Kurt Tucholsky - Seifenblasen. Eine Geschichte. Die ein Film werden sollte

Kurt Tucholsky - Seifenblasen. Eine Geschichte. Die ein Film werden sollte

Kurt Tucholsky - Seifenblasen. Eine Geschichte. Die ein Film werden sollte

Von Oliver Pfohlmann

Entzückende Chansons, erotischer Witz – Kurt Tucholsky schreibt im Exil eine hinreißende Filmkomödie.

Kurt Tucholsky
Seifenblasen. Eine Geschichte. Die ein Film werden sollte
Mit einem Nachwort von Michael Töteberg
rororo bei Rowohlt, 2016
128 Seiten
10,00 Euro

Was ist das eigentlich: ein richtiger Mann, eine richtige Frau?

Eine seltsame Frage, zumal in Zeiten, in denen Travestiekünstler wie Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewinnen können. Das Spiel mit Geschlechtsrollen und -identitäten gab es aber schon in früheren Epochen. In der Weimarer Republik zum Beispiel. Im Berlin der "wilden Zwanziger" traten in den Cabarets und Varietés die ersten Dragqueens auf. Und junge Frauen begannen selbstbewusst, ihr Haar kurz zu tragen, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken und sich Freiheiten herauszunehmen, die bis dahin den Männern vorbehalten waren. Spötter nannten diese jungen Damen damals "Flapper".

So "flatterhaft", keck und frech wie eine Flapper wäre gern auch Barbara, die Heldin im einzigen Filmskript von Kurt Tucholsky. Als "Nummerngirl" kündigt die junge Frau in einem Varieté Künstler an, darunter einen "Damenimitator". Seine verschwitzte Darstellung einer Frau von gestern, inklusive Lockenperücke und Donnerbusen, empört Barbara aber so sehr, dass sie der Welt zeigen will, wie Travestie richtig geht. Als "Damenimitator Paulus" heuert sie umgehend bei der Konkurrenz an – spielt also einen jungen Mann, der eine junge Frau imitiert. Und in dieser Doppelrolle avanciert Barbara über Nacht zum gefeierten Star – in Kurt Tucholskys Filmszenarium der Ausgangspunkt für eine amüsante Verwechslungskomödie voller amouröser Kapriolen, entzückender Chansons, erotischem Witz und Situationskomik. Sogar hollywoodreife Verfolgungsjagden kommen vor. Denn Paulus alias Barbara kann sich bald schon vor Verehrerinnen und Verehrern nicht mehr retten. Manch einer beginnt angesichts Barbaras irritierender Androgynität sogar an seiner sexuellen Orientierung zu zweifeln. Wie der Pianist Gregor:

"Gregor spielt und singt ganz leise dazu, aber so leise, daß es die andern nicht hören können:
…Man weiß bei dir nie, wie man dran ist –
Ob du ein Mädchen oder ein Mann bist –
Ich rate rechts, ich rate links –
kleine Sphinx! kleine Sphinx!…
Gregor, sagt Barbara, "Sie sind dumm. Ich bin ein Mann. Ehrenwort.
Wissen Sie“, sagt Gregor, während er leise weiter spielt, damit ihn die andern nicht hören – Sie machen mir das Leben reichlich schwer, und alles ist durcheinander. Ich bin doch ein ganz vernünftiger Kerl – und ich habe es mit den Frauen, bei Gott – aber bei Ihnen – es ist da etwas… ich weiß es nicht… ich weiß es nicht.“

Seifenblasen

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky

So sollte der Film heißen, dessen Typoskript jahrzehntelang in Kurt Tucholskys Nachlass schlummerte; entstanden ist es 1931. Zu dieser Zeit hatte die politische Situation in der Weimarer Republik den streitbaren Publizisten längst resigniert in seine Wahlheimat Schweden vertrieben. Dort schrieb er anstelle giftiger Kommentare lieber literarische Texte, wie den Liebesroman "Schloss Gripsholm". Und für die Produktionsgesellschaft "Nero" das Drehbuch "Seifenblasen", nach einer Idee des Regisseurs G. W. Pabst.

Das Projekt blieb allerdings unrealisiert, was schade ist. Nicht nur, weil sich das Skript wie eine vergnügliche Kurzgeschichte lesen lässt. Sondern weil es auch beweist, dass Tucholsky ein Händchen für den Film hatte: Schon die ersten Szenen zeigen prägnant, wie sich seine Figuren in ihren Tagträumen verlieren, wie Realität und Fantasie ineinander übergehen. Auch die Mittel des damals neuen Tonfilms wie Geräuschcollagen wären souverän eingesetzt worden: So sollte eine Verabredung – Anlass für allerlei amouröse Verwicklungen – nur indirekt gezeigt werden, nämlich durch Straßenarbeiten und das Durcheinander freigelegter Telefonkabel: Da beginnen die Kabel zu sprechen; ein Stimmengewirr ist zu hören, erst kann man gar nichts unterscheiden, dann löst sich ab: "Hier Amt!" und "Besetzt, bitte später rufen!" und Geräusche, wie wir sie vom Telephon her kennen, Summen und Klingelzeichen und Geknacke und alles das. Aber dann wird eine einzelne Stimme in all dem Lärm deutlich erkennbar, es ist die Stimme Barbaras […].

Hintergründe

Auch der historische Hintergrund bleibt, für eine Komödie eher ungewöhnlich, sichtbar. Die soziale Not zur Zeit der Weltwirtschaftskrise wird erinnert, als Tucholskys Heldin auf einer Parkbank Stellenanzeigen liest – während sich zu ihren Füßen Spatzen um die wenigen Brotkrumen balgen. Und dass sich die Nazi-Ideologie 1931 längst bis in die gutbürgerlichen Wohnstuben ausgebreitet hatte, zeigt eine satirische Nebenszene mit einer streitenden Familie vor einem Radio.

Erstmals ist Tucholskys Skript nun separat erschienen, in einer hübschen Geschenkausgabe bei Rowohlt. Ganz so unbekannt, wie die Verlagswerbung verkündet, ist "Seifenblasen" allerdings nicht: Schon 2002 wurde es von Christa Maerker für das Deutschlandradio adaptiert, und 2011 erschien es in Band 15 der Werkausgabe. "Ein guter Film", das war für den notorischen Kinoskeptiker Tucholsky "die größte aller Seltenheiten". "Seifenblasen" wäre wohl eine dieser Ausnahmen geworden.

Kurt Tucholsky - Seifenblasen

WDR 3 Buchrezension | 10.02.2017 | 05:14 Min.

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Stand: 07.02.2017, 13:13