Sven Regener - Wiener Straße

Sven Regener - Wiener Straße

Sven Regener - Wiener Straße

Von Ulrich Rüdenauer

Neue Berichte aus dem Biotop: Sven Regener schreibt einen neuen Berlin-Roman.

Sven Regener
Wiener Straße
Galiani Berlin, 2017
304 Seiten
22,00 Euro

Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg

Manche Örtlichkeiten, Straßen, Plätze gewinnen durch ihre Literarisierung noch eine zweite oder dritte Bedeutungsebene hinzu – sie werden durch die Fiktion überhöht. Zuweilen vermag es die Literatur sogar, den Charakter dieser Orte auf schillernde Weise für eine Generation zu definieren. Für das Werk von Sven Regener gilt das zweifellos. Spätestens seit dem Jahr 2001 – damals erschien mit "Herr Lehmann" der erste Teil seiner Roman-Trilogie – hat die Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg ihren festen Platz auf der literarischen Landkarte. Und nun hat sie es gar zu Titelehren gebracht.

"Auf der Wiener Straße wurde es schon dunkel, vor allem aber war es nass und unter dem Herbstlaub, das die jetzt völlig kahlen Straßenbäume hatten fallen lassen, verbarg sich tückisch die Hundescheiße."

Sven Regener - Wiener Straße

WDR 3 Buchrezension | 26.09.2017 | 05:12 Min.

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Kreuzberger Biotop

Die Wiener Straße ist das soziale Biotop, in dem die größtenteils schon aus der "Lehmann"-Trilogie bekannten Kreuzberger Pflanzen gedeihen können. Regeners jüngster Roman setzt ein, wo "Der kleine Bruder" endete: Es sind die frühen Achtziger; Frank Lehmann zieht mit seinem besten Freund Karl Schmidt, dem Künstler H. R. Ledigt und der vorlauten Chrissie in eine Wohnung direkt über dem bereits aus "Herr Lehmann" bekannten Café Einfall. Das wird vom Exilschwaben Erwin Kächele betrieben – und ist ein Sammelbecken für die ganzen "Wiener-Straße-Guschtls", die selbsternannten Künstler und Punks, die in der Frontstadt gelandet oder gestrandet sind.

"Wie bin ich hier nur reingeraten, fragte sich [Erwin] schon den ganzen Tag immer wieder rhetorisch, meist in Gedanken, manchmal auch laut, aber weder Karl Schmidt noch Frank Lehmann, der offensichtlich Karl Schmidts neuer Lieblingskumpel war, noch H. R. und schon gar nicht Chrissie, seine beknackte Nichte, hatten sich auch nur angesprochen oder sonstwie kompetent gefühlt, mal irgendwas darauf zu antworten; er machte sich keine Illusionen, sie waren einfach zu stumpf, waren wahrscheinlich davon ausgegangen, dass er irgendwas ganz anderes meinte, Westberlin als solches oder Kreuzberg oder das Gastrogeschäft oder die gerade begonnenen achtziger Jahre, dabei war es natürlich die Gesellschaft mit ihnen, den Pfeifen, die sie nun mal waren und immer sein würden, gewesen, die er gemeint hatte, als er wieder und wieder ‚Wie bin ich hier nur reingeraten?!!’ ausgerufen hatte."

Ein charmantes Alternativmilieu

Sven Regener

Sven Regener

Die "Pfeifen" werden von Sven Regener mit einer Mischung aus geduldiger Sympathie und entlarvender Überspitzungslust beschrieben. Tatsächlich passiert in dem Roman nicht viel, aber was hier alles nicht passiert, hat Charme: Scharmützel innerhalb einer höchst lebendigen Künstlerclique inszeniert Regener mit burlesker Freude; das Alternativmilieu, das in den achtziger Jahren in Kreuzberg blühte und vom Autor wiedererweckt wird, ist das Fundament, auf dem der Subkultur-Mythos Berlins noch heute gründet.

Die Wiener Straße war zwischen 1961 und 1989 eine Sackgasse – sie lief direkt auf die Mauer zu. Irgendwie ist sie eine Sackgasse auch für die Figuren. Aber sie machen das Beste draus. Man spürt ihren naiven Elan, der sich mit subversiver Energie und Idiotismus paart. Das offenbart sich etwa an den zwei Pseudo-Hausbesetzern und Möchtegern-Wiener-Gruppe-Aktionisten Kacki und P. Immel: In der Schilderung von deren Projekten lässt Regener kein Klischee aus – er erhebt es geradezu zum literarischen Stilmittel. Alle scheinen Künstler zu sein. Die Ideen sprühen nur so.

"Was machst du denn da? fragte Chrissie.
Keine Ahnung’, sagte H. R. und pinselte drauflos, ‚mal sehen.
Soll das Kunst sein?
Woher soll ich das wissen?’ sagte H. R. ‚Aber was soll es denn sonst sein? Handwerk? Arbeit?
Schmiererei.
Schmiererei ist auch Kunst.
Aber scheiße."

Eine liebevolle Wiedererweckung

Sven Regener hat etwas, was deutschen Literaten, die sich ins humoristische Fach vorwagen, oftmals abgeht: einen fast schon instinktiv sicheren Sinn fürs Timing von Dialogen, einen Witz, der auch vor schlimmen Kalauern nicht zurückschreckt, ein Talent, seine Figuren in die unmöglichsten Situationen zu bringen, ohne sie der Lächerlichkeit gänzlich preiszugeben. Meistens zumindest. Manchmal übertreibt es Regener auch, dann wird es nicht absurd, sondern albern, und seine Figuren bekommen arg karikaturistische Züge. Es ist an manchen Stellen schwer zu sagen, wo eigentlich die Grenzlinie zwischen einem Boulevardstück und diesem Roman liegen könnte. Wie in einer Komödie treten die Figuren in kurzen Szenen auf und ab, es entspinnen sich possenhafte Wortwechsel, derb und spitz: Kreuzberger Volkstheater für die Veteranen einer Generation, die zwischen den politischen Wirren der 70er und der Wende 1989 ein bisschen verschütt gegangen sind. Und auch die langsam auf eine chaotische Ausstellungseröffnung zulaufende Handlung ist letztlich nur ein Vorwand für die liebevolle Wiedererweckung einer fast verlorenen Zeit und ihrer schrulligen Protagonisten.

Erstaunlich an diesem Roman ist, dass er trotz dieser Neigung zum Schwankhaften gut funktioniert. Vielleicht, weil Regener mit viel Empathie noch einmal jenen experimentellen Möglichkeitsraum nachbaut, der auf der kleinen Insel West-Berlin von ein paar durchgeknallten Freaks, dilettantischen Künstlern und geschäftstüchtigen Schwaben geschaffen wurde. So ist es auch nur konsequent, dass Regeners neuer Roman keine Hauptfigur hat, sondern stattdessen ein ganzes Ensemble von spinnerten Charaktertypen auffährt. Der eigentliche Held nämlich ist die Wiener Straße selbst.

Stand: 26.09.2017, 09:00