Björn Vedder - Neue Freunde. Über Freundschaft in Zeiten von Facebook

Björn Vedder - Neue Freunde. Über Freundschaft in Zeiten von Facebook

Björn Vedder - Neue Freunde. Über Freundschaft in Zeiten von Facebook

Von Frank Kaspar

Mon Semblable - I like You! Björn Vedder entwirft eine neue Philosophie der Freundschaft für die Ära der sozialen Medien.

Björn Vedder
Neue Freunde. Über Freundschaft in Zeiten von Facebook
Transcript Verlag, Bielefeld 2017
200 Seiten
22,99 Euro

Freundschaften gehören in den Augen vieler Menschen zu den wichtigsten Voraussetzungen für ein geglücktes Leben. In Umfragen werden sie weit häufiger genannt als Gesundheit, Geld oder Erfolg. Manchmal stehen sie sogar an erster Stelle und haben den Wunsch nach Liebe vom Spitzenplatz verdrängt. Aber unsere Vorstellungen von Freundschaft haben sich gewandelt, das zeigt der Münchner Literaturwissenschaftler Björn Vedder in seinem Essay "Neue Freunde". Vedder hat Ausstellungen über Melancholie oder die Macht der Bilder kuratiert und Beiträge für das "Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" verfasst. In seinem neuen Buch untersucht er unseren Umgang mit Freundschaft in sozialen Netzwerken und ihre Darstellung in Schlagern, Filmen und Romanen. Sein Fazit: Heute erhoffen wir uns von Freunden nicht in erster Linie Beistand, sondern Bestätigung.

Ein Freund, ein guter Freund!

Ein guter Freund? Früher war klar, das ist jemand, den man auch nachts um Drei anrufen kann, falls das Auto liegen bleibt; der verständnisvoll und verschwiegen ist. Und was macht heute einen guten Freund aus? Im Internet ist es längst üblich, die eigenen Follower und Freunde im Portfolio zu präsentieren. Aber sind Facebook-Freunde überhaupt echte Freunde? Wird der Begriff der Freundschaft gerade dort nicht völlig inflationär gebraucht und ausgehöhlt?

"Facebook-Freunde sind nicht nur echte Freunde, sie sind sogar viel bessere Freunde als die, die wir üblicherweise dafür halten."

Björn Vedder ist der Ansicht, dass sich in sozialen Netzwerken besonders gut beobachten lässt, worauf es in Freundschaften heute ankommt. In seinem Buch „Neue Freunde. Über Freundschaft in Zeiten von Facebook“ entwirft er eine Philosophie der Freundschaft, die im Kern auf Anerkennung und gegenseitiger Wertschätzung beruht. Das Wichtigste, was Freunde voneinander wollen, ist demzufolge die Bestätigung, ein liebenswerter Mensch zu sein. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie auf Plattformen wie Facebook oder Instagram, die darauf angelegt sind, dem Nutzer Klick für Klick die Rückmeldung zu geben, dass er so, wie er ist, in Ordnung ist.

Aussenwirkung

"Sein Mittagessen, von dem er ein Foto einstellt? Ist okay. Sein Musik-geschmack am Beispiel eines YouTube-Videos oder einer Playlist auf Spotify? Ist okay. Seine sportlichen Anstrengungen, sich selbst zu optimieren, die er durch das Posten entsprechender Aktivitäten zeigt? Sie sind in Ordnung. Seine Freunde, die er auf seinen und die ihn auf ihren Posts verlinken? Akzeptiert."

In der ständigen Suche nach Bestätigung erkennt Björn Vedder einen typischen Zug der modernen Persönlichkeit. Ähnlich wie die Soziologin Eva Illouz es für die Liebe beschrieben hat, gilt auch für die Freundschaft: Menschen wollen um ihrer selbst willen gemocht werden. Denn unser Selbstwertgefühl bemisst sich heute nicht mehr so sehr an der Frage, ob wir bestimmten Tugenden genügen – ob das so ist, könnten wir im Zweifelsfall auch selbst beurteilen –, stattdessen möchten wir Wertschätzung für unsere individuelle Persönlichkeit erfahren. Damit sind wir auf das Urteil anderer angewiesen. Freunde können einander bestätigen, dass sie einzigartig und liebenswert sind. Philosophisch betrachtet ist dieses Spiegelverhältnis allerdings heikel: Immanuel Kant forderte mit seinem Kategorischen Imperativ, dass wir andere „niemals bloß als Mittel“ behandeln sollen, „sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich“. Aber in einer strategischen Partnerschaft gegenseitiger Anerkennung wird der Freund allzu leicht zu einem bloßen Mittel der Selbstbestätigung.

