Tony Judt - Wenn sich die Fakten ändern. Essays 1995 – 201

Tony Judt - Wenn sich die Fakten ändern. Essays 1995 – 201

Tony Judt - Wenn sich die Fakten ändern. Essays 1995 – 201

Von Peter Meisenberg

Von erstaunlicher Klarheit und Voraussicht: sieben Jahre nach seinem Tod erscheinen Essays des großen britischen Zeithistorikers Tony Judt.

Tony Judt
Wenn sich die Fakten ändern. Essays 1995 – 2010
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Jennifer Homans
S. Fischer, 2017
384 Seiten
25,00 Euro

Die Sammlung seiner Obsessionen

Der große englisch-amerikanische Historiker Tony Judt starb mit 62 Jahren im Jahr 2010 an einer schrecklichen Nervenkrankheit. In seinen letzten beiden Lebensjahren lähmte sie bis auf den Kopf seinen ganzen Körper. Er arbeitete trotzdem weiter und er hielt auch weiter Vorträge, bei denen er sich selbstironisch als "talking head" einführte. Er war besessen von seiner Arbeit und besessen von den Themen, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Entsprechend bezeichnet seine Witwe Jennifer Homans in ihrem Vorwort zum vorliegenden Band Judts zwischen 1995 und 2010 geschriebene Essays als eine Sammlung seiner "Obsessionen". Seine erste Obsession gilt natürlich seinem Lebensthema, Europa. Ihm hat er sein 2006 erschienenes Hauptwerk, "Postwar. Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart", gewidmet. Der interessanteste der hier wieder veröffentlichten Aufsätze ist ein Text, den er ganz zu Beginn seiner Arbeit an "Postwar", im Jahr 1996 schrieb. Er heißt "Europa – die große Illusion" und stutzt aus der Perspektive des Historikers die Erwartungen und Hoffnungen zurück, die sich damals noch auf die Europäische Union richteten. Die Hauptthese von "Postwar" ist, dass die europäische Integration nicht so sehr eine optimistische Zukunftsentscheidung, sondern viel eher ein "verunsichertes Kind der Angst" war, geprägt von den Erfahrungen des zurückliegenden Krieges. Dieses Trauma bestimmte viele Entscheidungen der Europäischen Union: Die Osterweiterung etwa geschah, um sich vor Russland zu schützen, führte dann jedoch zur fortschreitenden Verwässerung des Selbstverständnisses der EU. Und für Judt war bereits 1996 klar, dass das zunehmend von den Interessen der ökonomischen Gewinner, allen voran Deutschland, bestimmt wird.

"Wenn Europa für die Gewinner steht, wer wird dann für die Verlierer sprechen – für den Süden, die Armen, die Benachteiligten, die nicht in wohlhabenden, grenzüberschreitenden Superregionen leben? Es besteht die Gefahr, dass für diese Europäer am Ende nur noch die Nation bleibt, genauer gesagt der Nationalismus, der klassische Nationalstaat als Bollwerk gegen Wandel."

Israel-Essays

Tony Judt

Tony Judt

Als ähnlicher Prophet erweist sich der Historiker bei seiner zweiten "Obsession", bei seiner Beschäftigung mit dem Staat Israel. Tony Judt wurde 1948 in London als Kind jüdischer Eltern geboren, war als junger Mann ein glühender Linkszionist, - bis er nach einjährigem Aufenthalt in einem Kibbuz und nach dem Sechstagekrieg 1967 eine radikale Wendung vollzog. Wer hierzulande Tony Judt nicht als Historiker kennt, der kennt ihn als Israelkritiker und als Kritiker der Israel-Lobby in den USA. Weswegen er bei vielen seiner Auftritte als "Antisemit" beschimpft wird. Was natürlich Unsinn ist.

Seine Israel-Essays zeigen ihn als einen Juden, der unter den Entscheidungen der israelischen Regierungen leidet, die durch ihre Siedlungspolitik systematisch den Traum der Koexistenz eines palästinensischen und eines jüdischen Staates für lange Zeit, wenn nicht für immer zerstört haben.

"Dank der Arroganz des ‚jüdischen Staates’ gegenüber den Palästinensern ist der Nahostkonflikt die Hauptursache für das Wiederaufleben des weltweiten Antisemitismus. Er ist das machtvollste Propagandainstrument radikalislamischer Bewegungen. Er beweist, wie nutzlos die amerikanische und die europäische Außenpolitik in einer der instabilsten Regionen der Welt ist. Wir müssen einen anderen Weg einschlagen. So wie bisher kann es nicht weitergehen."

Den Staat neu zu entdecken

Und deshalb schlägt Tony Judt, der die Hoffnung auf eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern nicht aufgeben mag, in diesem, 2009 verfassten und hier erstmals veröffentlichten Essay fast verzweifelt als letzte Möglichkeit einen einzigen, binationalen Staat Israel vor. Wohl wissend, wie unwahrscheinlich dieses Projekt ist. - Ebenso wenig will er bei einer anderer seiner "Obsessionen", dem sozialdemokratisch geprägten Sozialstaat, vorschnell die Hoffnung aufgeben. In seinem allerletzten, 2010 verfassten Aufsatz, setzt er sich kritisch mit der neoliberalen "Chicagoer Schule" auseinander und plädiert dafür, mit einer sich neu besinnenden "linken" Sozialdemokratie "den Staat neu zu entdecken". So nutzt also der Historiker Tony Judt in den Essays sein umfassendes Wissen nicht nur zur Analyse der Gegenwart sondern auch, um mal optimistisch, mal skeptisch den Blick in die Zukunft zu richten. Den größten, allerdings überaus realistischen Weitblick beweist er in Bezug auf seine Wahlheimat USA. Deren unberechenbaren Isolationismus und für die Belange anderer Nationen völlig blinden Egoismus erkannte er bereits im Jahr 2002. Einen seiner Essays zu der auf den 11. September 2001 reagierenden US-Politik nennt er: "Sich selbst der größte Feind“.

Seine Einmischungen

Die allermeisten der hier versammelten Essays wurden zu Lebzeiten Tony Judts in amerikanischen Zeitschriften als seine Einmischungen ins politische Tagesgeschäft veröffentlicht. Aber weil es ein weitsichtiger, unorthodoxer und immer pointiert formulierender Historiker war, der sich dort einmischte, bleiben seine Gedanken lange über seinen Tod hinaus ein überaus anregendes Leseerlebnis.

Tony Judt - Wenn sich die Fakten ändern. Essays

WDR 3 Buchrezension | 08.09.2017 | 05:59 Min.

Download

Stand: 07.09.2017, 13:40