Buchtipp – Colson Whitehead: "Underground Railroad"

Colson Whitehead: "Underground Railroad", Cover

Buchtipp – Colson Whitehead: "Underground Railroad"

Von Cathrin Brackmann

"Ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen", das steht auf der Rückseite von Colson Whiteheads Bestseller "Underground Railroad". Und dieses Gesicht, das wir Leser sehen, ist weit entfernt vom "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", als das sich Amerika selbst gerne darstellt.

Buchtipp – Colson Whitehead: "Underground Railroad"

WDR 4 Bücher | 05.09.2017 | 00:54 Min.

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"Underground Railroad" ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte – der Sklaverei. 1865, als nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde, lebten in den USA vier Millionen ehemalige Sklaven.

Colson Whiteheads Roman, der in den USA gefeiert und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt die fiktive Geschichte des Mädchens Cora und ihrer Flucht aus der Sklaverei. Dabei benutzt Cora die "Underground Railroad", ein geheimes Fluchtnetzwerk für Sklaven. Die "Underground Railroad" ist ein unterirdisches System aus Schienen, Eisenbahnen, Stationen und Stationswärtern.

Einmal in der "Underground Railroad" angekommen, beginnt für Cora eine angstvolle und teilweise nervenaufreibend spannende Flucht von einem Bundesstaat in den nächsten, wobei jeder Bundesstaat seine ganz eigenen Gefahren birgt. Doch Cora kämpft sich durch, denn am Ende wartet hoffentlich die ersehnte Freiheit. Hoffentlich.

Was diesen fesselnden Roman aber wirklich besonders macht, ist die Tatsache, dass es die "Underground Railroad" wirklich gegeben haben soll. Dieses Netzwerk hat innerhalb von 20 Jahren tausenden von Sklaven bei der Flucht in die Freiheit geholfen. Allerdings nicht wie im Buch mit unterirdischen Bahnlinien. Die echte Underground Railroad war ein geheimes Netzwerk aus Fluchtrouten, Treffpunkten, sicheren Unterschlupfen und Unterstützern. Da die Gefahr entdeckt zu werden groß war, waren alle Beteiligten zu absoluter Geheimhaltung verpflichtet und jeder Beteiligte kannte immer nur die nächste Etappe der Flucht, niemals aber den ganzen Plan. Als Geheimsprache nutzten die Beteiligten Begriffe aus der Eisenbahnersprache – es gab Schaffner, Passagiere, Pakete, Bahnhöfe, Bahnhofsvorsteher usw.

"Underground Railroad" ist keine leichte Kost. Aber es ist ein fesselnder, teilweise atemberaubender und auch erschütternder Roman über die Sklaverei, über Rassismus, über Unterdrückung, aber auch über selbstlose Hilfe und immer wieder Hoffnung.

Underground Railroad
Autor: Colson Whitehead
Carl Hanser Verlag
352 Seiten
24 Euro