Sefarad hören - Eine jüdische Zeitreise

Sefarad hören - Eine jüdische Zeitreise

Sefarad hören - Eine jüdische Zeitreise

Von Jutta Duhm-Heitzmann

"Sefarad hören" ist wirklich eine – so der Untertitel - "jüdische Zeitreise": ein bewegender, musikalisch-poetischer Bericht über die Jahrhunderte alte Geschichte der Sephardim, der iberischen Juden.

Sefarad hören. Eine jüdische Zeitreise
Gesprochen von Anne Moll
Silberfuchs Verlag
1 CD

Die Geschichte der Sephardim

In Liedern und Musik, Gedichten und Dokumenten erzählt die Schauspielerin Anne Moll die Geschichte der Sephardim, der iberischen Juden, die unter maurischer Herrschaft eine in der Geschichte einmalige kulturelle Blütezeit erlebten. (1492 wurde sie von den Katholiken blutig beendet, die Sefarden in alle Welt verstreut. In die Fremde nahmen sie ihre alte spanische Sprache mit und den ewigen Traum von Sefarad.

Ein Schlüsselgedicht

"Oh Stadt der Welt, du Schöne in holdem Prangen. Aus fernem Westen sehn ich nach dir bangend. Oh hätt ich Adlers Flug, zu dir entflöge ich, bis deinen Staub ich netz mit feuchten Wangen. Im Osten weilt mein Herz, ich selbst an Westens Rand. Wie soll erfreuen mich, woran sonst ich Lust empfand."

Ein Schlüsselgedicht. Geschrieben im 12. Jahrhundert von einem in Spanien lebenden Poeten. Er sang über die Sehnsucht nach Zion, nach Israel und Jerusalem, der Stadt der Väter, in der einst Salomons Tempel stand – das Herz des Judentums. Doch den hatten Tempel die Römern zerstört, die Juden waren vertrieben worden: der Beginn einer großen, bis heute währenden Wanderschaft.

Sefarden

In der Diaspora, zerstreut in alle Welt, behielten die jüdischen Neuankömmlinge zwar das Hebräische bei als Sprache ihrer Religion. Ansonsten aber passten sie sich an, übernahmen Sprachen und Lebensart der Gegenden, in die es sie verschlagen hatte. Über Rom zogen die einen, die Aschkenasen, nach Mittel- und Osteuropa. Andere ließen sich auf der iberischen Halbinsel nieder: Sefarat nannten sie das Gebiet, nach einem alten mythischen Ort der Bibel, sich selber Sefarden.

Kein anderes Gebiet war so lange ein so wichtiges Portal zum Orient wie diese Halbinsel im Südwesten Europas. Nach den Römern hatten Araber sie erobert. Unter den muslimischen Herrschern, erlebte sie im 10.Jahrhundert eine solche wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Blütezeit, wie man es sich nur erträumen kann – in Städten wie Granada, Toledo oder Cordoba ist das bis heute noch zu spüren. Islamische Toleranz für Christen und Juden - da konnte man Gott nur preisen:

"Groß bist du, und jede Größe ist der deinen unterworfen. Ein jeder Vorzug Mangel, groß bist du, über alle Größe, zu hoch, zu weit für jedes Lob."

Das Ende des "Goldenen Zeitalter von Sefarat"

Bis nordafrikanische Berberstämme einfielen. Und die spanischen Christen. Die Berber wüteten blutig unter Juden und Christen, die Christen unter Juden und Muslimen. Die Säuberungen durch das fanatisch-katholische Herrscherpaar Isabella und Ferdinand von Kastilien vertrieben alle Andersgläubigen, erbarmungslos und brutal. 1492 endete die glückliche Zeit von El Andaluz, dem Goldenen Zeitalter von Sefarat.

"Die Juden waren es, in Verbindung mit den Mauren, welche diese Halbinsel mit dem freien Geiste umgestalteten. Die Künste des Friedens zu pflegen, zu einem Sitz ernster Forschung und hellen Denkens. Es war eine schöne Zeit. Nur zu schnell ging sie zu Ende."

Die Tore der Freiheit

Antje Hinz

Antje Hinz

Und wieder wurden die Juden, genauer: die iberischen Sefarden in alle Welt verstreut. Das Hörbuch "Sefarad hören. Eine jüdische Zeitreise" erzählt ihre Geschichte, die sich fortsetzt in neuen Ländern und Städten, zwischen anderen Menschen, die das Leben der Sephardim wieder veränderten. Antje Hinz berichtet in klugen, feinfühligen Texten davon, wie viele der Vertriebenen in Portugal Zuflucht fanden, wegen ihrer Bildung und ihrer Händlerklugheit geschätzt. Wie jüdische Gelehrte in Italien die Renaissance beflügelten. Und noch andere das griechische Saloniki bevölkerten, das "Jerusalem des Balkans" - damals unter der Herrschaft der Osmanen.

"Das große Türkenreich tat sich weit vor uns auf. Offen stehen vor dir die Tore der Freiheit. Du darfst dich ohne Scham zu deinem Glauben bekennen. Du kannst ein neues Leben beginnen."

Ein aufklärender, gefühlsintensiver Hörgenuß

Anne Moll

Anne Moll

Die Schauspielerin Anne Moll spricht alle Texte, ob männliche oder weibliche Rollen, sachliche oder lyrische Passagen, und das einfach großartig. Mit ihrer warmen, wandlungsfähigen Stimme wird diese Zeitreise durch die Geschichte der Sefarden zu einem aufklärenden, gefühlsintensiven Ereignis. Denn so bitter, so blutig das Schicksal dieser Juden auch oft war, so reichhaltig und vielschichtig spiegelt sich alles, Schönes und Heiteres, Herzzerreißendes und Todbringendes, in ihrer Kultur, in Philosophie, Dichtung und Musik. Lieder und literarische Texte, philosophische Erkenntnisse und politische Thesen – ein Kaleidoskop aus Wissen, Empfindung, Kunst und Poesie. Und aus Legenden:

"Als die Juden vor Jahrhunderten aus Toledo vertrieben wurden, nahmen sie die schweren eisernen Schlüssel ihrer Häuser mit. Eine Generation gab sie an die nächste weiter. So blieb die Erinnerung an die spanische Vergangenheit auch in der neuen Heimat immer präsent."

Der Traum von Sefarad

Später dann der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, der moderne Antisemitismus, der Holocaust – die Welt wurde immer dunkler, immer tödlicher. Ein Lichtblick war, ist Israel, ja, aber wie und wie lange? Heute gibt es nur noch wenige Sefarden, ihre eigene Sprache, das alte Spanisch, ist fast ausgestorben. Und doch es wird es gerade wieder entdeckt, von Künstlern, Malern, Musikern. Denn der Traum von Sefarad wird nie ausgeträumt sein.

Sefarad hören - Eine jüdische Zeitreise

WDR 3 Buchrezension | 29.12.2016 | 05:53 Min.

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Stand: 30.12.2016, 13:01