert – hier ganz magischer Realist – seine Leser auf, das Bild der Türen ins Unbekannte für die Dauer der Lektüre ernster zu nehmen als die Wirklichkeit selbst.

„Indem wir uns etwas vorstellen, schaffen wir das Potenzial dessen, was sein könnte“, hat Hamid im Februar im britischen Guardian geschrieben. „Geschichten besitzen die Kraft, uns von der Tyrannei dessen zu befreien, was war und was ist.“ Das gilt auch für sein neues Buch. Es gibt einem ein Gefühl von Faszination und Offenheit bei gleichzeitiger Geborgenheit im allgemein Menschlichen.

Hamids deutscher Verlag nennt sein Buch "den Roman der Stunde". Es ist mehr als das. Es ist in vielerlei Hinsicht ein wahres Buch.

Stand: 28.08.2017, 09:17