Jochen Missfeldt - Sturm und Stille

Jochen Missfeldt - Sturm und Stille

Jochen Missfeldt - Sturm und Stille

Von Wolfgang Schneider

Eine große Passion des 19. Jahrhunderts und ein raffiniertes Spiel mit den Werken Theodor Storms: Jochen Missfeldt lässt die Geliebte des Schriftstellers zurückschauen.

Jochen Missfeldt
Sturm und Stille
Rowohlt Verlag, 2017
352 Seiten
22,00 Euro

Sündenstolz

"Ich war sechzehn, er achtundzwanzig. Von Sehnsucht verstand ich noch nicht viel, aber fühlen konnte ich sie schon. Storm hielt mich damals für dreizehn, wie er später seinem Freund Brinkmann schrieb, also noch ein Kind. So steht es übrigens auch in der "Bekenntnis"-Novelle, in der er die Begegnung mit einer Dreizehnjährigen schildert […] Der Erzähler verzehrt sich nach diesem Kind und hätte unter dessen Augen sterben mögen, so ist das zu lesen. --- Das Kind in der Novelle bin ich."

Eine resolute ältere Dame blickt nicht ohne Sündenstolz zurück auf die zwei Jahrzehnte ihrer unerlaubten und hartnäckigen Liebe. Sie denkt nicht daran, zerknirscht zu sein oder in den Klageton zu verfallen wegen der gesellschaftlichen Ächtung, die sie erleiden musste. Achtzehn Jahre alt war sie, als sie mit Storm das erste Mal schlief – der Schriftsteller war da allerdings bereits verlobt mit seiner späteren Ehefrau Constanze.

"Er war ein angesehener junger Advokat, er hatte eine Frau aus gutem Hause, er bedeutete etwas in unserer kleinen Stadt, während ich ein unbeschriebenes Blatt war […] Eine gemeinsame Zukunft würde es nie geben. Er sagte mir das ganz offen."

Eine große Liebes – und Entsagungsgeschichte

Jochen Missfeldt

Jochen Missfeldt

Theodor Storm war ein Erotiker; seine Liebesgedichte gehören zu den schönsten der deutschen Literatur. Nicht wenige von ihnen verdanken sich der Leidenschaftserfahrung mit Doris Jensen. Auch wenn die Dokumente sonst spärlich sind – mit diesem lyrischen Material kann Jochen Missfeldt, der bereits mit an einer Biographie Storms geschrieben hat und sich auf die Hintergründe dieses Lebens versteht, gut arbeiten und erzählen. Auch atmosphärische Reize – Heideduft, Sommerluft, Laufkäfer im Gesträuch – entnimmt Missfeldt der Lyrik Storms.

"Sturm und Stille" ist eine große Liebes – und Entsagungsgeschichte, auch wenn die Leidenschaft in Missfeldts Prosa gedimmt bleibt, was auch daran liegt, dass er Doris aus dem abgeklärten Rückblick erzählen lässt. Bei der Schilderung eines Frauenlebens aus der Mitte des 19. Jahrhunderts besteht die Gefahr, die Ich-Erzählerin zu sehr aus heutiger Sicht denken zu lassen, als hätten die jungen Damen um 1850 schon die Sehnsucht nach der Geschlechterordnung von 2017 gehabt. Missfeldt lässt seine Heldin zwar durchaus mit den Beschränkungen der damaligen Frauenexistenz hadern, aber er verleiht ihr zugleich ein glaubwürdiges zeitgenössisches weibliches Selbstverständnis. Leidensfähigkeit wurde als hohe Tugend begriffen; sie war auch gefordert angesichts der vielen lebensgefährlichen Schwangerschaften (auch Constanze Storm starb nach ihrer siebten Geburt im Kindbettfieber). Tief eingeprägt haben sich Doris die Maximen der Madame Frisé aus Flensburg: "Geradität und Selbstbeherrschung" und die fatalistische Lebensweisheit der Mutter: "Es muss gegangen sein." Auch wenn die Sehnsucht zu ihrem Grundgefühl wird, ist Doris in Missfeldts Darstellung deshalb nicht auf Depression und Seufzerton gestimmt:

"Ich habe mir schon immer zu helfen gewusst. Anders als der Mensch, der in Tiefsinn versinkt, ging ich auf den Deich und sah auf die Nordsee, um den Horizont abzusuchen und den Tiefsinn in die Wellen zu jagen."

Verbannung und Abgründe

Der Dichter Theodor Storm (1817)

Der Dichter Theodor Storm (1817)

Und sie hat einigen Trüb- und Tiefsinn in die Wellen zu jagen. Die Husumer Gesellschaft verbannt sie, weil Storm nicht von ihr lassen kann, und sie nicht von ihm. Um die gutbürgerliche Fassade zu wahren und die Ehe mit Constanze zu retten, muss Doris verschwinden, einvernehmlich beschließen es die befreundeten Väter Jensen und Johann Casimir Storm, die Dame wird verbannt. Die darauf folgende Odyssee wird in der zweiten Hälfte des Romans beschrieben. Die Eltern – später auch Storm selber – verschaffen Doris Stellen als Haushaltshilfe fern in der Provinz. Dabei gewinnt sie ein ums andere Mal Einblick in menschliche Abgründe. An die schwarze Komik Wilhelm Buschs erinnert ihre erste Station beim Pastor Petrus Plagemann, in dessen Haus der Tag streng eingeteilt ist:

"Um sechs Uhr aufstehen, um sieben Uhr dreißig Andacht und Ermahnung, um zwölf Uhr Andacht und Mittagessen, abends um acht Andacht mit Gesang und Generalbuße für die Sünden des verflossenen Tages. Ich konnte mich nur schwer an den Zeitplan gewöhnen."

Protestantische Verdrossenheit hängt schwer über den Plagemanns, denn der Pastor betrügt seine Frau mit der Näherin Hedwig Heddergott – für Doris ein trostloses Spiegelbild der eigenen Misere. Storms entschiedene Religionskritik schimmert in diesen Passagen durch.

Jochen Missfeldt - Sturm und Stille

WDR 3 Buchrezension | 15.09.2017 | 05:37 Min.

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Lebenszuversicht

In der neueren Storm-Forschung, schreibt Jochen Missfeldt im Nachwort, werde Doris Jensen zu einseitig als Opfer und Leidende gesehen; die wenigen Lebenszeugnisse aber brächten eher ihre grundsätzliche "Lebenszuversicht" und ihren "Sinn fürs Praktische" zum Ausdruck. Beides waren Voraussetzungen dafür, dass nach dem Tod Constanzes doch noch eine glückliche Ehe mit Storm möglich wurde. Viele Charaktere, Anekdoten und Motive hat Missfeldt den Novellen Theodor Storms entnommen. Sehr einfühlsam und zugleich sehr raffiniert – ein Buch, das auf zwei Ebenen zu lesen ist – als Darstellung einer großen Passion des 19.Jahrhunderts und als intertextuelles Spiel mit den Werken Theodor Storms.

Stand: 15.09.2017, 09:05