Klaus Reichert - Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen

Klaus Reichert - Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen

Klaus Reichert - Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen

Von Brigitta Lindemann

Was schwebt uns da vor? Klaus Reichert blickt in den himmlischen Dunst.

Klaus Reichert
Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen
S. Fischer Verlag, 2016
248 Seiten
26,00 Seiten

Götter und Gott

Am Anfang sind es die Götter: Zeus und Hera, Athene und Hermes, die Versteck spielen in lichten Wolken, aus ihnen künden, in manchen Fällen auch kopulieren in Wolkengestalt oder mit einer Wolke. In vollendetem Gegensatz zu den Antiken treibt es der anschließend auftretende jüdisch-christliche Gott, sobald es Ihm gefällt, verhüllt am Himmel zu erscheinen, äußerst unheiter. Gott, der Eine und Einzige, droht; er diktiert; er führt aus der Gefangenschaft. Und schafft so aus dem luftig-leichten Gebilde ein Dräuendes und Angsteinflößendes.

In den vergangenen Jahrtausenden hat sich an dem gesammelten Spektrum, das griechische Mythen und Altes Testament vorgeben, nichts merklich verändert. Alles kann aus dem Wolkenhimmel heraus- und in ihn hineingelesen werden; eben auch die einander ausschließenden Botschaften. Der Himmel ist weiß-Gott ganz undogmatisch. Nichts steht an ihm je fest.

"Mit welcher Leichtigkeit die Wolken an diesem Apriltag über uns dahinziehen, befreit von der Erdenschwere, der sie entstammen, anmutig-heiter, licht, gerüscht manchmal an den Rändern. Wie von einem geistigen Anhauch von innen heraus überzogen...
Wie bringen wir damit das Wissen überein, daß sie elefantenschwere Lasten halten und nach oben schleppen. Wie schwer ist Luft? Kinderfragen, die sich so schwer beantworten lassen - was nützt es dir und deinem Kind jetzt, daß die Wissenschaft sie längst beantwortet hat?"

Wann nehme ich Wolken überhaupt wahr?

Klaus Reichert

Klaus Reichert

Der Wissenschaftler Klaus Reichert, emeritierter Hochschullehrer, Übersetzer und ein Jahrzehnt lang Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, stellt die Kinderfragen: Wann nehme ich Wolken überhaupt wahr? Ist es in einer bestimmten Gestimmtheit? Oder empfange ich von den Wolken? Habe ich eine Vorstellung vom Unendlichen? Projiziere ich meine Gefühle hinauf? Bebildere den Himmel mit Schäfchen, so ich milde gestimmt bin, mit Drachen, wenn ich mich fürchte? Wie sehen dann Mohammedaner den Himmel? Als Schriftzeichen? Diese und viele weitere Fragen fügen sich zu einem schönen unsystematischen Kompendium.

Immer schon trugen Philosophen, Dichter, Maler und Musiker den Kopf in den Wolken. Souverän durchstreift Reichert Zeiten und, Räume auf der Suche nach ihnen - Denk- und Gefühlsräume inklusive. Seine Referenz-Größen sind insbesondere Maler, vor allem die Briten Constable, Turner und Ruskin, auf dessen fünfbändiges Werk „Modern Painters“ der Anglist Reichert immer wieder verweist. Dazu kommen die Gewährsleute Heraklit und Joseph Conrad, Arnold Schönberg, Lord Byron, Caspar David Friedrich, György Ligeti, Goethe und Samuel Beckett - und viele andere mehr. In Reicherts literarischem Formenkanon finden sich alle Genres. Auf ein eigenes Prosagedicht folgt Bildbeschreibung folgt Tagebucheintrag folgt knapper Essay folgt Zitatfundstück folgt das Referat eines antiken Mythos. Unbefangen sammelt der Autor Mosaiksteinchen und Splitter - ganz dem Flirrenden, Schwebenden, Irisierenden seines Gegenstands angemessen. Auch Bedeutung darf da nicht schwer wiegen. Einmal, bei der Betrachtung von Caspar David Friedrichs Bild „Das Riesengebirge“ erinnert sich der Autor einer Lektüre:

"Ein mit brauner Tinte beschrifteter Himmel. Ein Traumalphabet, das entziffert werden will...? Engelsschrift, die für uns noch nicht zu lesen bestimmt ist? Lévy-Strauss schreibt einmal von der Begegnung mit einem Häuptling im tropischen Urwald, bei der er sich Notizen machte. Der Häuptling schaute verwundert zu, erbat sich dann einen Stift und ein Blatt Papier, das er stumm mit Strichen und Kurven bedeckte und dann mit bedeutungsvoller Miene zurückreichte."

Omnia mutantur – alles verändert sich

Kurven und Gestricheltes, mit bedeutungsvoller Miene übereignen, als läge darin ein Sinn – wir alle tun das! Nichts unterscheidet uns von Lévy-Strauss´ Häuptling, suggeriert die Szene. Unter der Hand gerät Reicherts Wolken-Buch zur anthropologischen Studie.

Der Wind verstößt gegen die Primärfunktion des Verstandes, Permanenz zu sichern, schreibt die libanesisch-amerikanische Dichterin und Malerin Etel Adnan, die der Auror unter seine Fundstücke eingereiht hat. Wind und Wolken widersprechen dem Bedürfnis nach Kontinuität und Sicherheit. In der ehrwürdigen Tradition jener, die das menschliche Erdenleben immer schon zusammen gedacht haben mit dem flüchtigsten Element, der Luft, demontiert Reichert Gewissheiten. Alles ist Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind, wie es in der Bibel heißt. Und die Welt ist nicht redundant, sich wiederholend und darum wiedererkennbar, sondern begriffen in steter Veränderung und Bewegung. Omnia mutantur – alles verändert sich - auch wir. Was uns darum bleibt, ist die Hingabe ans Gegenwärtige und Vergängliche. Eine Wiederverzauberung nach dem Durchgang durch weltliche Eitelkeiten und Wahn. Wie es im Gedicht „Ende und Anfang“ von Wislawa Szymborska geschrieben steht:

"Im Gras, das über Ursachen
Und Folgen wächst,
muß jemand ausgestreckt liegen,
einen Halm zwischen den Zähnen,
und in die Wolken starrn."

Klaus Reichert - Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen

WDR 3 Buchrezension | 30.12.2016 | 06:02 Min.

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Stand: 30.12.2016, 13:00