Boualem Sansal - 2084. Das Ende der Welt

2084. Das Ende der Welt

Boualem Sansal - 2084. Das Ende der Welt

Von Christoph Vormweg

Für alle, die George Orwells "1984" nicht kennen - Boualem Sansal entwirft den religiöse Überwachungsstaat: "2084. Das Ende der Welt".

Boualem Sansal
2084. Das Ende der Welt
Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky
Merlin Verlag 2016
288 Seiten
24 Euro

Von 1984 bis 2084

Politische Schreckensvisionen haben auf dem französischen Buchmarkt derzeit Konjunktur. So provozierte Skandalautor Michel Houellebecq 2015 eine Großdebatte. Denn in seinem Roman "Unterwerfung" wird ein Muslim zum französischen Staatspräsidenten gewählt. Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal geht noch viel weiter. In seinem Roman "2084. Das Ende der Welt" entwirft er die schwarze Zukunftsvision einer die Erde beherrschenden religiösen Diktatur. Schon der Titel zeigt, dass das Buch eine Fortschreibung von George Orwells Klassiker "1984" ist, der 1949 das stalinistische Herrschaftssystem anprangerte.

Abistan

Vom Islam ist bei Boualem Sansal direkt nicht die Rede – weshalb er auch, anders als Salman Rushdie mit seinen "Satanischen Versen", noch nicht mit einer Fatwa abgestraft worden ist. Doch gleicht das im Roman beschriebene fiktive Weltreich Abistan in vielem den Wunschvorstellungen islamistischer Gotteskrieger von einem allmächtigen Knebelstaat. Riesenporträts des höchsten Führers hängen an den Häuserwänden. Reisen dürfen, wenn auch scharf kontrolliert, nur die Pilger. Und über die neue Staatssprache, das sogenannte "Neusprech", versuchen die Regierenden, "Willen und Neugier" der Bewohner auszuschalten. Der Protagonist Ati ist ein Strenggläubiger, der selbst aus Überzeugung vermeintlich Ungläubige denunziert. Erst ein Aufenthalt in einem Gebirgssanatorium weckt Zweifel bei ihm. Immer mehr Indizien sprechen dafür, dass der Heilige Krieg noch gar nicht gewonnen ist. Ist etwa alles nur auf Lügen gebaut?

"In seiner grenzenlosen Kenntnis des Kunstgriffes hat das System früh erkannt, dass die Heuchelei den vollkommenen Gläubigen ausmacht, nicht der Glaube, der durch seine unterdrückende Natur den Zweifel nach sich zieht, ja die Revolte und den Wahn. Es hat auch verstanden, dass die wahre Religion nichts anderes sein kann als eine wohlgeregelte, zum Monopol erhobene und durch allgegenwärtigen Terror aufrechterhaltene Frömmelei. […] Ati fiel es schwer, einen Schluß zu ziehen. [...] Er kannte die freie Welt nicht, er konnte sich einfach nicht vorstellen, welche Beziehung bestehen könnte zwischen Dogma und Freiheit, noch wer von beiden der stärkere war."

Verbotene Zonen

Boualem Sansal - 2084. Das Ende der Welt

WDR 3 Buchrezension | 12.07.2016 | 05:47 Min.

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 Boualem Sansal

Boualem Sansal

Im ersten Drittel des Romans "2084. Das Ende der Welt" dominiert die systemkritische Nachdenk- und Zweifelprosa. Es wird mehr analysiert und philosophiert als erzählt. Das gibt Boualem Sansals Text lange eine kopflastige, zähflüssige Note. Auch stört zuweilen der pädagogische, allwissende Unterton des Erzählers, der Atis Erkenntnisprozess schildert. Nur langsam nimmt der Plot Fahrt auf. Denn nach seiner Rückkehr aus dem Sanatorium beginnt der Genesene mit seinem Freund Koa die verbotenen Zonen von Abistan zu erkunden. Sie lassen sich in das hinter Mauern und Minenfeldern gelegene Ghetto einschleusen, wo die Renegaten, die Abtrünnigen hausen. Dort erscheint ihnen das Leben viel erträglicher. Sogar Erotik hat Platz. Doch die Angst vor der drohenden Strafe quält die beiden.

"Man konnte nicht das geringste Verständnis erwarten, […] die Richter der Moralischen Inspektion, die Kollegen und die Nachbarn würden sich als erbitterte Ankläger erweisen, sie würden es lauthals als Betrug, Unglauben, Abschwören bezeichnen. Im Stadion wäre die Menge außer sich, sie würde ihre Leichname mit Füßen treten [...]. Die Freiwilligen Rächenden Gläubigen würden sich dabei mit Ruhm bedecken."

Verrückt danach

Boualem Sansals Roman "2084. Das Ende der Welt" beschreibt den Alptraum "Gottesstaat". Anders als bei George Orwell ist nicht einmal Raum für eine Liebesgeschichte. Interessant ist vor allem die Begegnung mit Regierungsvertretern eines der herrschenden Clans am Ende des Buchs. Für sie zählt allein die Macht - und der Reichtum, der sich aus ihr schlagen lässt. In ihrem Zynismus haben sie seit langem jeglichen Bezug zur eigenen Bevölkerung verloren. Jedes Mittel zur Manipulierung der Massen ist recht: vom Dialektverbot über die Geschichtsfälschung bis hin zur Versetzung des Hauptnahrungsmittels mit künstlichen Aromen und Narkotika.

"Egal, die Leute waren verrückt danach, das war die Hauptsache."

Systeme und Gefahren

Wer George Orwells "1984" noch nicht kennt, sollte Boualem Sansal jedenfalls unbedingt lesen. Auch wenn sich "2084. Das Ende der Welt" passagenweise nicht wie ein Roman sondern wie ein systemanalytischer Essay aus der Zukunft liest, wirft er zahllose Fragen auf, die alle politischen Systeme betreffen - auch das demokratische. Frei nach dem Motto: Wehret den Anfängen.

Boualem Sansal - 2084. Das Ende der Welt

WDR 3 Buchrezension | 12.07.2016 | 05:47 Min.

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Stand: 12.07.2016, 08:53