Marktwert und Anerkennung

Björn Vedder spricht von einem Marktverhältnis: Der Selbstentwurf, mit dem ein Freund dem anderen gefallen möchte, nimmt "den Charakter eines Konsumartikels" an. In dieser narzisstischen Ökonomie lautet der wichtigste Grundsatz, frei nach Oscar Wilde: Du sollst nicht langweilen! – Vedder gewinnt dem eitlen Geben und Nehmen aber durchaus Positives ab. Er ist davon überzeugt, dass Freundschaft den Narzissmus bändigen und kultivieren kann, so dass ein Freund sich gerade dann besonders rücksichtsvoll verhält, wenn er sich selbst der Nächste ist.

Der Publizist Björn Vedder

Björn Vedder

"Sein eigenes Streben nach Anerkennung zwingt den Freund dazu, den anderen als gleichwertig anzuerkennen, und verhindert, dass er sich ihm überlegen dünkt."

Ein guter Freund verschafft sich Geltung

An eine Freundschaft ganz ohne Eigeninteresse glaubt Björn Vedder nicht. Der Clou seiner Philosophie besteht darin, dass Leute, die sich tugendhaftes Verhalten nicht mehr vorschreiben lassen wollen, in ihrem eigenen Interesse "halbwegs anständig" miteinander umgehen. Im Zeichen des gezähmten Narzissmus sieht Vedder Umgangsformen wiederkehren, die schon der Freiherr von Knigge empfohlen hat: Ein guter Freund verschafft sich Geltung, indem er den anderen gelten lässt.

"Es gibt dem anderen Raum, lässt ihn glänzen und ist seinen Schwächen gegenüber nachsichtig. Die gegenseitige Grundhaltung ist vorsichtig und behutsam. Dabei bemüht sich jeder, den Aufwand, den er treibt, nicht sehen zu lassen. Alles soll völlig absichtslos erscheinen – eben spielerisch"

Ein spielerischer Ton kennzeichnet auch Vedders Essay. Sein Buch steht in der Tradition einer Philosophie des "guten Lebens", die bis in die europäische Antike zurückreicht. Aber der Autor zieht nicht nur einschlägige Texte von Platon, Hegel oder Kant heran. Hinweise für seine Positionsbestimmung der Freundschaft findet er auch in Liedern, Filmen und Romanen, von Herman Melvilles Moby Dick über "Die Drei von der Tankstelle" bis zu den gemeinsamen Auftritten des "Rat Pack": Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Junior.

Ein Gegenentwurf zur pessimistischen Kulturkritik

Psychologisch überzeugend formuliert Björn Vedder einen Gegenentwurf zur pessimistischen Kulturkritik, die in der Aufmerksamkeits-Ökonomie der sozialen Medien nur eitle Selbstbespiegelung erkennt. Leibhaftige Freundschaften mit ihren ganz eigenen Konflikten und Kompromissen kommen in seiner Analyse allerdings ziemlich kurz. Man sollte es daher mit Vorsicht genießen, wenn Vedder die Idee der "Freundschaft in der Not" als anachronistisch verabschiedet. Trotz "Neuer Freunde", die rund um die Uhr online sind, kann man sich immer noch glücklich schätzen, wenn ein guter Freund im Fall der Fälle tatsächlich mit dem Abschlepp-Seil und einer Thermoskanne Kaffee raus gefahren kommt.

Björn Vedder - Neue Freunde

WDR 3 Buchrezension | 26.05.2017 | 05:17 Min.

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Stand: 25.05.2017, 13:52