Pankaj Mishra - Das Zeitalter des Zorns: Eine Geschichte der Gegenwart

Pankaj Mishra - Das Zeitalter des Zorns: Eine Geschichte der Gegenwart

Pankaj Mishra - Das Zeitalter des Zorns: Eine Geschichte der Gegenwart

Halb Ideengeschichte, halb Sammelklage: Pankaj Mishra verstrickt sich in einer Geschichte des Gegenwart als "Zeitalter des Zorns".

Pankaj Mishra
Das Zeitalter des Zorns: Eine Geschichte der Gegenwart
S. Fischer, 2017
416 Seiten
24,00 Euro

Blühende Landschaften und ein globales Zeitalter des Zorns

Als Helmut Kohl seinen neuen Mitbürgern aus der ehemaligem DDR vor 27 Jahren "blühende Landschaften" versprach, formulierte er gängiges Denken: das Ende der Geschichte war gekommen, das westliche Modell, das Marktwirtschaft, Liberalismus und schrankenlosen Individualismus in immer neuen herrlichen Varianten kombinierte, es hatte triumphiert. Nicht nur in Europa. Eines Tages würde es die ganze Welt beglücken. Mittlerweile liefert der globale Kapitalismus tatsächlich in jeden Winkel der Welt dieselben herrlichen Produkte. Doch wie sich zeigt, reagieren immer mehr Menschen darauf nicht mit Dankbarkeit. Sie wählen Populisten, sie wenden sich den Heilsversprechen von Religion und Nation zu und sie greifen zu den Waffen. Weil der globale Kapitalismus ihnen zwar Träume in die Köpfe setzt, für deren Erfüllung aber eine hohe Gebühr verlangt. Nicht nur finanziell. Das moderne Gleichheitsversprechen, es kollidiert immer stärker mit massiven Unterschieden hinsichtlich Macht, Bildung und Besitz. Das Ergebnis, so Mishra, ist ein globales Zeitalter des Zorns.

"Zukünftige Historiker werden dereinst vielleicht in diesem unkoordinierten Durcheinander den Beginn des dritten - längsten, seltsamsten - aller Weltkriege erblicken: eines Krieges, der wegen seiner Allgegenwart einem globalen Bürgerkrieg nahekommt."

Pankaj Mishra - Das Zeitalter des Zorns

WDR 3 Buchrezension | 18.08.2017 | 06:06 Min.

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Eine Geschichte systematischer Gewalt

Für das Verständnis unserer aus Mishras Sicht apokalyptischen Zeit ist zweierlei entscheidend:
1. Was wir erleben ist lediglich eine auf globales Niveau ausgedehnte und darum besser sichtbare Version des seit 200 Jahren bekannten Unbehagens an der Moderne. 2. Der Siegeszug dieser Moderne war immer schon eine Geschichte der Gewalt.

"Ich vertrete hier die These, dass die beispiellose politische, ökonomische und soziale Unordnung, die den Aufstieg der industriekapitalistischen Wirtschaft im Europa des 19.Jahrhunderts begleitete und in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu Weltkriegen, totalitären Regimen und Völkermorden führte, heute weitaus größere Regionen und Bevölkerungen befallen hat; dass weite Teile Asiens und Afrikas, die durch den europäischen Imperialismus einst erstmals der Moderne ausgesetzt wurden, heute tiefer in die schicksalhafte westliche Erfahrung dieser Moderne eintauchen."

Pankaj Mishra

Pankaj Mishra

Die Errungenschaften der Moderne unterschlägt Mishra weitgehend. Den stets problematischen, aber unbestreitbaren Fortschritt, den selbst das blutige 20.Jahrhundert für Millionen in vielen Ländern der Welt geliefert hat:

Massendemokratie, Wahlrecht für Frauen, Bürgerrechte, Befreiung aus der Tyrannei von mittelalterlicher Religion, höhere Lebenserwartung und die Alphabetisierung von Millionen. Trotzdem hat er recht: der Siegeszug der Moderne war eine Geschichte systematischer Gewalt. Von der Vertreibung englischer Bauern von ihren Feldern in die Fabriken des 18. und frühen 19.Jahrhundert über Kolonialismus und Weltkriege bis zur modernen Sklaverei in den Kleiderfabriken dieser Welt.

Eine Ideengeschichte

Leider deutet Mishra diese Verschränkung von Fortschritt und Gewalt nur an. Sein Buch enthält wenig Politik, wenig Soziologie und, so seltsam es klingt, wenig Geschichte. "Das Zeitalter des Zorns" ist zu 90% eine sehr altmodisch anmutende Ideengeschichte, es geht um "Strukturen des Fühlens und Denkens". Konkret: Mishra zeigt am Beispiel von berühmten Schriftstellern, Philosophen, Revolutionären und Terroristen, wie Menschen in aller Welt auf den Siegeszug des modernen Kapitalismus reagieren. Immer gleich nämlich, kurz gesagt. Mishra beginnt seine Ideengeschichte bei Voltaire und Rousseau. In Voltaire erkennt er den Inbegriff des rationalistischen westlichen Denkens, das sich selbst das Recht zuspricht, die dunklen Massen zum Glück zu führen. Notfalls mit Gewalt. Mishra verachtet Voltaire für seine Nähe zu autokratischen Herrschern in ganz Europa, für seinen Hass auf die Türken und für seine stupende Geschäftstüchtigkeit. Das Gegenmodell ist Rousseau. Der struppige Underdog aus Genf habe die moralischen und spirituellen Folgen vorausgesehen, die der Verlust der alten Gewissheiten für Millionen von Erniedrigten und Beleidigten haben werde.

"Sein Angriff auf die moralische Verderbtheit; seine Behauptung, die Hauptstadt sei eine Lasterhöhle und die Tugend finde sich beim einfachen Volk; sein Lobgesang auf militanten Patriotismus, sein Misstrauen gegen intellektuelle Technokratie; sein Eintreten für eine Rückkehr zum Kollektiv, dem "Volk" oder sein Interesse am "Fremden" - in all dem antizipierte Rousseau den modernen Außenseiter."

Etwas wichtigem auf der Spur

Ausgehend von den beiden Franzosen zieht Mishra durch 200 Jahre und drei Kontinente. Und hier wird sein Buch ärgerlich. Sicher: deutsche Romantiker und russische Anarchisten, italienische Futuristen und japanische Nationalisten, Hölderlin, Belinskij, Nietzsche und Mazzini: sie alle haben irgendwie auch auf den Kapitalismus und die Moderne reagiert. Ebenso indische, persische und chinesische Intellektuelle, über die man bei Mishra wie immer viel lernen kann. Und in Texten aus der Zeit der deutschen Befreiungskriege fällt tatsächlich der Begriff "heiliger Krieg". Alles interessant. Aber was sagt uns das wirklich über Trump oder Google? Liest man beim IS Rousseau oder Bakunin?

Vor allem aber wird man nie das Gefühl los, Mishra habe zwar ein gutes Auge für historische Vorläufer und Parallelen, aber nur geringes Interesse an grundlegenden Unterschieden. Er zwingt die Geschichte der Welt in ein zu enges Argument. Und so bleibt "Das Zeitalter des Zorns" ein unbefriedigendes Buch: Pankaj Mishra ist etwas Wichtigem auf der Spur. Aber er bekommt es nicht zu fassen. Vielleicht ist er selbst einfach zu zornig?

Stand: 18.08.2017, 09:07