Kurt Vonnegut - Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Kurt Vonnegut - Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Wie hält man Krieg aus, ohne verrückt zu werden? Gar nicht, meint der amerikanische Autor Kurt Vonnegut, und macht in seinem Roman "Schlachthof 5" das Verrücktsein zum stil- und formgebenden literarischen Mittel: Pazifismus als geniale Moritat.

Kurt Vonnegut
Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug
Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Hens
Hoffmann und Campe, 2016
240 Seiten
24,00 Euro

Stille nach dem Massaker

"Dieses Buch ist ein Reinfall, was abzusehen war, denn es wurde von einer Salzsäule geschrieben."

Einer Salzsäule wie Lots Frau im Alten Testament, die sich nicht umsehen durfte, als Gott ihre Heimatstadt vernichtete.

"Sie tat es trotzdem, wofür ich sie liebe, denn es war so menschlich."

So menschlich, wie der Krieg unmenschlich ist. Er verändert jeden. Wie Lots Frau, die vor Entsetzen erstarrte. Wie Kurt Vonnegut, den Autor, der den Zweiten Weltkrieg miterlebte und sich von seinen Erinnerungen erlösen wollte, indem er darüber schrieb.

"Ich will Ihnen gar nicht erzählen, wie lange ich mich mit diesem miesen kleinen Buch herumgeschlagen habe und wie viel Geld es mich gekostet hat."

Und als es schließlich erschien, fand er es "kurz und wirr und schrill, weil es über ein Massaker nichts Intelligentes zu sagen gibt. Alle sind ja tot und haben nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu wollen. Es herrscht vollkommene Stille nach dem Massaker, das bleibt nicht aus. Wenn da nicht die Vögel wären."

Im Schlachthof

Kurz, wirr und schrill? Mag sein. Doch: was für ein Buch! Und: gibt es überhaupt die perfekte Form zu beschreiben, was er erlebte, damals, im Krieg? 1943 hatte Kurt Vonnegut sich als Freiwilliger gemeldet, wurde in die 106. Infanteriedivision gesteckt, Durchschnittsalter 22 Jahre, unerfahrene Kinder also, in der Ardennenoffensive Ende 1944 verheizt. Vonnegut selbst geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und überlebte, nach Dresden überführt, im Untergeschoss eines Schlachthofs das Bombeninferno, das wenige Monate vor Kriegsende das alte "Elbflorenz" in Schutt und Asche legten.

"Erst am Mittag des folgenden Tags war die Gefahr wo weit gebannt, dass die Amerikaner und ihre Wachen aus dem Luftschutzraum kommen konnten. Der Himmel war schwarz vor Rauch. Die Sonne war ein winziger, grimmiger Knopf. Dresden glich einer Mondlandschaft, die Stadt bestand nur noch aus Mineralien. Die Steine waren heiß. Alle Bewohner des Viertels waren tot."

Billy Pilgrim - Pilger

Kurt Vonnegut

Kurt Vonnegut

Für seinen Roman „Schlachthof 5“ erschuf sich Kurt Vonnegut ein Alter Ego, Billy Pilgrim. Pilger, weil sie glaubten, an einem Kreuzzug teilzunehmen, damals, als sie in die Schlacht zogen. Mit Billy Pilgrim fand er als Autor schließlich die Ebene, auf der Erlebtes zu Literatur werden konnte. Die wichtigsten Elemente blieben zwar real, selbsterfahren, nun aber gespiegelt in den grotesken Abenteuern eines Mannes, der sich in schützende Irrealitäten flüchtet:

"Billy Pilgrim hat sich aus dem Lauf der Zeit gelöst. (...)
Behauptet er zumindest. Billy ist ein Zeitspastiker, er hat keinen Einfluss darauf, wohin es ihn als Nächstes verschlägt, und die Reisen machen nicht unbedingt Spaß."

Die Tralfamadorier

Als Zeitreisender erlebt Billy Szenen aus Vergangenheit und Zukunft, immer wieder neu, stolpert durch das schneebedeckte Unterholz der Ardennen, liegt als erfolgreicher Augenoptiker mit seiner dicken reichen Frau im Ehebett, überlebt einen Flugzeugabsturz, schreibt im Keller seines Hauses über seine Entführung durch außerirdische, zwei Meter große grüne Tralfamadorier. Und wird schließlich vor seiner Ermordung durch einen psychisch angeknacksten Ex-Soldaten zum Verkünder der tralfamadorischen Zeitphilosophie:

"Alle Zeit, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, haben immer existiert und werden immer existieren. (...)
Wenn ich also nun höre, dass jemand tot ist, zucke ich nur die Schultern und sage, was die Tralfamadorier über die Verstorbenen sagen, nämlich: Wie das so ist."

Ein Pflichttanz mit dem Tod

"Wie das so ist." Souverän bedient sich Kurt Vonnegut in "Schlachthof 5" genau der literarischen Mittel, die auch seine anderen Werke auszeichnen: makabrer Humor, abgedrehte Phantasie mit Hang zur Science Fiction, eine scheinbar einfache, fast kindliche Sprache mit kurzen Sätzen, die den schrägen Blick des genuinen Satirikers pointieren. Alles durchwoben von einem bedingungslosen Pazifismus. "Schlachthof 5", "Slaughterhouse-5", wurde Vonneguts größter Erfolg, als es 1969 erschien. 1970 kam es zwar auch auf Deutsch heraus, doch nun hat der Verlag Hoffmann und Campe den Schriftsteller und Übersetzer Gregor Hens beauftragt, den Roman sprachlich in unsere Gegenwart zu holen – ein wahrer Glücksgriff. Der deutsche Leser kann jetzt wirklich ein großes Werk der amerikanischen Nachkriegsliteratur entdecken, das nichts von seiner Brisanz verloren hat: immer noch werden Städte zu Schutt und Asche gebombt, taumeln Überlebende aus den Kellern in ein Inferno aus Glut und Stein. Und so zieht sich das "Wie es so ist" durch das ganze Buch, der Chor der griechischen Tragödie verwandelt in eine geniale Moritat. So etwa wie der Autor es selbst im Bänkelsängerstil auf dem Titelblatt schrieb:

"Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Ein Pflichttanz mit dem Tod Von Kurt Vonnegut, einem Deutschamerikaner der vierten Generation, der (...) als kampfunfähiger Infanterie-Aufklärer in Kriegsgefangenschaft vor langer, langer Zeit Zeuge der Bombardierung und des Feuersturms der Stadt Dresden, genannt "Elbflorenz", wurde und überlebte, um davon zu berichten. Dieser Roman ist ein wenig im Stil der telegraphisch-schizophrenen Geschichten des Planeten Tralfamador gehalten, wo die fliegenden Untertassen herkommen. Peace."

"Schlachthof 5" von Kurt Vonnegut

WDR 3 Buchrezension | 01.08.2016 | 06:24 Min.

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Stand: 29.07.2016, 12:50