Valérie Zenatti - Jacob, Jacob

Valérie Zenatti - Jacob, Jacob

Valérie Zenatti - Jacob, Jacob

Von Dina Netz

Valérie Zenatti spricht in ihrem Roman eine Wahrheit aus, die in Frankreich gern verschwiegen wird: Die algerischen Juden waren während des Zweiten Weltkriegs nicht gut genug für die französischen Schulen, aber gut genug für die Schützengräben.

Valérie Zenatti
Jacob, Jacob
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Verlag Schöffling & Co.
196 Seiten
20,00 Euro

Das Zeug zum Lehrer oder Redakteur

"Jacob, Jacob" erzählt von einem Krieg, von denen Algerien ja im 20. Jahrhundert so viele gesehen hat. Diesmal geht es um einen, der gar nicht in Algerien stattfindet, dessen Erschütterungen aber bis nach Nordafrika zu spüren sind. Der titelgebende Jacob Melki ist 1944, als der Roman einsetzt, 19 Jahre alt, hat gerade seine Abiturprüfungen im algerischen Constantine erfolgreich abgelegt. Obwohl er ein guter Schüler war, hat er lange gebraucht – 1941 hatten die französischen Behörden vorübergehend beschlossen, jüdische Schüler den arabischen gleichzusetzen, und sie von den französischen Schulen verwiesen. Jacob fehlten danach zwei Schuljahre.

Der Jude Jacob passt nicht nur nicht in seine christlich und muslimisch geprägte Umgebung. Auch in seiner bitterarmen Schusterfamilie, die einen rauen Umgangston pflegt, ist der freundliche und belesene junge Mann ein Fremdkörper. Sein Lehrer attestiert ihm, dass er das Zeug zum Lehrer oder Redakteur hätte. Zenatti inszeniert ihn als Lichtgestalt in einem ziemlich düsteren Umfeld.

Gut genug für die französischen Schützengräben

Jacob macht Pläne für sein Studium, als die Einberufung zur Armee kommt. Wie seine wesentlich älteren Brüder hält er seinen Militärdienst für eine eher lästige Episode. Die Familie lebt in ihrer eigenen kleinen Welt, der Krieg hallt eher wie ein fernes Grollen nach Algerien, zum Beispiel gehen die Geschäfte der Schusterfamilie schlechter. Und so ist ihnen nicht klar, dass Jacob kein Abenteuer erwartet, sondern die Befreiung Frankreichs von den Deutschen. "Jacob, Jacob" spricht vor allem eine politische Wahrheit aus, die in Frankreich gern verschwiegen wird: Die Juden in Algerien waren nicht gut genug für die französischen Schulen, aber gut genug für die französischen Schützengräben. Der Jude Jacob zieht mit Arabern und algerischen Franzosen in den Krieg für ein Land, in dem sie nie gewesen sind:

"Ouabedssalam hat eine Kugel in den Arm bekommen, er brüllt, fasst mich nicht an, fasst mich nicht an. Manche Soldaten wimmern auf Arabisch, Jacob hilft dem Sanitäter, sie zu verstehen, übersetzt, beschwichtigt, streicht über die eine oder andere Stirn, sei unbesorgt, mein Bruder, du wirst gerettet, er möchte sich übergeben, weinen, in eine Höhle flüchten, die sich magischerweise zwischen den Buchen auftun würde, ihn vor dem Soldatendasein bewahren, ihm wieder ein friedliches Leben ermöglichen könnte, vielleicht sogar den Genuss langweiliger Winterabende, aber der Wald umschließt ihn wie eine Falle. Mit rotzverschmiertem Gesicht tritt er immer wieder gegen einen Baum, bis er auf die Knie sinkt, auf der schwarzen, mit fauligem Laub bedeckten Erde, vor Bonnins Rumpf, und sich endlich übergibt."

Wie mit Bauern beim Schach

Valérie Zenatti,

Valérie Zenatti,

Einige Jahre später wiederum waren die französischen Juden gut genug, um im Algerienkrieg gegen die Araber zu kämpfen, mit denen sie seit Jahrhunderten friedlich zusammen- oder zumindest nebeneinander her lebten. Mit der Konsequenz, dass sie nach dem verlorenen Krieg ihre Heimat verlassen mussten – auch von diesen späteren Entwicklungen erzählt Zenatti noch. Frankreich ist mit seinen jüdisch-algerischen Bürgern umgegangen wie mit Bauern beim Schach. Diese Erkenntnis macht "Jacob, Jacob" zu einem politisch aufschlussreichen und wichtigen Buch.

Menschen in einer archaischen Welt

Vielleicht hat Valérie Zenatti sich an dem Bestreben, das Schicksal einer ganzen Bevölkerungsgruppe anhand einer Familiengeschichte zu erzählen, ein wenig übernommen, denn zum Teil fragt man sich, wessen Geschichte sie eigentlich erzählt. Sie ist immer nah dran an ihren Figuren, aber eben an sehr vielen Figuren um Jacob herum. Eine etwas entschiedenere Fokussierung hätte dem Buch gut getan und es auch in seiner politischen Aussage noch mehr zugespitzt. Zugleich liefert Zenatti eine detaillierte, enorm verdichtete und lebendige Beschreibung einer archaischen Welt, in der eine Hochschwangere den Boden wischen muss und die Männer den jüngsten Sohn, der nicht spurt, im Keller anbinden und verprügeln.

"Abraham und Haïm stoßen Gabriel in den Flur hinaus, steigen mit ihm die Treppe hinunter, die er gerade mit seinen muskulösen Beinchen hinaufgestiegen ist, in den Keller, sie zerren ihn in den Keller. Haïm drückt ihn an eine Leiter, Abraham bindet ihn mit einem Seil fest, so wird dir die Lust vergehen, dich herumzutreiben wie ein Straßenjunge, die Männer halten ihn mit einer Kraft fest, die von ihrer kalten Wut befeuert wird, sein Hemdsärmel reißt, das Kind spürt einen Tränenkloß im Hals beim Gedanken an seine Mutter, die den Riss wird nähen müssen, es beißt sich auf die Lippen, bis Blut kommt, zählt die Gürtelschläge, die auf seinen Rücken niederhageln, eins, zwei, drei, bis zehn, heute Abend sind es nur zehn, sie wollen schnell wieder nach oben, um zu trinken, Gabriel kann nicht sehen, wer sich da voller schmerzlicher Lust und Zorn an ihm abreagiert, sein Vater oder sein Großvater, sie machen auf dem Absatz kehrt und schlagen die Tür hinter sich zu. Eine Ratte streift Gabriels Bein."

Zeitdokument und Anti-Kriegs-Roman

"Jacob, Jacob" ist damit auch ein Zeitdokument, das jüdisches Leben in Algerien festhält, das es so wenige Jahre später schon nicht mehr geben sollte. Und zugleich ist das Buch ein Anti-Kriegs-Roman, der beeindruckende und wahrscheinlich schrecklich authentische Beschreibungen der plötzlichen Wechselfälle des Krieges enthält. Zwischen GI's, die Schokolade verschenken, und explodierenden Granaten.

Valérie Zenatti - Jacob, Jacob

WDR 3 Buchrezension | 11.09.2017 | 05:43 Min.

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Stand: 10.09.2017, 14:43