Theodor Storm - Die große Hörspiel-Edition

Theodor Storm  - Die große Hörspiel-Edition

Theodor Storm - Die große Hörspiel-Edition

Von Christian Kosfeld

Zum 100. Geburtstag Theodor Storms präsentiert die Edition fünf Hörspiele aus sechs Jahrzehnten, mit legendären Sprechern und sehr unterschiedlicher Hörspiel-Ästhetik. In dieser Box zu stöbern ist ein Vergnügen!

Theodor Storm
Die große Hörspiel-Edition
Pole Poppenspäler, Im Nachbarhause links,
Carsten Curator, Der Schimmelreiter, Die Regentrude.
Mit Christine Kaufmann, Claus Biederstaedt,
Dagmar Manzel, Christian Brückner, Bernhard Minetti,
Jürgen Thormann, Jörg Schüttauf und vielen anderen
Der Hörverlag 7 CD
ISBN 9783844525113

Immensee, Der Schimmelreiter, Der kleine Häwelmann: die Novellen, Märchen und Gedichte von Theodor Storm gehören zum Kernbestand gutbürgerlicher Literaturgeschichte. Heute vor 100 Jahren, am 14. September, wurde Storm in Husum geboren. Als Rechtsanwalt und Richter erfuhr er von Bagatellen, Straftaten und Schicksalsschlägen. Als Dichter im Nebenberuf verarbeitete Storm die Lebenswelt seiner norddeutschen Heimat, die Sprache der Menschen, ihre Geschichten. Und die wurden später nicht nur häufig verfilmt, sondern auch fürs Radio bearbeitet. Jetzt hat der Hörverlag eine Edition mit fünf Hörspielen aus sechs Jahrzehnten in eine Jubiläums-Box gepackt.

Carsten Curator

Theodor Storm

Theodor Storm

Storms anschaulich-realistische Erzählungen eignen sich bestens für Funk-Bearbeitungen. Rund 30 Storm-Hörspiele gibt es. 1976 wurde beim Sender Freies Berlin "Carsten Curator" inszeniert, mit den Schauspiel-Legenden Bernhard Minetti, Ursula Krieg und Wilhelm Borchert als Erzähler, der unter anderem Henry Fonda und Charlton Heston synchronisierte. Der friesische Kleinbürger Carstens ist ein rechtschaffener Mann, der oft als Vermögensverwalter eingesetzt wird. Die junge Erbin Juliane wickelt ihn um den Finger.

"Erzähler: Die frischen roten Lippen lachten wieder, und der schwarze Traueranzug war an ihr zum verführerischen Putze.
Juliane: Ach, Herr Carstens...
Carstens: Haben Sie Kummer? Dann sagen Sie es mir!
J: Ach Herr Carstens, es ist so langweilig, dass man in den schwarzen Kleidern gar nicht tanzen darf.
C: Tanzen, Mamsell?
J: Kann ich die Kleider nicht einmal wechseln? Für einen Abend wenigstens? Der Vater hat mich immer tanzen lassen. Nun ist er auch doch längst schon begraben.
C: Nein, Mamsell, das geht nicht!
Erzähler: Sie ging schmollend fort. Sie hatte längst gemerkt, dass sie ihn so für seine Sittenstrenge am besten strafen könne. Denn während unter seiner Hand die Vermögensverwirrung des Toten sich wenigstens insoweit gelöst hatte, dass Gut und Schuld sich auszugleichen schienen, war er selbst in eine andere Verwirrung hinein geraten."

Carstens und Juliane heiraten, sie stirbt bei der Geburt eines Sohnes. Der gerät wird ein leichtsinniger junge Mann heran, veruntreut Geld, trinkt und spielt. Im Hörspiel wird er dargestellt von Christian Brückner. Carstens' Mündel Anna spricht Uta Hallant, die deutsche Stimme von Audrey Hepburn.

"Anna: „Du hast das Geld herum liegen lassen, im Gastzimmer oder sonstwo. Und nun ist's fort.
Heinrich: „Ja, es ist fort...
Aber vielleicht ist es wieder zu bekommen, warum sprichst du nicht, so erzähl doch!
Nein Anna, es ist nicht so verloren wie Du es meinst. Wir waren lustig, es wurde gespielt...
Verspielt Heinrich? Verspielt?"

Pole Poppenspäler

Christine Kaufmann

Die junge Christine Kaufmann

Das Ensemble gestaltet mitreißend bis zum dramatischen Ende. Eine weitere Entdeckung in der Storm-Box ist "Pole Poppenspäler", 1954 für den Bayerischen Rundfunk produziert. Darin erzählt der Kunstdrechsler Paul Paulsen, wie er sich als Kind in die Tochter eines fahrenden Puppenspielers verliebte. Erzähler Max Eckard spielte in Gründgens' Faust mit, synchronisierte Sean Connery und Gregory Peck. Die kleine Lisei wurde gesprochen von Christine Kaufmann.

