Thomas Raab - Neue Anthologie des Schwarzen Humors

Thomas Raab - Neue Anthologie des Schwarzen Humors

Thomas Raab - Neue Anthologie des Schwarzen Humors

Von Brigitta Lindemann

Auf der Nachtseite der Gesetze: auf den Spuren Bretons sucht eine Anthologie nach neuen Grenzen des schwarzen Humors.

Thomas Raab
Neue Anthologie des Schwarzen Humors
Mit zehn Kunstbeiträgen, ausgewählt von Patricia Grzonka
Marix Verlag, 2017
408 S.
22 EUR

Der schwarze Witz

Alle Welt weiß, was ein schwarzer Witz ist. Zum Beispiel der: fragt der Besucher an der Krankenhaus-Information "Wo liegt der Patient von dem Unfall mit der Dampfwalze? Auf den Zimmern 111, 112, 113." Auch schwarze Kalauer verstehen sich von selbst: "Rollstuhlfahrerwitze sind ein No-Go" etwa. Was aber schwarzer Humor ist, kann nur annäherungsweise erschlossen werden. Der Humor, langfristiger und vager als der Witz, ist eine Einstellung und eine mit ihr zusammenhängende Erlebnisweise, erläutert Thomas Raab, Herausgeber der „Neuen Anthologie des schwarzen Humors“. Witz ist kommunikativ; Humor kann selbstbezüglich sein und im Zweifelsfall schweigen. Der schwarze Humor gilt Raab als Ausdruck einer defensiven Haltung bei gleichzeitig aggressiver Tendenz. Der schwarze Humorist visiert ein bestimmtes Ziel an, es treibt ihn ein klares Motiv. Er lehnt sich gegen etwas ebenso Bestimmtes wie Starres auf, das mächtiger oder scheinbar mächtiger ist als er selbst. Er begreift, wogegen er rebelliert: Kirche, Staat, Familie, vermag es aber nicht zu ändern. In André Bretons klassischer Anthologie reitet die Attacke gegen die letztgenannte Instanz der Dadaist und Surrealist Jacques Rigaut. Nichts der Rede wert, weder Familie, Freiheit, Geld, Intelligenz, noch das jeweilige Gegenteil, heißt es in dem hinterlassenen "Posthumen Papier" Rigauts, der sich - restlos angeödet - mit 30 Jahren selbst erschoss:

"Ich habe kaum etwas ernst genommen; als Kind streckte ich den Bettlerinnen, die meine Mutter auf der Straße um ein Almosen angingen, die Zunge heraus; als mein Vater im Sterben lag und mich zu sich rief... schnappte ich mir das Dienstmädchen und sang: Deinen Eltern mußt du den Laufpaß geben - dann können wir beide der Liebe leben."

Thomas Raab - Neue Anthologie des Schwarzen Humors

WDR 3 Buchrezension | 25.08.2017 | 05:33 Min.

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Von schwarzer Romantik zum Pop

André Breton

André Breton

Breton in seiner legendären Anthologie hatte die großen Autoren antreten lassen: Jonathan Swift, ihm zufolge Gründervater des schwarzen Humors, de Sade und Lichtenberg, Edgar Allen Poe, Baudelaire, Nietzsche. Und ja, Vieles - Bürgerschreck - Attitude etwa und Dandygehabe - mutet inzwischen ein wenig verstaubt an oder auch pubertär. Bretons Schwerpunkt lag nicht zufällig um das Jahr 1800 - in der Epoche der Schwarzen Romantik mit ihren Figuren der Transgression, ihren Monstern und Hybriden, Werwölfen und Maschinenmenschen. In ihnen zeigte sich die Nachtseite der Gesellschaft, ihr Verdrängtes, Uneingestandenes.

Heute, behauptet Thomas Raab, ist Schwarzer Humor "Pop". Perversion, Exzess, Gefahr sind nicht mehr nur zu finden aufseiten exzentrischer Träumer. Terror, Schrecken, Gewalt sind unser mediales täglich Brot; ein breites Publikum, das leicht noch zu provozieren ist, fehlt. Darum ist es die erzieherische Aufgabe - denn um die geht es weiterhin - der Realität zu ihrem Recht zu verhelfen. Und nicht mehr - wie Breton es tat - der Realität das Spiel, die Phantasie, den Traum entgegenzuhalten. Folglich hat Raab seine Auswahl an Autoren breit gestreut. Er geht zurück auf Demokrit, um 400 v.u.Z. Thema kann sein der Klatsch und Tratsch aus dem Salonleben der Brüder Goncourt im 19. Jahrhundert, das dickmachende Nudelgericht wie in der Widerrede "Gegen die pasta asciutta" des Futuristen Marinetti und nicht selten schreibt das Leben selbst die schwärzesten Geschichten. Wovon eingestreute Zeitungsartikel zeugen:

dpa 6. Februar 2016
"Bei dem Bombenanschlag in einem somalischen Passagierflugzeug am Dienstag hat sich der Attentäter selbst aus der Maschine gesprengt. Er sei durch ein von ihm verursachtes Loch im Rumpf herausgeschleudert worden, teilten die somalischen Sicherheitsbehörden mit."

Die absolute Abweichung

Seiner letzten großen Ausstellung im Jahr 1965 gab Breton den Titel "L'écart absolu": die absolute Abweichung. Heute darf allenfalls der komplette Wahn als absolute Abweichung gelten. Fraglich ist aber, ob noch von schwarzem Humor die Rede sein kann, wenn hinter einer Äußerung weder Absicht steckt noch Methode. Thomas Raab leitet die zusammengetragenen Beiträge jeweils ein mit einer kurzen Erläuterung zum Gegenstand der Verwahrung - er nennt es das Starre - sowie zu den je präferierten Humormitteln und verwendet diese Skalen anstelle chronologischer Folge. Aus dem Zusammenhang gerissen, ergeben aber etliche seiner Texte keinen rechten Un-Sinn mehr. Und man mag auch nicht alles hier Versammelte beispielhaft finden. Die Vernachlässigung des trockenen angelsächsischen Humors mit seinen Limericks, Aphorismen, Grabinschriften ist ein besonders übles Versäumnis. Eins der feinsten Epitaphe ist das auf einen Zahnarzt: He´s filling his last hole - Er füllt sein letztes Loch.

Stand: 25.08.2017, 09:00