Orsolya Kalász - Das Eine

Orsolya Kalász - Das Eine

Orsolya Kalász - Das Eine

Von Moritz Holler

Orsolya Kalász‘ Heraldik des Herzens sind klangvolle und hochkomprimierte Erfahrungen, voll starker Bilder und Motive von großem Einfallsreichtum.

Orsolya Kalász
Das Eine
Brueterich Press, 2016
85 Seiten
20,00 Euro

Ein weites, reifes Gefühlsspektrum, das Eine

Orsolya Kalász thematisiert in ihrem Gedichtband "Das Eine" die menschlichen Beziehungen, Vertrauen, Liebe, Vergänglichkeit und Kommunikation. Dabei deckt sie ein weites, reifes Gefühlsspektrum ab, das von Staunen und Kontemplation, bis zu Reflexion, Resignation und Trauer reicht. Pathos gibt es trotz der anmutigen Ernsthaftigkeit nicht, denn ein lakonischer Realitätssinn erdet die Lyrik.

Blinde-Kuh-Flashmob
Jetzt schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorherbestimmten
Platz."

Die Gepflogenheiten der Heraldik

Kalász umreißt das Verhältnis von Traum und Wirklichkeit, durchschreitet die Natur genauso wie die Sagen- und Märchenwelt, bewohnt von Fabelwesen wie den Auguren, von Blaubart und der Melusine, wie auch von Wappentieren wie der Merlette. Dank der symbolisch angehauchten Ausflüge in das Reich der Legenden kann Kalász die Wirklichkeit mit einer weiteren Schicht unterlegen, und so Anschaulichkeit und Auslegungsmöglichkeiten potenzieren. Wappenkunde, auch Heraldik genannt, ist für die Dichterin ein komplexes Thema, dem sie sich in Variationen fortwährend anzunähern versucht – einen Schlüssel, der unorthodoxen Zugang zu Erfahrungen und Erlebnissen ermöglicht, stellen die "Gepflogenheiten der Heraldik" dar: "Siegel, Stempel, Prägung", "das wenige, das für mehr und noch mehr bürgt". In bisweilen recht verklausulierten Sätzen finden sich dann aber auch ganz konkrete Hilfestellungen, die die Autorin ihrer poetischen Arbeit abgewinnt.

Orsolya Kalász

Orsolya Kalász

"Üben, wie man beschützt, was man liebt,
vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe,
aber auch vor der entmutigenden Tristesse der echten.
Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel
der 200 Schritte anzuwenden:
Hängen Sie Ihren Entwurf
des Wappens der Liebe
draußen an einen Baum,
gehen Sie exakt so viele Schritte zurück,
als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren,
und mit weit aufgerissenen Augen
wenden Sie sich dort um."

Melodik ohne Reime

Kalász‘ Poesie ist eine Art Heraldik des Herzens, besteht sie doch aus hochkomprimierten Erfahrungen. Durch eine gelungene Aufmachung wird den fußbündig und luftig gesetzten Texten mit Hinzufügung prägnanter Bilder des Künstlers Frank J. Schäpel Raum gegeben, um sich zu entfalten und Dialoge zu eröffnen. Neben Widmungsgedichten an Dichterkollegen wie Gertrud Kolmar wird da in klangvollen und sehr persönlichen Poemen häufig ein Gegenüber unter Anspielungen auf gemeinsam Erlebtes angesprochen. Dies verleiht den Gedichten zugleich Offenheit und Intimität, die, kombiniert mit undurchsichtiger Symbolik, den spröden Reiz von Kalász‘ Lyrik ausmacht. Sie strahlt eine Melodik aus, die gänzlich ohne Reime und rhythmische Schemen auskommt.

"Verstehen heißt antworten – 2
Fragen sollen es sein,
gebannt soll jede Gefahr sein
in ihrer Obhut, in ihrer Fürsorge?
Der das glaubt, den wollte ich.
Wäre da nicht die Behauptung,
Tage wie diese, voller Begehren,
voller Widerstände, wollen keine Fragen,
wollen Antworten.
Fragen haben uns alles voraus,
haben so viele Antworten abgeschüttelt
um bei sich zu bleiben, nicht bei uns,
die wir sie beschwören
und doch keine Geduld für sie haben."

Zwei Sprachen und zwei Städte

Dass sich Orsolya Kalász zwischen zwei Sprachen und zwei Städten, Berlin und Budapest, bewegt, scheint Spuren in ihrer Poesie zu hinterlassen, in der Nah und Fern changieren, und in der unmittelbare Sinnlichkeit und Abstraktion eine eigentümliche Balance halten. Einerseits ist da ein starkes und entschlossenes lyrisches Ich, das sich in intellektuellen Feststellungen und Apologien gegen die mannigfaltigen Reize und Vereinnahmungen der Umwelt behauptet, etwa in dem bisweilen schmerzhaften Erkennen oder Ziehen von Grenzen. Andererseits erscheint der Wunsch nach gesteigertem Leben, die Sehnsucht sich hinzugeben und alles auf- oder niederzureißen, im Sinne einer "entwaffnende[n] Sabotage der Vernunft". In diesem Spannungsfeld entstehen starke Bilder und Motive von großem Einfallsreichtum. Eigenbrötlerisch schleicht da manchmal der Sinn durch verschachtelte Satzlabyrinthe, vorbei an rätselhaften, glimmenden Analogien, um dann jäh ins Freie zu treten, klar wie der Morgen.

"Küssen ist eine schöne Antwort.
Es antwortet
auf die liebste Frage
und entlässt sie,
in was auch immer,
in irgendeine Art
von Nicht-Gebraucht-Werden,
in ihre Kindheit,
als auch sie eine Antwort war:
»Ich küsse dich,
wenn du mich küsst,
aber ich zuerst,
bald ist Abend,
bald ist Tag,
morgen wieder.«
Keine Frage."

Orsolya Kalász - Das Eine

WDR 3 Buchrezension | 15.05.2017 | 05:28 Min.

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Stand: 11.05.2017, 16:34