W.G. Sebald - Austerlitz

 W.G. Sebald, Austerlitz

W.G. Sebald - Austerlitz

Von Christian Kosfeld

"Austerlitz" war 2001 eine literarische Sensation. Der Autor W.G. Sebald starb kurz nach der Veröffentlichung. Sein Verleger Michael Krüger hat den Roman eingelesen. Seine Interpretation ist eine bewegende Erinnerung an Sebald.

W.G. Sebald
Austerlitz
Gelesen von Michael Krüger.
Der Hörverlag
7 Audio-CDs
ISBN: 978-3-8445-2453-6

Im Jahr 2001 erschien "Austerlitz" von W. G. Sebald (Winfried Georg Sebald) und der Roman wurde als Meisterwerk gefeiert. Wenige Monate später starb Sebald mit 57 Jahren durch einen Autounfall in England. Dort lebte er seit den 60er Jahren und unterrichtete an der Universität von Norwich Literatur. Spät wurde der Autor Sebald bekannt, ab 1990 erschienen seine Prosawerke, zuletzt der Roman "Austerlitz". W.G. Sebald war ein Außenseiter im Literaturbetrieb, wurde zum umworbenen Star-Autor, und war sogar für den Nobelpreis im Gespräch. Heute gilt er international als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. Vor allem Erinnerung und Gedächtnis waren wichtige Themen. Sein Stil wirkte manchmal wie aus dem 19. Jahrhundert. Zugleich spielte Sebald sehr modern mit Zitaten, Verweisen, montierte Bilder und Fotos in seine Texte, mischte Autobiographie und Fiktion. Auch in seinem letzten Roman "Austerlitz": Darin begegnet der Erzähler einem Mann namens Jacques Austerlitz, und trifft ihn über viele Jahre an verschiedenen Orten in Europa wieder, und Austerlitz erzählt ihm von der Suche nach seinen verlorenen Erinnerungen. Im Hörverlag ist jetzt eine ungekürzte Lesung erschienen, nicht mit einem professionellen Sprecher, sondern mit Sebalds Verleger Michael Krüger. Aber auch der Autor selbst in ist einer Originalaufnahme zu hören, die kurz vor seinem Tod in New York entstand.

Centraal Station in Antwerpen

Poträt von W.G. Sebald

W. G. Sebald

Unvermittelt beginnen Roman und Hörbuch. Der Erzähler erinnert sich an seine erste Begegnung mit Jacques Austerlitz im Jahr 1967. Er trifft ihn in einem Wartesaal der Centraal Station in Antwerpen. Der Bahnhof mit seiner Glaskuppel war um die Jahrhundertwende ein prunkvolles Gebäude, nun ist er herunter gekommen.

Jacques Austerlitz ist ein Kunsthistoriker, der durch Europa reist. In Städten, Landschaften, an Orten wie Friedhöfen und Museen, in Bahnhöfen oder Festungen entdeckt er Spuren der Geschichte, und zieht weite Verbindungen durch die Zeit.

"Der an sich lachhafte Ekklektizismus, der in der Centraal Station in ihrem marmornen Treppenfoyer und der Stahl und Glas-Überdachung der Perrons Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinde, sei in Wahrheit das konsequente Stilmittel der neuen Epoche, sagte Austerlitz, und dazu, fuhr er fort, Stunden später in der dem Wartesaal gegenüber liegenden Restauration, passe es auch, dass uns von den erhobenen Plätzen, von denen im Römischen Pantheon die Götter auf die Besucher herab anblicken, im Bahnhof von Antwerpen in hierarchischer Anordnung die Gottheiten des neunzehnten Jahrhunderts vorgeführt werden: der Bergbau, die Industrie, der Verkehr, der Handel und das Kapital. Und unter all diesen Symbolbildern, sagte Austerlitz, stehe an höchster Stelle, die durch Zeiger und Zifferblatt vertretene Zeit."

Die Form und Verschlossenheit der Dinge

Solche verschachtelten Satzgebäude machen Sebalds faszinierenden Stil aus. Dennoch wirkt das nie manieriert. Mehrfach trifft der Erzähler Austerlitz wieder. Der berichtet ihm von seiner Kindheit in Wales, die er bei einem Prediger-Ehepaar verbrachte, wo er sich jedoch immer fremd fühlte. Erst als Schüler auf einem Internat erfährt er seinen richtigen Namen "Jacques Austerlitz", und dass er als Kleinkind von seinen Eltern vor dem 2. Weltkrieg nach England geschickt wurde. Sein Leben lang ist er auf der Suche nach seiner verschütteten Erinnerung, nach seiner Vergangenheit. Und dafür nutzt er immer wieder die Fotografie, die ihn fasziniert.

