Thomas Mann - Tonio Kröger

Thomas Mann - Tonio Kröger

Thomas Mann - Tonio Kröger

Von Christel Wester

Thomas Manns "Tonio Kröger" als Hörspiel.
In diese Adaption der berühmten Novelle wurden eine Originallesung des Schriftstellers aus dem Jahr 1955 und eine Rahmenhandlung einmontiert. So entsteht eine raffinierte Verzahnung verschiedener Zeitebenen.

Thomas Mann
Tonio Kröger
Hörspiel
mit Senta Berger, Axel Milberg, Sabin Tambrea u. a.
Regie: Leonhard Koppelmann
Hörspielbearbeitung: Heinz Sommer
Der Hörverlag
3 Hörspiel-CDs, 1 Musik-CD
Laufzeit: 4 h 52 min
ISBN: 978-3-8445-2557-1

"Tonio Kröger" ist nach "Tod in Venedig" wahrscheinlich die bekannteste Novelle Thomas Manns: eine Künstlernovelle und eines seiner persönlichsten Werke. Thomas Mann schrieb dieses Buch unmittelbar nach seinem erfolgreichen Debütroman "Die Buddenbrooks", "Tonio Kröger" erschien 1903 und ist ebenso stark autobiografisch grundiert wie der Roman, für den Thomas Mann 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die Novelle erzählt die Geschichte eines jungen Lübecker Kaufmannssohns, der schon auf der Schule seine literarischen Neigungen entdeckt, sich aber vom bürgerlichen Leben ausgeschlossen fühlt. Jetzt ist "Tonio Kröger" erstmals als Hörspiel inszeniert worden – in prominenter Besetzung, zu der u. a. Senta Berger und Axel Milberg gehören und mit Musik, die eigens für das Hörspiel produziert wurde. Die Hörspielbearbeitung stammt von Heinz Sommer, dem Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks. Regie führte Leonhard Koppelmann.

Thomas Mann - Tonio Kröger

WDR 3 Buchrezension | 18.05.2017 | 06:07 Min.

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"Tonio sprach nicht. Er empfand Schmerz."

Portrait des Schriftstellers Thomas Mann, aufgenommen im Garten seines Hauses in Pacific Palisades im Jahre 1941.

Thomas Mann

Thomas Mann im Originalton: Er liest aus seiner Novelle „" Kröger". Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1954, Thomas Mann war zwei Jahre zuvor aus Amerika nach Europa zurückgekehrt und lebte in der Schweiz, wo er am 12. August 1955 mit 80 Jahren starb. Seine Stimme spielt jetzt eine Hauptrolle in dem Hörspiel, das der Hessische Rundfunk und der Hörverlag in einer opulenten Inszenierung produziert haben. Regisseur Leonhard Koppelmann und Autor Heinz Sommer haben Thomas Manns Lesung in das Hörspiel integriert.

"Applaus. Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste: Guten Tag, Grüezi, Bonjour."

Das Hörspiel beginnt mit der Lesung des Schriftstellers in einem Zürcher Grandhotel im Jahr 1954. Im Publikum befinden sich zwei deutsche Gäste: Professor Wiegand, ein Arzt. Und Ingeborg Lüdersen, eine ehemalige Schulkameradin Thomas Manns aus Lübeck. Großartig gespielt von Axel Milberg und Senta Berger.

Professor Wiegand

"Gehen Sie jetzt doch zu unserem Nobelpreisträger? Gestern wollten Sie doch noch nicht. Nein, stimmt. Aber dann habe ich mir gesagt: Das kannst Du Dir doch nicht entgehen lassen. Thomas Mann liest „Tonio Kröger“. Wann gibt es das schon mal."

Szene aus dem Tatort "BOROWSKI UND DER VIERTE MANN"

Axel Milberg

Professor Wiegand verkörpert den Typus des durchaus verbreiteten Nachkriegsdeutschen, der abfällig auf den heimgekehrten Exilanten herabschaut, in ihm nicht den Vertriebenen, sondern den Vaterlandsverräter sieht.

"Also die, die sich während der schweren Zeit in Amerika haben durchfüttern lassen, nicht wahr, die sollten vielleicht ein bisschen mehr Zurückhaltung an den Tag legen, wenn es um uns und unsere Vergangenheit geht. Immerhin hat es auch das anständige Deutschland gegeben."

