Rolando Villazón - Lebenskünstler

Rolando Villazón, Lebenskünstler

Rolando Villazón - Lebenskünstler

Von Tobias Wenzel

Spielerisch glücklich sind die Außenseiter im aberwitzigen und berührenden Roman "Lebenskünstler", mit dem Rolando Villazón beweist, dass er nicht nur singen, sondern auch schreiben kann.

Rolando Villazón
Lebenskünstler
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt, 2017
380 Seiten
19,95 Euro

Der Soldat in der Mauer

In einem nicht benannten Ort, der Mexiko-Stadt nachempfunden sein könnte, spaziert ein Mann in einem grünen Regenmantel durch den Abend. Er dreht sich mehrmals verdächtig um. Schließlich holt er aus seiner Manteltasche einen Plastiksoldaten hervor und versteckt ihn, als er sich unbeobachtet wähnt, im Loch einer Mauer. So lässt Rolando Villazón seinen Roman "Lebenskünstler" beginnen:

"Das ist meine Revolution, sagte er, als wäre er einer dieser dunklen, geschlechtslosen Comichelden; sagte es zu dem zotteligen Hund – dem einzigen Zeugen – , der von seinem Knochen aufblickte, als er den Klang der Stimme vernahm. Der einzige Zweck meiner Spiele ist es, sie zu erfinden, sie zu spielen und zu vergessen. Inmitten dieses immer gleichgültigeren, unpersönlichen, allein vom Nützlichkeitsdenken bestimmten Ameisenhaufens sind diese von allen Ameisenabsichten befreiten Spiele meine Grashüpferrevolution."

Ein Gegenentwurf zu Erwachsenen

Nichts hat der Hobby-Spieleerfinder Palindromus zu Ende gebracht. Früher stand er kurz vor dem Durchbruch als Liedermacher, da versagte ihm die Stimme. Seinen Debütroman, von dem er nur den Anfang und das Ende geschrieben hatte, verlor er im Flugzeug. Ein Loser, könnte man denken. Aber er hat sich, genauso wie seine skurrilen Freunde, mit denen er sich regelmäßig in einem Café trifft, auch bewusst gegen den Erfolg entschieden und für das kreative Spielen und Rätselraten. Als Gegenentwurf zu Erwachsenen, die im Roman unaufhörlich auf ihr Handy starren, und Kindern, die nur noch mit dem Tablet spielen. Rolando Villazón übt mit diesem Roman voller durchgeknallter Ideen auch Gesellschaftskritik:

Rolando Villazon

Rolando Villazón

(O-Ton: Villazón)
"Heute mehr denn je sind unsere Spiele, diese video games, die wir haben, schon strukturiert. Alles, was wir wissen und machen müssen, ist schon da. Wir müssen einfach folgen. Facebook und alles. Ich bin nicht dagegen. Aber das soll nicht das Leben sein!"

Rolando Villazón will mit abseitigen Spielen verführen und unterhalten, ganz so wie die Helden seiner Jugend, die Schriftsteller Queneau, Perec und vor allem Cortázar, mit dem im Roman "Lebenskünstler" ein Rätsel verbunden ist, das Palindromus entschlüsseln möchte.

Der Weg zum Glück im Kleinen

Jeder aus der Clique um Palindromus scheint einen Weg zum Glück im Kleinen gefunden zu haben. Alle spielen miteinander. Sie sind von Schiffbrüchigen zu Lebenskünstlern geworden: Calcas und Mopsos, die gemeinsam, der eine als Patient, der andere als sein Pfleger, aus der Psychiatrie geflohen sind und nun im Doppelpack als Möchtegern-Philosophen ihre verrückten Gedanken verbreiten; Vilma, die in der Oper Kulissen verschiebt und Requisiten stiehlt, um sie als Schatz für ihre Freunde zu vergraben; Sandrine, die als Clown und Jongleurin durch die Welt zieht; Golondrina, die stumm ist und leidenschaftlich Origami-Figuren faltet und in die sich Palindromus verliebt.

"Vor der Haustür blieben sie stehen. An der Straßenecke – hinter Golondrina – entdeckte Palindromus in einer Mülltonne einen ausrangierten Schirm. Er dachte an einen abgestürzten Vogel mit den gebrochenen Knochen seiner verbogenen Speichen und dem zerrupften Gefieder seiner zerrissenen Bespannung. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und er schloss die Augen. Er spürte Golondrinas Körper näher kommen und dann ihre Hand, die sich genau auf die Stelle seiner Brust legte, wo sich drinnen die wartende Leere dehnte."

Von Stumm & Stimmverlust

Eine Liebesgeschichte zwischen einer stummen Frau und einem Mann, dem als Liedermacher auf der Bühne im entscheidenden Augenblick die Stimme versagte. Ein Roman, in dem Figuren vorübergehend die Macht übernehmen und den Autor verstummen lassen. Hat da der Tenor Rolando Villazón bewusst oder unbewusst seine eigenen Stimmprobleme der letzten Jahre thematisiert?

(O-Ton: Villazón) "Jeder weiß, dass ich ein wunderbares, nicht immer einfaches, aber deswegen wunderschönes Abenteuer mit meiner Stimme hatte, habe. Vielleicht spielt das auch da rein. Es ist keine Autobiographie. Und trotzdem kommt diese Welt von diesem Mann und diesem Autor, der ich bin."

Vom rätseln, spielen und der Kunst zu leben

Der Roman "Lebenskünstler" ist sicher keine Weltliteratur, aber eine bemerkenswerte, aberwitzige Geschichte über Außenseiter, die dem Leser schnell ans Herz wachsen: Palindromus trägt ein Aquarium mit sich herum, um so mit dem darin schwimmenden Fisch Gassi gehen zu können. Und auch die charmanten Ausfallschritte in die Phantastik nehmen den Figuren nichts von ihrem Reiz oder ihrer Glaubhaftigkeit.

Ja, Rolando Villazón kann nicht nur singen, sondern auch schreiben. Mit feinem Gespür fängt er die Befindlichkeiten seiner Figuren und die Stimmung der Szenerie ein. Ihm glücken selbst riskante Metaphern; so assoziiert er Golondrina, deren Haare der Wind hochwirbelt und die einen Papierdrachen unter dem Arm hat, mit der Flamme eines Schweißbrenners. Manchmal allerdings übertreibt es der Autor etwas mit seinen Sprachrätseln und postmodernen Spielchen. Aber sollte man Letzteres jemandem vorwerfen, der einen Roman über "Lebenskünstler" geschrieben hat, die wie Villazón selbst so sehr vom Rätseln und Spielen fasziniert sind?

(O-Ton: Villazón)
"Das Spiel ist eine Insel im Leben. Und je mehr wir spielen, desto reicher ist, glaube ich, unser Leben und desto mehr Antworten finden wir auf philosophische oder existenzielle Fragen über uns als Menschen."

Rolando Villazón - Lebenskünstler

WDR 3 Buchrezension | 17.05.2017 | 05:45 Min.

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Stand: 17.05.2017, 16:36