Susan Kreller - Pirasol

Susan Kreller - Pirasol

Susan Kreller - Pirasol

Von Barbara Geschwinde

Gwendolin wurde ihr Leben lang von anderen Menschen dominiert. Im Alter von 84 Jahren gelingt ihr endlich der Befreiungsschlag. "Pirasol" erzählt eine bewegende Geschichte, die unter die Haut geht.

Susan Kreller
Pirasol
Berlin Verlag, 2017
288 Seiten
20,00 Euro

Eine Villa namens Pirasol

"Den Tod hat Gwendolin erkannt, der Tod beginnt sein Leben dann, wenn man vor die Gräber der anderen gerät. Dann geht das Sterben los, ein für alle Mal, und die Falten im Gesicht sind nichts als Friedhofswege, über die man geht, um vor Willems Grab zu stehen. Oder, wenn es das gäbe, vor dem Grab des Sohnes."

Gwendolin ist 84 Jahre alt. Sie lebt im Westen Deutschlands in einer prächtigen Villa namens Pirasol, die im 19. Jahrhundert gebaut wurde. „Pirasol“ geht auf Hermes Ernesto Pirasol zurück, einen brasilianischen Kaffeemillionär. Der hatte den Großvater von Gwendolins Ehemann Willem beim Bau der Villa finanziell unterstützt. Das Erbe, bestehend aus Villa und Papierfabrik, ging von einer Generation auf die nächste über. Nach dem Tod Willems vor 34 Jahren wurde Gwendolin Alleinerbin.

Stummes Mägdelein

"Gwendolin sieht den Grabstein und fühlt etwas Bitteres, so wie jedes Mal, wenn sie Unvergessen liest. Willem hatte das silberne Wort selbst in Auftrag gegeben, darunter ein Relief, die betenden Hände von Dürer, wahrscheinlich eine eigenmächtige Idee vom Steinmetz, denn für betende Hände hatte Willem sich noch nie interessiert, im Gegenteil. Aber Gwendolin hat in dem Relief sowieso nur seine Hände erkannt. Wie könnte sie diese Hände vergessen, wie könnte der Junge sie jemals vergessen."

Willem ist brutal; ein alter Nazi. Als Gwendolin und Willem sich kennenlernen ist er bereits doppelt so alt wie sie. Zunächst ist sie von seinen Händen, den warmen Augen und seinem Ordnungssinn fasziniert. Nach der Hochzeit erkennt sie schnell, wie sehr sie sich hat blenden lassen von seinem Charme und ihrer Sehnsucht nach einer Familie, einem Zuhause und Zugehörigkeit. Willem nennt Gwendolin sein "stummes Mägdelein", weil sie scheu ist und wenig spricht. Er verbietet ihr, die Bibliothek zu benutzen. Dabei diente ihr die Literatur als Zufluchtsort.

Rückblick

Susan Kreller

Susan Kreller

Es sind mehrere Handlungsstränge, die Susan Kreller miteinander verwebt: Zunächst blickt Gwendolin zurück auf ihr Leben, auf eine behütete Kindheit eines gebildeten Elternhauses im Berlin der 1930er Jahre. Die Mutter ist Klavierlehrerin, der Vater Theaterkritiker, der die Tochter mit Eloquenz und seiner klaren Haltung gegen das Terror-Regime beeindruckt. Ihre Mutter ist im Krieg verschollen. Der Vater kehrte im Mai 1945 aus dem KZ Sachsenhausen zurück:

"Draußen stand eine Ansammlung von Knochen, ein schorfiges Gesicht aus Bart und Augenhöhlen, so etwas Ähnliches wie ein Mensch stand da, ein nie gekannter Gestank auf zwei dürren Beinen. Der Vater stand da."

Ehejahre

Ein weiterer Erzählstrang beschäftigt sich mit den Ehejahren, in denen sich Gwendolin passiv dem despotischen Willkürregime Willems unterwirft. Sie leistet nur heimlich ein wenig Widerstand und schafft es nicht den gemeinsamen Sohn vor Schlägen und Psychoterror zu schützen. Gwendolin verzweifelt beinahe an ihrer Schuld. Zu guter Letzt taucht nach Willems Tod Thea auf dem Friedhof auf und nutzt wiederum Gwendolins Einsamkeit und Wehrlosigkeit aus, um sich in ihr Leben und schließlich auch in die für eine Person viel zu große Villa zu drängen. Gwendolin merkt, dass sie wieder einmal in der Falle sitzt und auch Thea sich tyrannisch und übergriffig verhält.

"Und leicht werden ihr die Beine da, im Bauch diese Leere, dieses dünne Gefühl, sie will etwas sagen, Nein!, will sie sagen, sie muss es sagen mit aller Kraft. Aber da ist keine Kraft, nur Schwarz ist da, heiß und knisternd und vor ihren Augen, nein, schweigt sie und fühlt dann, wie sie endlich, rücklings und fast ohne Bedauern, zu fallen beginnt."

Ein bewegender Entwicklungsroman

Als Gwendolin es endlich schafft, Thea klar und deutlich zu schreiben, dass sie die Villa verlassen muss und ihr eine Frist setzt, sind plötzlich die blockierenden Albträume und Schuldgefühle weg.
"Pirasol" ist ein Entwicklungsroman, der ein psychologisch sehr präzises Porträt von Gwendolin zeichnet, die sich von einem Kind, das durch die Nazi-Zeit traumatisiert wurde, sich zu einer Frau entwickelt, die ihr Leben in die Hand nimmt. Sie befreit sich aus ihrer Rolle als dienendes Opfer und beginnt ein selbstbestimmtes Leben mit eigenen, für andere unbequemen Entscheidungen. Und auch, wenn der Befreiungsschlag spät kommt, stimmt er optimistisch, da Gwendolin am Ende nicht resigniert. Auch Willem ist der genau gezeichnete Charakter einer vergangenen Zeit, die bis heute in den Nachkommen Spuren hinterlässt. Alles Private bleibt hinter der heilen Fassade und den dicken Mauern von "Pirasol" für die Außenwelt unsichtbar.

Susan Kreller erzählt in einer eigenen Sprache, die assoziativ ist, mit Andeutungen arbeitet, manchmal scheinbar beiläufig daherkommt und doch präzise beobachtet und beschreibt. Die Gewalt wird niemals explizit geschildert, ist jedoch immer präsent und wirkt so umso stärker. Alle scheinbar nebensächlichen Details sind Bausteine, die am Ende der Auflösung der Geschichte dienen. "Pirasol" ist intelligent konstruiert und erzählt eine bewegende Geschichte mit Worten und Bildern, die unter die Haut gehen. Ein herausragender Roman.

Susan Kreller - Pirasol

WDR 3 Buchrezension | 13.09.2017 | 05:35 Min.

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Stand: 11.09.2017, 21:16