Wolf Biermann - Warte nicht auf bessre Zeiten, Die Autobiographie

Wolf Biermann, Warte nicht auf bessre Zeiten, Die Autobiographie

Wolf Biermann - Warte nicht auf bessre Zeiten, Die Autobiographie

Von Wolf Scheller

Ein grau gewordener Schelm. Wolf Biermann schreibt seine Autobiographie.

Wolf Biermann
Warte nicht auf bessre Zeiten
Die Autobiographie Propyläen Verlag, 2016
543 Seiten
28,00 Euro

Ein grau gewordenes Kind

ein Leben hat er als einen "Schelmenroman" bezeichnet, sich selbst als ein "grau gewordenes Kind". Im Unterschied zu seinen künstlerischen Ahnen – Francois Villon, Heinrich Heine und Bert Brecht - wurde Wolf Biermanns Lebensweg schon durch die Muttermilch vorgegeben. Das "Halbjüdlein, der Mischling ersten Grades", wie die Nazis seine Herkunft stigmatisierten, hat die Abwesenheit des in Auschwitz ermordeten Vaters mythisiert – einerseits zu einem Grundkummer, andererseits zu einem "schwarzen Glück", aus dem sich seine Widerständigkeit entwickelte. Es sind vor allem die ersten drei Kapitel dieser Autobiographie, die in ihrer intensiven Erzählweise ohnegleichen den Leser fesseln. Das Kind wächst in einer kommunistischen Hamburger Proletarierfamilie auf, erlebt den Vater nur einmal als Vierjähriger bei einem kurzen Besuch im Gefängnis aus der Nähe. Aus den Fetzen der Erinnerung formt sich eine Bilderkette, in der die Gestalt der Mutter als eine plebejische Mutter Courage immer deutlicher den Vordergrund beherrscht.

Wolf Biermann1965

Wolf Biermann1965

Sie freut sich über die englischen Bomben, die im Sommer 1943 den Feuersturm über die Hansestadt auslösen, bei dem die Menschen zu Tausenden verbrannten. Dem Kind ist die "Erinnerung an dieses Inferno eingebrannt wie nichts sonst". Die kleine Familie mit Mutter Emma und Oma Meume überlebt, wird nach Bayern evakuiert, kehrt nach dem Krieg ins zerstörte Hamburg zurück – und auch der Glaube an den Kommunismus überlebt. Schulschwach – "dumm war ich nicht, aber ich war der Dümmste", heißt es im Buch – macht der 16jährige rüber in die DDR – ohne die Mutter, aber mit ihrem Segen.

Er bekommt einen Platz im Internat und schon nach der ersten Woche Streit mit den neuen Genossen in der FDJ. Anlass ist ein blondes Mädchen, das sich weigert, aus der Jungen Gemeinde der Evangelischen Kirche auszutreten und deswegen gemaßregelt wird. Scharfsinnig erkennt der Neuzugang aus dem Westen: Das ist nicht der Kommunismus, für den ich mich einsetzen wollte.

Treuer Verräter und tapferer Renegat

Wie einer zu dem wurde, der er jetzt ist – das erfahren wir in jenem Biermann eigenen leicht pathetischen Tonfall, der durch Ironie und Selbstironie immer wieder gebrochen wird - nicht frei von Eitelkeit, die sich auch durch noble Treuherzigkeit nicht weglesen lässt. Gewiss, auch ein Talent fürs Theater, das die Brecht-Witwe Helene Weigel fördert, indem sie den ehrgeizigen Ökonomie-Studenten als Regieassistent mit Kleindarsteller-Verpflichtung beim Berliner Ensemble unterbringt. Aber Biermann ist eben nur äußerlich ein bisschen klein geraten. Er will mehr, er dichtet und singt zur Gitarre – Politisches, Aufmüpfiges – auch Liebeslieder.

