Ingo Schulze - Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Ingo Schulze - Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Ingo Schulze - Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Von Helmut Böttiger

Die deutsche Wiedervereinigung als Schelmenroman – der neue Romancoup von Ingo Schulze.

Ingo Schulze
Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst
S. Fischer Verlag, 2017
576 Seiten
22,00 Euro

Erstes Kapitel.

In dem Peter ohne einen Pfennig in der Tasche eine Gaststätte aufsucht und erklärt, warum er das für richtig hält. Überlegungen zum Stellenwert des Geldes im Sozialismus.

"An diesem Sonnabend im Juli 1974, acht Tage vor meinem zwölften Geburtstag, weiß ich noch nichts von meinem Glück. Ich sitze auf der Terrasse eines Ausflugslokals nahe Waldau und warte darauf, dass jemand die Kellnerin von der Richtigkeit meiner Argumente überzeugt oder meine Rechnung in Höhe von vier Mark und fünfzig Pfennigen begleicht. Mehrmals habe ich ihr schon erklärt, über kein Geld zu verfügen, weder in meinen Hosentaschen noch dort, wo ich zu Hause bin, im Kinderheim Käthe-Kollwitz in Gradow an der Elbe."

Im schelmenhaften Ton

Dieser Roman fängt nicht so an, wie man es im Jahr 2017 gemeinhin erwartet. Er klingt altmeisterlich, im schelmenhaften Ton des 18. Jahrhunderts. Aber schon daran merkt man, dass dieser Erzähler nur scheinbar naiv ist. Ingo Schulze hat sich immer gern mit Camouflage getarnt, er versteckte sich hinter verschiedenen Tonlagen und hat seine Autorschaft oft nur als „Herausgeber“ offenbart – seine „33 Augenblicke des Glücks“, mit denen er 1995 schlagartig bekannt wurde, oder sein Großroman „Neue Leben“ funktionierten nach diesem indirekten, vielfältig gebrochenen und reizvoll-geheimnisvollen Prinzip. Auf den ersten Blick scheint das auch mit dem Titel seines aktuellen Romans so zu sein: „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“. Und doch ist jetzt etwas anders.

Peter Holtz wächst in einem Kinderheim auf und wird von dessen Leiter in antifaschistischer Gesinnung geschult. Er nimmt den DDR-Sozialismus beim Wort, und so kommt es zu sehr komischen Verwicklungen. Die Verhältnisse sind nämlich nicht so, wie es sich der Heranwachsende als Ideal vorstellt. Er will immer nur das Gute, bekommt aber gerade dadurch immer auch Ärger. Als er von der Stasi angeworben wird, freut er sich darüber so sehr, dass er jedem davon erzählt – es ist eine erste Desillusionierung für ihn, dass die Stasi ihn daraufhin fallen lässt. Es reicht nicht zur gewünschten Laufbahn des Berufsoffiziers, sondern nur zum Maurer, und statt der SED wird die DDR-CDU seine Partei.

Peter und der Proletarier

Ingo Schulze

Ingo Schulze

Im großen Roman "Neue Leben" hatte Ingo Schulze noch mit vielfach verschalteten Erzählmodellen gearbeitet und selbst ausgiebige Fußnoten als Entgrenzung seiner Prosa zelebriert. Jetzt lässt er seine Figur Peter Holtz im einfachen Präsens sprechen. Das hat viele Berührungen mit dem Genre des Witzes, und die humoristische Anmutung dieses Romans rührt nicht von ungefähr daher. Am 20. November 1989, einige Tage nach dem Fall der Mauer, entschließt sich Peter Holtz nun doch auch einmal das feindliche Westberlin aufzusuchen. In der Nähe der Siegessäule isst er auf einer Parkbank ein Butterbrot und erkennt den neben ihm sitzenden Proletarier nicht als Penner, weil er diese Spezies aus der DDR gar nicht kennt.

Es kommt zu einem ziemlich skurrilen, abtastenden Gespräch:

"Was hast’n dir gekauft für dein‘ Begrüßungshunni, hm?
Ich habe mir nichts gekauft“, sage ich.
Nix gekauft? Gibt’s nich! Kaufen alle hier!
Was soll ich denn kaufen?, frage ich.
Bei euch gibt’s ja nix. Deshalb komm’se ja alle.
Bei uns gibt’s genug, sage ich. Immerhin haben Sie gerade ein Brot mit Butter und Bierschinken gegessen. Das ist ja wohl nicht ‚nix‘, wie Sie sagen.
Oh, hoho, biste sauer? Soll ich fein ‚danke‘ sagen, Pfötchen geben, willst’se wieder?
Er hält mir die obere Hälfte hin.
Nein, ich habe Ihnen mein Brot gern gegeben. Ich sage nur, dass das nicht nix ist, wie Sie behaupten. Er sieht mich wieder an.
Wenn du nix kaufst, kannste’s ja mir geben.
Was soll ich Ihnen geben?
Den Begrüßungshunni. So was Feines hätt ich auch gern mal.
Tut mir leid. Aber Ihre Landeswährung will ich nicht."

Das Gemüt und das Geld

Dass Peter Holtz bei aller scheinbaren Naivität immer Glück hat und überall das Beste herausholt, entspricht der vertrackten Logik des Schelmenromans – der ja immer in gesellschaftlichen Krisenzeiten eine Hochblüte erlebt. Peter Holtz ist ein Genie der Affirmation. Unberührt vom gesunden Menschenverstand und abseits der üblichen Verhaltensweisen schwebt dieser Schelm durch seine Biografie, und das ist ein Resultat raffinierter Erzählstrategien. Dass er im Kapitalismus sofort das Banken- und Kreditwesen als neues gesellschaftliches Ideal erkennt, wirkt ganz konsequent. Er tänzelt durch die neuen marktwirtschaftlichen Möglichkeiten, bekommt als Maurer immer mehr Häuser aufgedrängt, weil die DDR-Eigentümer sie nicht mehr finanzieren und instand halten können, und wird schnell Millionär. Doch immer mehr wird zu seinem größten Problem, dass Geld Unglück bringt. Je mehr Geld er hat, desto fataler werden seine Lebensumstände. Es kommt zu einer vieldeutigen Apotheose: Er entdeckt als Hausbesitzer in der Berliner Auguststraße die Galerieszene und sieht in der Kunst den letzten Fluchtpunkt. In der Schluss-Szene verbrennt Holtz seine Geldscheine, als eine Kunst-Aktion, die Aufsehen erregt. Aber gleichzeitig verglimmt auch sein vermeintlich naives und unantastbares Schelmen-Gemüt.

Dieser Roman von Ingo Schulze ist vertrackter und vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Und man spürt, so behände es auch umspielt wird, einen Grundton der Trauer: um den Verlust an Utopien nämlich, die besonders im Herbst und Winter 1989/90 in der DDR so suggestiv und unerschöpflich schienen.

Ingo Schulze - Peter Holtz

WDR 3 Buchrezension | 27.09.2017 | 06:16 Min.

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Stand: 27.09.2017, 09:35