Die blonde Inge

Ingeborg Lüdersen geht auf Distanz zu dem Professor. Sie war die "blonde Inge" in Thomas Manns Novelle. In Inge war Tonio Kröger als Schüler ebenso unsterblich verliebt wie in seinen Freund Hans Hansen.

Senta Berger

Senta Berger

Beide stellten für ihn ein Bürgerideal dar, dem er selbst nicht standhalten konnte. Ingeborg Lüdersen kennt jedes Detail der Erzählung, alle Personen und sie erinnert sich an die gemeinsame Schulzeit mit Thomas Mann, den sie insgeheim Tommy nennt. Mit ihr lauschen wir der Lesung, die sie zwischendurch leise kommentiert.

"Die Sache war die, dass Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muss leiden. Was hast Du ihn geliebt und was hast Du damals gelitten. Wie alt bist Du damals gewesen?"

Eine fiktive Zeitzeugin

Die Rahmenhandlung um Ingeborg Lüdersen ist komplett erfunden, denn im Unterschied zu vielen anderen Figuren in der Novelle ist kein reales Vorbild der "blonden Inge" bekannt. Als fiktive Zeitzeugin führt sie nun dezent durch das Hörspiel, das keineswegs nur aus der Rahmenhandlung und der historischen Lesung besteht. Die gesamte Erzählung wurde fürs Hörspiel dramatisiert und mit vielen Schauspielerstimmen inszeniert. Und Thomas Mann spielt gewissermaßen mit.

"Kommst Du endlich, Hans, sagte Tonio Kröger, der lange auf dem Fahrdamm gewartet hatte. Wieso? Ach ja, das ist wahr. Lächelnd trat er dem Freunde entgegen, der im Gespräch mit anderen Kameraden aus der Pforte kam und schon im Begriffe war, mit ihnen davonzugehen."

Große Radiokunst

Das ist wirklich große Radiokunst, wie hier die historische Originaltonaufnahme und die aktuelle Hörspielinszenierung ineinander geflochten werden. Der 33-jährige Theater- und Filmschauspieler Sabin Tambrea spielt Tonio Kröger. Hochsensibel taucht Sabin Tambrea in die Rolle des Außenseiters ein, dessen Entwicklung das Hörspiel über 16 Jahre hinweg verfolgt.

Sabin Tambrea und Paula Beer bei den Dreharbeiten zu Ludwig II.

Sabin Tambrea

"Warum bin ich doch so sonderlich und in Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und in Widerstreit mit den anderen Jungen? Seht sie an, die guten Schüler und die von solider Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse und denken eben Dinge, die man halt denkt und die man laut aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedem sie sich fühlen müssen. Das muss gut sein. Was aber ist mit mir? Wie wird das alles ablaufen? Diese Art und Weise sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen."

Die Autorenstimme im Originalton

Thomas Mann bekommt die Rolle eines kommentierenden Erzählers. Seine Autorenstimme im Originalton verleiht der Geschichte eine persönliche Note, die den autobiografischen Gehalt der bereits 1903 erschienenen Novelle unterstreicht. Gleichzeitig entführt das Hörspiel in die Welt des Bürgertums des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dazu gehört Tanzunterricht, den die Schüler auf regelrechten Bällen in den Privathäusern der Oberschicht erteilt bekommen.

Ausschnitt: Track 12, 4’15-4’31
"Musik. „Das ist falsch, Tonio. Halt, halt, oh weh, Kröger ist unter die Damen geraten. Tut mir leid. Alle haben es nun verstanden, nur Sie nicht, husch, husch, fort."

Kino für die Ohren

Zeichner und Musiker Frank Witzel und Regisseur Leonhard Koppelmann posieren mit dem Preis für „das beste Hörspiel“ am 07.03.2017 in Köln vor der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreis 2017

Leonhard Koppelmann

Regisseur Leonhard Koppelmann ist ein Meister des Ohren-Kinos: Virtuos geht er mit Musik um, die eigens für dieses Hörspiel im Studio eingespielt wurde. Und so wie er Geräusche, Stimmengewirr und Lachen im Hintergrund arrangiert, erschafft er eine akustische Kulisse, in die man als Hörer derart tief eintauchen kann, dass die Welt um einen herum völlig verschwindet. Die Augen kehren sich nach innen, man sieht nur noch, was man hört.

Stand: 18.05.2017, 09:05