"Lisei: Schau Bub, da ist die Bühne und dort am Draht hängt schon der Dokotor Faust.
Paul: Hat der aber einen langen Bart! Aber wo sind denn die andern Puppen, der Kasperl?
L: Fass an, hier in der großen Kisten (Deckel quietscht)
P: Ohhh, so viele! Und da liegt ja der Kasperl!
L: Obacht Bub!
P: Spielt der heute Abend auch mit?
L: Ja, der Wurschtl ist allemal mit dabei....Ich will doch lieber nach dem Vater vor der Tür draußen schaun, dass Du mir nichts durcheinander bringst an die Figur'n!
P: Nein bestimmt nicht, ich wird‘ schon aufpasssen."

Natürlich macht er eine Figur kaputt, doch übernimmt auch die Verantwortung und setzt sich für Lisei ein. Jahre später trifft er sie wieder, sie heiraten. Doch dann wird die Puppenspielerfamilie verleumdet. Das 60 Jahre alte Hörspiel klingt anrührend schlicht, vor allem die Kinderdarsteller sind reizend.

Der Schimmelreiter

Natürlich gibt es in der Hörspiel-Box auch den Schimmelreiter, vom Rundfunk der DDR aus dem Jahr 1985. Bis zu seinem Tod arbeitete Storm an der Geschichte von Hauke Haien, dem Bauernsohn, der von klein auf sichere Deiche bauen will. Doch die sonderbare Trine Peters hat ihn verflucht, weil er ihre Katze getötet hat.

(Auf Musik)
"Vater Tede Haien: Folkerts hat die Pferde im Stall stehen, Harre, Peters... alle haben sie Pferde, und du willst unsere einzige Kuh!
Hauke Haien: Sie helfen nicht Vater! Sie sitzen in ihren Stuben und bestenfalls beten sie! Aber der Deich übersteht es nicht!
TH: Und du musst ihn retten...
HH: Nicht ihn, uns alle, die Marschen, das Vieh!
TH: Sie wird’s nicht aushalten, wenn Du sie durch den Sturm treibst. Das Mindeste wird sein, dass sie keine Milch gibt die nächsten Tage.
HH: Was soll ich machen Vater?
Trine Jans (geflüstert mit Hall): Schleppst dich ab... quäl dir die Seele aus dem Leib...was das Zeug hält, hier denkt jeder nur an sich selbst... ich würde dir helfen, aber du hast meinen Kater tot geschlagen....

Hauke Haien stirbt mit seiner Familie bei einer Deichbruch-Katastrophe. Michael Schweighöfer, Dagmar Manzel und Erik Siegfried Klein sprechen in dieser packenden Hörspieladaption.

Die Regentrude

Szene aus "TATORT: AM ENDE DES TAGES"

Jörg Schüttauf

Auch das jüngste Stück von 1989 stammt vom DDR Rundfunk, mit Jörg Schüttauf, Annette Straube und Petra Kelling. Im Märchen "Die Regentrude" leidet Norddeutschland unter Hitze und Dürre. Das junge Pärchen Andres und Maren hört von der feenhaften "Regentrude", die den unheimlichen Feuermann vertreiben kann. Ein jugendlich-fröhlicher Schlusspunkt dieser Storm-Edition, die legendäre Sprecher und ein große Bandbreite der Hörspielästhetik präsentiert. Und vielleicht ist die Regentrude so freundlich, im Storm-Jahr noch ein Weilchen unter der Erde zu bleiben.

"Andres: Also, ich geh dann jetzt, die letzten Tiere tränken.
Stine: Hast du dem Andres unseren Plan erzählt?
Maren: Mir blieb ja keine Zeit?
Stine: Ich dachte schon, ihr habt davon zu viel. Erst muss es regnen, Maren muss die Regentrude wecken!
Maren: Das mach ich, ich geh auch in die Hölle!
Stine: Ich hab Euch oft erzählt, die Mume hat die Regentrude aufgeweckt, als sie noch ein junges Mädchen war, und grad wie heut, der Feuermann regierte.
Maren: Wie hat sie die Regentrude denn gefunden, und wer ist der Feuermann? (MUSIK)
Feuermann ist Hitze. Ist Flimmern in der Luft. Der Atem stockt. Die rote Hand greift dicht dir vors Gesicht. Die Hitze ist's. Du hörst was Kichern...

Theodor Storm - Die große Hörspiel-Edition

WDR 3 Buchrezension | 14.09.2017 | 06:32 Min.

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Stand: 13.09.2017, 14:57