Martin Walser - Statt etwas oder Der letzte Rank

Martin Walser - Statt etwas oder Der letzte Rank

Martin Walser - Statt etwas oder Der letzte Rank

Von Martin Krumbolz

Mehr und mehr verschwimmt die Grenze zwischen Roman und Autobiografie. Martin Walser, der im März 90 Jahre alt wird, schreibt ein leichtes Alterswerk.

Martin Walser
Statt etwas oder Der letzte Rank
Rowohlt, 2017
176 Seiten
16,95 Euro

Beginnen wir mit Adorno

Beginnen wir mit dem berühmten, 1969 verstorbenen Frankfurter Soziologen und mit seinem berühmtesten Satz:

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Der Satz ist oft zitiert worden, auch Walser zitiert ihn, etwa in der Mitte seines Buchs, und macht dazu, in der dritten Person, folgende Anmerkung:

"Es war in Frankfurt. Weil Adorno da geboren worden war, sollte aus irgendeinem den Medien genehmen Jubiläumsgrund dort diskutiert werden der am häufigsten von ihm zitierte Satz: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und weil er irgendwo, irgendwann gesagt hatte, er bezweifle, dass die, die diesen Satz dauernd gebrauchen, wissen, dass es ein Satz über Wohnungseinrichtungen ist, musste er jetzt mitdiskutieren. Tatsächlich war er der Meinung, jeder, der den Satz zitiere, meine ihn kritisch gegen andere, keiner meine je sich selbst. Der Satz stammt aus "Minima Moralia". Der zweite Satz heißt da: Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen."

Asyl für Obdachlose

Walser oder genauer gesagt der Erzähler seines Buchs schreibt dem Satz eine „undeutliche, aber negative Potenz“ zu, die den Satz zum Lieblingssatz gemacht habe für jeden, der sich selbst im richtigen, andere aber im falschen Leben sehe. Wir befinden uns im postfaktischen Zeitalter, gleichwohl wollen wir Walsers Adorno-Kommentar überprüfen. Es handelt sich um das 18. Stück der „Minima Moralia“ mit dem Titel "Asyl für Obdachlose", und es beginnt so:

"Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jede Spur der Geborgenheit [darin ist] mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt."

Der Text umfasst etwa drei Seiten, der Satz vom richtigen und vom falschen Leben ist der letzte. Es ist also nicht so, wie Walsers Erzähler suggeriert, dass der Satz, man könne überhaupt nicht mehr wohnen, sich an den vom richtigen und falschen Leben anschließe. Es gibt keinen direkten Zusammenhang. Die Schlussfolgerung, es gebe kein richtiges Leben im falschen, transzendiert durchaus das Wohnungsthema: Es ist eine Sentenz von sehr allgemeinem Charakter, und mit dem falschen Leben ist nicht das konkrete Leben eines einzelnen gemeint, sondern das Leben in der entfremdeten Gesellschaft überhaupt. Deshalb kann man den Satz auch nicht gegen andere ausspielen.

Walser, sein Erzähler und ein Missverständnis

Martin Walser

Martin Walser

Walser und sein Erzähler sind hier einem Missverständnis zum Opfer gefallen. Es ist eine vielleicht verständliche Aversion gegen das Hochfahrende des Adorno-Stils, die in den Vorwurf mündet, Intellektuelle neigten habituell dazu, andere, Menschen mit einer abweichenden Lebenseinstellung beispielsweise, anzuschwärzen. Dieses Missverständnis könnte ein Schlüssel sein für das Verständnis des Walser-Buchs, das von der ersten bis zur letzten Seite eine Selbstrechtfertigung darstellt:

Ich werde angegriffen, so der Subtext, weil ich anders denke, mich öffentlich anders verhalte als die tonangebenden Intellektuellen, und ich stelle mich, ich verteidige mich. Kann man aber Autor und Erzähler ohne weiteres gleichsetzen, handelt es sich denn nicht erklärtermaßen um einen "Roman"? Nun, "ohne weiteres" darf man Autor und Erzähler natürlich nicht gleichsetzen, es gibt Erfindungen, aber auch offensichtliche Überschneidungen. Gerade die drei Begegnungen zwischen ihm und Adorno, die der Erzähler schildert, klingen nicht erfunden, allenfalls verdichtet und zugespitzt:

"Der Philosoph wollte die Treppe hinauf, ich auch. Die Treppe war Stufe für Stufe belegt und belagert. […] Nun waren wir also eingeklemmt. Und da sagte der Philosoph mit schmeichelhafter Betonung des ersten Wortes: WIR zwei müssten einander doch öfter sehen. Das klang so, als wolle er sagen: Gerade wir zwei… Leute wie wir… Es klang so freundlich, dass es grotesk unbescheiden gewesen wäre, wenn ich auch noch zugestimmt hätte."

Die Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit

Man versteht diese Walser’sche Ironie, sie ist einem im Lauf der Jahrzehnte gewissermaßen ans Herz gewachsen. Man versteht also: Der berühmte und hochfahrende Adorno kann diese Einladung unmöglich ernst gemeint haben, nicht in dieser unmöglichen Situation, eingeklemmt auf einer Treppenstufe. Und da die Einladung nicht ernst gemeint sein kann, kann man auch nicht ernsthaft darauf eingehen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Autobiografie scheinen in diesem späten Text endgültig zu verschwimmen, und das ist, wenn überhaupt, höchstens ein Einwand gegen den Begriff "Roman". Walser ist auch hier seinem alten Thema treu geblieben, und das ist, kurz gesagt, das Leben in Konkurrenz. Adorno hätte dazu gesagt: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Albern wäre es, von Altersweisheit zu sprechen, aber es gibt in diesem Buch ein aufleuchtendes Moment der Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit:

"Alle um mich herum kämpften andauernd darum, sein zu dürfen, wer und was sie gern wären. Und was jeder gern wäre – es wurde ihm schwergemacht oder gar nicht gestattet. Jeder kämpfte darum, der zu sein, der er gern wäre. In jeder Sekunde erlebt er, dass ihm das nicht ganz oder gar nicht gelingt. Damit kann sich keiner abfinden. […] Dass ich die um ihr Leben Kämpfenden eingeteilt habe in Freunde, Gegner und Feinde, war krankhaft ichbezogen. Ich hätte doch sehen müssen, dass jeder, der sich mit mir beschäftigte, in mir nur eine Gelegenheit sah, sich selbst so zur Geltung zu bringen, dass er seinem Lebensziel, der zu sein, der er sein wollte, ein Schrittchen näher kam. Es ging nie um mich."

Es ging nie um mich

Ein ebenso resignativer wie tröstlicher Satz. Jedem geht es nur um sich. Das ist vielleicht schlimm, aber es relativiert auch vieles. Es ist ein Satz, auf dessen Basis man beinahe Frieden schließen kann mit der Welt.

Martin Walser - Statt etwas oder der letzte Rank

WDR 3 Buchrezension | 06.01.2017 | 06:40 Min.

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Stand: 03.01.2017, 14:25