Nir Baram - Weltschatten

Weltschatten

Nir Baram - Weltschatten

Von Barbara Geschwinde

Wo findet der Mensch seinen Platz in der globalisierten Welt? Das ist eine zentrale Frage, die Nir Baram in seinem neuen Roman "Weltschatten" aufwirft.

Nir Baram
Weltschatten
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Hanser, 2016
512 Seiten
26,00 Euro

Gavriel Manzur

Gavriel Manzur ist ein farbloser Mann. Er stammt aus gutem Hause und ist phantasie- und ziellos. Über Kontakte seines Vaters zur wohlhabenden jüdischen Gesellschaft der USA bekommt er Zugang zu den Zirkeln mächtiger israelischer Geschäftsmänner. Ihm wird viel Geld aus einem Hedgefonds anvertraut, damit er in Israel eine "Jüdische Stiftung für Demokratie" gründen kann. So partizipiert er am wirtschaftlichen Boom der 1990er Jahre und durchschaut dabei nicht genau, in welche politischen Intrigen er damit verwickelt ist.

"Dennoch gerieten die Dinge mit der Zeit in Bewegung. Gavriel war im La Bouteille zugegen, als sich Joseph Lubanga an ihren Tisch gesellte. Lubanga weilte als Gast des israelischen Außenministeriums in Jerusalem, eine Einladung, die ihm Wolfsohn und Horowitz beschafft hatten, nachdem Horowitz in Lubangas Villa in Kinshasa zu Gast gewesen und dort, nach eigener Aussage, in den Genuss gekommen war, zu vögeln wie Valentino, zu schlemmen wie in Paris und selig zu schlafen wie Gott während des Holocaust."

Ein bisschen Zauberpulver

Zeitgleich ist in Washington eine Politikberatungsfirma namens MSV aktiv, die Wahlkampagnen und Medienconsulting weltweit anbietet. Ob Kongo oder Wien, sie bietet eine persönlich zugeschnittene Wahlkampf-Strategie an, die einen Kandidaten an die Macht bringt, ohne dass der sich die Hände schmutzig machen muss.

"Seine Aufgabe war ja nur, ein bisschen Zauberpulver auf den Leichenberg zu streuen, für diesen Job musste man die Einzelheiten nicht alle kennen. Wie viele aus seinem Bekanntenkreis konnten denn sagen, dass sie die meiste Zeit Ziele vorantrieben, an die sie wirklich glaubten? Diese Nullen etwa, die irgendwelchen Müll fürs Fernsehen produzierten? Die YouTube-Werbespots für Unternehmen texteten oder dabei Regie führten? Die für Lobbyisten in Washington arbeiteten, für Denkfabriken, die bloße Lohnsklaven wohlhabender Geldgeber waren?"

Junge Rebellen

Nir Baram

Nir Baram

Derweil ruft eine Gruppe von jungen Leuten in London zu einem weltweiten Streik am 11.11. auf, um diesen globalen Entwicklungen, bei der viele auf der Strecke bleiben, etwas entgegen zu setzen. Es sind Außenseiter der Gesellschaft, die ihren Platz im kapitalistischen System nicht gefunden und darum nichts zu verlieren haben. Über soziale Netzwerke sind sie weltweit miteinander verbunden. Ihr Ziel ist es, eine Milliarde Streikende zu aktivieren.
Auf dem Weg, den Weltuntergang aufzuhalten, wenden die jungen Rebellen Gewalt an. Gewalt, die sich nicht gegen Banken, Konzerne oder Regierungen richtet, sondern vor allem gegen Kultureinrichtungen. Damit wollen sie diejenigen Heuchler mit einbeziehen, die mithilfe ihres Kapitals mit Kunst spekulieren und gleichzeitig gegen den Kapitalismus demonstrieren und den Gutmenschen mimen. Die zumeist jugendlichen Aktivisten nehmen billigend in Kauf, dass bei ihren Aktionen auch Menschen zu Schaden kommen könnten. Als Gavriel von der Tochter eines ehemaligen Geschäftspartners Besuch bekommt, wird ihm deutlich, dass innerhalb von Familien, in unterschiedlichen Generationen, verschiedene Ideologien vertreten werden.

"Was ihn an der ganzen Sache traurig stimmte, war, dass ihr, zumindest teilweise, bewusst war, dass sie alles in allem bloß ein Klischee verkörperte, das einer aufbegehrenden Jugend, die danach strebt, die Welt zu verändern. Vordergründig hatten sich hier eine von idealistischen Vorstellungen erfüllte junge Frau und ein abgeklärter, desillusionierter Mann getroffen. Aber in Wahrheit waren sie beide abgeklärt. Sie glaubte nicht wirklich daran, die Welt würde sich ändern, sondern vielmehr, dass schon keine Utopie mehr in Sicht war."

Verschiedenen Blickwinkel & unterschiedliche Schreibformen

Die Handlungsstränge sind geschickt miteinander verwoben. Die verschiedenen Blickwinkel werden durch unterschiedliche Schreibformen dargestellt. So findet die Kommunikation zwischen den Politikberatern von MSV beispielsweise nur per Mails statt, in denen in knapper Form Informationen ausgetauscht werden. In "Weltschatten" tauchen viele verschiedene Figuren auf, die alle ihre Überzeugungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit Leidenschaft vertreten. So bleibt es dem Leser überlassen, seinen eigenen Standpunkt zu suchen, wie Nir Baram es bereits im Prolog des Romans angedeutet hat. Er wirft, wie auch in seinem Roman "Gute Leute", vor allem Fragen auf: Wir alle sind Teil der globalisierten Welt, aber was bedeutet es, in dieser Zeit zu leben? Was sind unsere Überzeugungen? Wo stehen wir als Individuen?

Ethische Fragen ohne Zeigefinger

Alles ist miteinander vernetzt und letztendlich streben alle nach einem guten Leben. Ist es darum legitim für Firmen zu arbeiten, an deren Ziele wir nicht glauben? Haben wir Werte und Überzeugungen oder ein gespaltenes Bewusstsein, weil wir mit Widersprüchen leben? Es sind ethische Fragen, ohne dass der Autor den moralischen Zeigefinger hebt. Er gibt lediglich Denkanstöße, eingebettet in eine spannende Romanhandlung, die eine kritische Selbstbetrachtung ohne Scham ermöglichen. "Weltschatten" ist ein fesselndes Meisterwerk des israelischen Schriftstellers Nir Baram; von erschreckender Aktualität und kluger Weitsicht.

Nir Baram - Weltschatten

WDR 3 Mosaik | 15.08.2016 | 05:11 Min.

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Stand: 13.08.2016, 15:03