Und er hat Erfolg. Die immer Recht habende Partei fühlt sich zunehmend auf den Schlips getreten – und nimmt Übel. Aber Stephan Hermlin, Honecker-Freund und Staatspoet, wohnhaft im Berliner Nobelstadtteil Niederschönhausen ,"wo die Hohen schön hausen", hält Biermann für ein "großes Talent", stachelt ihn damit an und "lähmt ihn zugleich" . Wiederholt legt er sich mit der SED an, ein ständiges Hängen und Würgen zwischen Mikrophon und Maulkorb. Seine enge Freundschaft mit dem Regimekritiker und Dissidenten Robert Havemann macht seine Situation nicht besser. Eigentlich wollte er doch Kommunist werden und seinen Vater rächen. Aber daraus wird nichts – oder doch? Biermann tauscht einfach die Antipoden aus – und bezeichnet sich schließlich als "treuen Verräter" und "tapferen Renegat". Denn auch die neue Lage verlangt ihm mehr als nur ein Quäntchen Mut ab, vor allem auch Fingerspitzengefühl. So hat er eines Tages Margot Honecker bei sich in seiner Wohnung in der Chausseestraße sitzen, die ihn mit dem höchst mehrdeutigen Brechtspruch warnt: "Gehe nicht ohne uns den richtigen Weg, denn ohne uns ist er der falscheste…" Irgendwann ist dann aber doch das Tischtuch zwischen Bierman und der Partei zerschnitten. Man will ihn loswerden. In der Ostberliner Chausseestraße besucht ihn inzwischen die haute-volée der politisch-kritischen Sangeskunst: Joan Baez, Allan Ginsburg, der Poet der New Yorker Beat-Generation, der noch "ich-besessener" sei als er selbst, was schon etwas heißen will.

Auch Rudi Dutschke sitzt an seinem Tisch, ebenso Wolfgang Neuss, der Mann mit der Pauke. Beide – Biermann(Ost)und Neuss(West)treten gemeinsam in Westberlin auf .Doch im Westen sind nicht alle seiner Meinung. Für viele der Linken ist er jetzt ein Abweichler von der rechten Lehre. Das macht ihm zu schaffen, vor allem nach der Ausbürgerung, als er vom sicheren Terrain aus "die verdorbenen Greise im Wandlitzer Ghetto" – gemeint sind die Spitzen von Staat und Partei – beschimpft.

Wolf Biermann, Liedermacher

Wolf Biermann

Von West nach Ost und wieder zurück

In Paris besucht er einen anderen berühmten Renegaten, den Romancier Manès Sperber, wie er ein Ex-Kommunist. Der rät ihm, seine Memoiren möglichst früh zu schreiben "und nicht als letztes Husten". Es braucht Zeit, sich im Westen zurechtzufinden. Biermann zitiert seinen Haus-Philosophen Hegel: "Man erkennt nur das, was man kennt." Mitunter bedauert Biermann seinen – wie er schreibt – "hochmütigen Stumpfsinn", "leichtsinnig und leichtsinnlich" sei er gewesen. Ja, auch das Thema „Biermann und die Frauen“ kommt hier ins Wort. Die große Weltgeschichte – für Biermann eine Familiengeschichte. Seinen inzwischen zehn Kindern wollte er diese Geschichte erzählen.

Das und noch mehr ist ihm mit seiner Autobiographie aufs Schönste gelungen – 8o Jahre Leben und Überleben in drei Deutschlands – von West nach Ost und wieder zurück. In Paris hatte Biermann seinerzeit auch Gelegenheit zu seinem längeren Gespräch mit Jean-Paul Sartre, dem "Guru der Existentialisten". Dem Barden aus Deutschland gab der Philosoph ein wiederum hegelähnliches Wort mit auf den Weg: "Wir beurteilen Menschen nicht danach, was aus ihnen gemacht wurde, sondern danach, was sie aus dem gemacht haben, was aus ihnen gemacht wurde."

Stand: 14.11.2016, 12:12