"In der Hauptsache hat mich von Anfang an die Form und Verschlossenheit der Dinge beschäftigt, der Schwung eines Stiegengeländers, die Kehlung an einem steinernen Torbogen, die unbegreiflich genaue Verwirrung der Halme in einem verdorrten Büschel Gras. Besonders in den Bann gezogen hat mich bei der fotografischen Arbeit stets der Augenblick, in dem man auf dem belichteten Papier den Schatten der Wirklichkeit sozusagen aus dem Nichts hervor kommen sieht, genau wie Erinnerungen, sagte Austerlitz, die ja auch inmitten der Nacht in uns auftauchen und sich dem, der sie festhalten will, so schnell wieder verdunkeln. Nicht anders als ein fotografischer Abzug, den man zu lang im Entwicklungsbad liegen lässt."

W.G. Sebald - Austerlitz

WDR 3 Buchrezension | 11.05.2017 | 06:10 Min.

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Fassungslos vor der eigenen Geschichte

In allen seinen Werken hat W.G. Sebald sich mit Gedächtnis und Erinnerung beschäftigt, mit ihren Räumen und Orten, Bildern und Texten. Wie Austerlitz war auch Sebald ein Reisender, ein Flaneur, der Orte aufsuchte, um Spuren der Geschichte in Fotografien und Notizen fest zu halten, die zur Grundlage eines schmalen, doch beeindruckenden Prosa-Werkes wurden. Im Roman reist Austerlitz durch Europa, nach Antwerpen, London, Nürnberg, in die Pariser Nationalbibliothek, im Museen und Archive. Schließlich findet er in Prag sein ehemaliges Kindermädchen Vera. Von ihr erfährt er, dass seine jüdischen Eltern ihn vor dem Einmarsch der Deutschen nach England schickten. Austerlitz besucht Theresienstadt, meint, seine Mutter in einem Film zu entdecken, und steht fassungslos vor den Dokumenten des Holocaust.

"Ich studierte die Karten des großdeutschen Reichs und seiner Protektorate, folgte dem Verlauf der Bahnlinien, die sie durchzogen, war wie geblendet von den Dokumenten zur Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten, von der Evidenz ihres Ordnungs- und Sauberkeitswahns, erfuhr von der Herkunft und den Todesorten der Opfer, was sie, zeit ihres Lebens, für Namen trugen und wie sie aussahen und wie ihre Bewacher. Das alles begriff ich nun und begriff es auch nicht, denn jede Einzelheit überstieg bei weitem mein Fassungsvermögen."

Eine wunderbare Erinnerung

Michael Krüger, Verleger und Schriftsteller

Michael Krüger

W.G. Sebalds faszinierender Roman war 2001 eine literarische Welt-Sensation, gedanklich und stilistisch brillant, komplex, doch zugänglich. Michael Krüger ist kein ausgebildeter Sprecher, aber ein großartiger Vorleser. Als Sebalds Verleger kennt er diesen Roman in- und auswendig.

Sicher führt er durch die verschachtelten Gedankengänge und Satzgebäude, jeder Absatz ist bewusst gesetzt, jeder Erzähl-Bogen voller Spannung. Krüger gestaltet bedacht, ruhig fortschreitend, ganz so, wie es auch Sebald getan hätte. Am Ende ist der selbst mit einer Lesung in New York zu hören. In der Passage besucht Austerlitz mit einer Freundin Marienbad, sie hören ein Konzert, und sie erzählt von Robert Schumann, dessen Geist langsam im Dunkel verschwindet. Die Aufnahme entstand wenige Wochen vor Sebalds Tod. Dieses Hörbuch ist eine wunderbare Erinnerung an ihn.

W.G. Sebald (New York 2001)
"On the way back to hotel Marie spoke almost as a warning, so it seemed to me, said Austerlitz, of the clouding of Schumann's mind, as his madness came on, and how at last, in the middle of carnival crowds in Düsseldorf he took a leap over the parapet of the bridge into the icy waters of the Rhine."

Stand: 11.05.2017, 09:40