Spätberufene Literatin: Anne Dorn ist tot

Die Kölner Schriftstellerin Anne Dorn

Spätberufene Literatin: Anne Dorn ist tot

Von Christoph Ohrem

Die Schrifstellerin Anne Dorn ist, wie am Dienstag (14.02.2017) bekannt wurde, bereits am 8. Februar im Alter von 91 Jahren in Köln verstorben. Mit ihrem Schreiben wollte sie "den Menschen Mut machen zum Leben".

Dorn ist eine Spätberufene der Literatur. Erst mit 65 Jahren, im Jahr 1991, veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Privat hatte sie sich schon viel früher mit dem Schreiben auseinander gesetzt. "Eigentlich hat mich das Leben dazu gezwungen zu schreiben", so die Autorin. "Mein Leben war so kompliziert geworden, dass ich es mir auf dem Papier ordnen musste. Und da gibt es dann kein Zurück mehr. Das war plötzlich eine Möglichkeit zu atmen."

Anne Dorn war damals alleinerziehende Mutter von vier Kindern. 1969 hatte sie ihren zweiten Mann verlassen und war mit den Kindern nach Köln gezogen. Nach ersten Prosa-Veröffentlichungen in Anthologien riet man ihr, es beim Hörfunk und Fernsehen zu versuchen, um sich einen Unterhalt zu sichern. "Wir brauchten ein Dach überm Kopf und die Miete musste bezahlt werden, ich habe jede Möglichkeit ergriffen. Da brauchte ich das Terrain Literatur nicht zu verlassen." Anne Dorn wirkte in den 1970er-Jahren bei Hörspielen mit, schrieb Drehbücher für Fernsehfilme, führte selbst Regie. Auch avantgardistische Multimediaprojekte hat sie mitgestaltet.

Erster Erfolg mit "Hüben und Drüben"

"Hüben und Drüben" von Anne Dorn

Ihr erster vollendeter Roman "Hüben und Drüben" untersucht auf ungewohnte Weise das deutsch-deutsche Verhältnis: Ein Todesfall bringt eine Familie zusammen, deren Mitglieder über Ost- und West-Grenzen verteilt leben. Bei der Begräbnisfeier brechen die Konflikte zwischen den sich entfremdeten Menschen auf - es kommt zum Streit. Die unterschiedlichen Systeme haben die Menschen in ihrer Lebensweise derart geprägt, dass echte Kommunikation nicht möglich ist. Ihre eigene Erfahrung spiegelt sich in diesem Roman wider, denn Anne Dorns Familie hat selbst zwischen hüben und drüben gelebt.

Anne Dorn wurde 1925 als Anna Christa Schlegel in Wachau bei Dresden geboren. Sie lernt bei einer Tageszeitung, stellt aber fest: Schreiben darf sie da gar nicht. Dann kommt der Krieg und trennt sie von ihrer Familie, für sehr viel längere Zeit als gedacht. Die Familie Schlegel ist auf einmal Teil der russisch besetzten Zone, während Anne als Pflichtjahrmädchen im Salzkammergut im amerikanisch besetzten Teil Österreichs landet. Von dort gelangt sie nach Herford, Westfalen, und schließlich nach Köln.

Ihr Material war ihr Leben

Die Kölner Schriftstellerin Anne Dorn

"In jedem Buch will man alles sagen."

Anne Dorn kannte die Welt auch vor dem Ost-West Konflikt. Bei ihrer zweiten Veröffentlichung, "Geschichten aus tausendundzwei Jahren" handelt es sich um eine aus ihren Erinnerungen gestrickte Geschichte über das Erwachsenwerden. Auch in diesem Buch zeichnet sich ihr Stil durch einen Realismus aus, der sich nicht in Details verliert, sondern dem Leser durch genaue Beschreibungen Menschen und Orte sehr bildhaft und plastisch vor Augen führt. Im Prinzip schreibt Anne Dorn von Anfang an an einem einzigen Buch. Das Material war ihr Leben, das sie stets auf eine andere Art und Weise beleuchtete: "In jedem Buch will man alles sagen. Aber alles verändert sich dauernd. Alles ist ganz oben auf dem Gipfel eines Berges. Und Sie fangen unten an, klettern den Berg hoch und kommen an. Und da stellen Sie fest: Ja, hier oben ist es schön. Aber ich hätte ja auf der anderen Seite des Berges hochgehen können und so gibt es ganz viele Möglichkeiten."

Keineswegs reine Idyllen

Bei jedem neuen Anlauf findet sie eine andere Perspektive - ihr ganz eigener Erzählton aber bleibt der gleiche. Der leichte Ton der Erzählungen, die liebevolle Wärme, mit der sie ihre Figuren behandelt, täuschen nicht darüber hinweg, dass sie keineswegs reine Idyllen schafft. Im Hintergrund lauert stets die unlösbare Frage nach der eigenen Identität: Wer bin ich, und wohin gehe ich? Neben ihren Prosaarbeiten veröffentlichte Anne Dorn in den 1990er-Jahren zunehmend Lyrik. Diese Texte verdichten ihren realistischen Stil und bleiben dabei in einer Schwebe zwischen Heiterkeit und Ernst. In "Ein Gedicht" heißt es:

Ich erinnere euch an Eure große Lust
zu leben.
Unter die Tür schiebe ich Euch ein Flugblatt
von Eurer endlosen, mühseligen,
wieder und wieder vertagten
Wandelbarkeit und Verwandlung.

Der Glaube an die Wandelbarkeit und Verwandlung des Lebens war und ist ein zentraler Gedanke in Anne Dorns Literatur. Die an Menschen und allem Menschlichen interessierte Erzählerin und energiegeladene Schriftstellerin hat bis zuletzt gearbeitet. Ihre literarische Produktion, ihre unbändige Lust am Erzählen und ihr Ideenreichtum waren trotz teilweise schwieriger Lebensumstände ungebrochen.

"Ich glaube, das ist genau das, was ich mit meinem Schreiben will", sagte Dorn. "Ich möchte den Menschen, in welchen Situationen sie auch immer stehen, Mut zum Leben machen. Denn das Leben ist einfach etwas faszinierend Schönes." Diese Freude an der Schönheit des Lebens wird in Anne Dorns Werk überdauern.

Stand: 14.02.2017, 11:10