Gerhard Falkner - Romeo oder Julia

Gerhard Falkner - Romeo oder Julia

Gerhard Falkner - Romeo oder Julia

Von Bernd Kempker

Mit seinem zweiten Roman perfektioniert der Dichter Gerhard Falkner seine Fähigkeit, ein Stück komplexer Hochliteratur von heiterer Gelassenheit und Schönheit zu erschaffen. Und steht damit auf die Shortlist des deutschen Buchpreises.

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Shortlist

Gerhard Falkner
Romeo oder Julia
Berlin Verlag, 2017
272 Seiten
22,00 Euro

In einer Novelle ist alles versteckt

Romeo oder Julia ist gar kein Roman, vielmehr eine mustergültige Novelle, bis auf die Länge. In einer Novelle ist alles versteckt, mysteriös und voller Bedeutungsminen. Nennt man sie Roman, tarnt man diese Dimension des plötzlich Unheimlichen.

Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, werden erst Schlüssel dann Notizbücher gestohlen, eine schwarze Haarsträhne in der Badewanne des Hotels sorgt für Fantasien und Ängste. Eine mysteriöse Frau mit Kapuze verfolgt und beschattet den Erzähler bis nach Moskau und Madrid, wo es zum Showdown kommt und die Frau sich als die Kindsmörderin entpuppt, von der er schon gehört, aber keinen Zusammenhang hergestellt hatte. Eine frühe Geliebte, die er angeblich "kaltherzig" verlassen hatte und die dann im Wahnsinn einer 19-Jährigen ihr Neugeborenes aus dem 3. Stock fallen ließ.

»O Gott, Kindstötung«, sagte ich. »Das wird ja von den Furien ganz besonders grausam geahndet. « »Sie war wohl schwer verwirrt, « berichtete der Psychiater, »soll zuerst immer nur gesagt haben: ›Mein Schwan liegt unten und ist tot.«

Die Frau mit der Kapuze verschwindet und ganz zuletzt berichten Polizisten, beim Versuch kletternd in sein Hotelzimmer zu gelangen, sei eine Frau tödlich verunglückt. Erst hier wird dem Helden klar, das tote Kind war auch seines.

»Es war kein Unfall«, sagte ich.
»Was war es denn dann? «, fragten die beiden Männer fast gleichzeitig?
»Ich weiß nicht «, sagte ich, »wie man so etwas nennt.«

Ende der Novelle, alles aufgeklärt.

Schriftsteller sind Narzissten, welche Neuigkeit. Oder aber, es ist eine Finte für den "linearen Leser", wie Falkner gerne sagt. Der lineare Leser freut sich über die unterhaltsame, kluge und doch anstrengungslose Lektüre. Etwas Sex, ein bisschen Goethe, berauschende Impressionen aus Moskau und Madrid. Ein Gedichteleser aber wird jetzt die zweite Schicht des Textes freilegen. Sie beginnt auf der vierten Seite ein Meter achtzig unter der Erde. Der Held schaufelt nassen Schicht- und Schlufflehm aus einem Graben rund um ein Haus. Warum und warum blödsinnigerweise direkt nach dem Regen, erfährt man nicht. Er ist euphorisch und denkt an den gegeißelten Christus von Lovis Corinth. Er müsse seinen Verstand beruhigen und dann noch die Politik des Aristoteles lesen.

Gerhard Falkner

Gerhard Falkner

Himmel und Hölle! Erst das Gemälde Ecce Homo von Lovis Corinth en passant beim Buddeln im Schlamm, dann der große Topos der Falknerschen Poetik. Zitat: "Durch die intensive Nutzung des Innenlebens durch die Medien steht der Dichter vor seiner Ausrottung." Bitte nachlesen in den 600 Seiten seiner Essaysammlung. Und dann hat Gerhard Falkner schon einmal eine Novelle geschrieben mit dem Titel „Bruno“. Wieder ist der Ich-Erzähler ein Schriftsteller. Anhand des historisch realen Bären Bruno reflektiert er sein eignes Schicksal als Dichter. Beide sind zum Abschuss freigegeben.

Der nächste Bedeutungssumpf

Es wird brenzlig für das Dichtertier, zum Glück sind Bären Spezialisten für Finten, besonders die Bären bei Kleist, und Kleist haben Falkners Helden immer dabei, auch in Moskau. Wo aber Gefahr ist, sucht der Gedichteleser den nächsten Bedeutungssumpf der Novelle. Wieder ist da ein Gemälde, Madrid, Prado: Las Meninas von Diego Velázquez. An dieser Darstellung von Thronnachfolgerin, Hofstaat inklusive dem Maler selbst hatte Michel Foucault seinen Cut in der Genealogie der Subjektwerdung demonstriert. Das eigentliche Zentrum des Gemäldes kommt nicht vor, der König. Falkners Novelle adressiert und spiegelt auch etwas, was nicht da ist: den Leser bzw. die ihn züchtende Kultur. Das entspricht einer anderen These zum Velázquez Gemälde, die Figuren schauen nicht aus dem Bild heraus, sondern auf einen Spiegel mit sich selbst. In Falkners Novelle wird der Held gestalkt, aber die Novelle stalkt den Leser.

Wäre da nicht Gerhart Falkners prall mit Leben und Literatur gestopfte Roman Appolokalypse von 2016, würde keiner merken, der König ist nackt. Romeo oder Julia ist eine Art Placebo, damit der Leser sich selbst als Pawlowschen Hund erleben kann. Dem der Speichel fließt bei elegant durchkonventionalisierter süffiger Erzählweise mit Scheininhalt und hypnotisch wiederholtem Wörtchen ICH.

Futter für den Dichterbär

Lyrik ist sinnlos, schreibt Gerhard Falkner in seinem Essayband, wenn es keine Leser gibt. Auch Sprache ist dann sinnlos, und der Dichterbär hat keine Nahrung mehr.

Romeo oder Julia ist ein Allegorie auf den Tod der Sprache und des Dichters Gerhard Falkner. Unter der Heldentarnkappe der Novelle gab ihm ein Gott zu sagen wie er leidet. Falkner liebt Goethe, und Goethe liebt Falkner. Und hat für dessen Novelle in seiner Novelle einen Bedeutungshappen für den linearen Leser hinterlassen:

"Wer sich kein Bedenken macht, das Bedenken eines schutzlosen Mädchens zu verachten, wird das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken."

Stand: 30.09.2017, 14:26