Moyshe Kulbak - Montag. Ein kleiner Roman

Moyshe Kulbak - Montag. Ein kleiner Roman

Moyshe Kulbak - Montag. Ein kleiner Roman

Von Jürgen Buch

Ein Höhepunkt der jiddischen Weltliteratur: Moyshe Kulbaks schillernde Momentaufnahme aus der Zeit der Oktoberrevolution.

Moyshe Kulbak
Montag
Ein kleiner Roman
Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein
Edition.fotoTAPETA, 2017
120 Seiten
12,80 Euro

Mordkhe Markus

Der Held des Buchs heißt Mordkhe Markus, sein Schöpfer, der Autor, Moyshe. Vielleicht eine bewusste Alliteration. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass Mordkhe Markus genauso wie der Autor Lehrer ist. Gut möglich, dass der Schriftsteller selbst am Vorabend der Oktoberrevolution so ein Zimmerchen in Vilnius bewohnte, wie Mordkhe Markus.

"In der Stadt, der revolutionären, lebte ein Lehrer für Hebräisch, der ein ruhiger Mensch war – Mordkhe Markus. Er wohnte allein, oben in einem Dachstübchen, und hatte oft viel Zeit, die Nächte damit zuzubringen, bis in den Tag hinein über dicken Büchern zu sitzen. Dabei dachte er in aller Ruhe über den Lauf der Dinge nach. An einfachen Montagen setzte er sich neben das Fensterchen, stützte sich auf seine Arme und blickte hinunter auf die Straße, auf die Armenleute, die von Haus zu Haus gingen, um zu betteln, und er betrachtete sie, die bleichen Vagabunden, und spürte ein befremdendes dumpfes Zittern in seiner Seele."

Die Genossen betraten die Bühne

Mordkhe Markus begleitet die Armenleute auch bei ihrer montäglichen Bettelprozession, er predigt ihnen geradezu. Aber er verspricht ihnen nichts, gibt ihnen kein Heilsversprechen – anders als die Genossen, die in die Stadt einfallen und die Weltrevolution vorantreiben wollen. Eine Revolution, die nur schemenhaft Gestalt annimmt. Nur eins bemerkt Mordkhe Markus klar: Im revolutionären Programm fehlt die Freiheit. Die Agitation der Roten bleibt archaisch, blutleer – aber brutal:

Moyshe Kulbak

Moyshe Kulbak

"Genossen betraten die Bühne. Die Masse schaute streng. “Du wirst hiermit aufgefordert, Masse!” Und sie gehorchte, mit all ihren haarigen, harten Ohren. Sie, die wie Würmer in der Rinde zusammengekauert lag. Da kam zwischen den Stühlen eine harte, schwere Hand hervor, dort, an jenem Ort, an dem der schwarzbärtige, dürre Jude saß. Niemand sah es. Vorsichtig packte sie von hinten den dürren Juden am langen Hälschen und drückte ihn langsam, langsam unter die Sitze. Kaum merklich und wie in Zeitlupe umschloss sie dort sein Hälschen und drückte ihn mit aller Kraft mit der Nase auf das Parkett."

Ratlosigkeit

Wohin das alles führen wird? Die Menschen in der Stadt scheinen ratlos: Dr. B., der Bürgerliche, der Hausmusikabende veranstaltet, bei dem sich aber auch Genossen treffen, die weisen Rabbiner, die in ihren alten Schriften keine neuen Antworten finden, die Greisinnen, die nur fürs Betteln zu leben scheinen, ein kriegsversehrter Soldat. Und Gnesye, die junge Frau, die Mordkhe Markus bewundert.

"Es schien, als stiege jemand die Treppe zu ihm hinauf. Schnell zog er die Decke bis über den Kopf und hielt den Atem an. […] Die Tür öffnete sich, Wind strömte hinein und mit ihm ein taubes Brüllen. Und sofort riss man ihn vom Sofachen herunter. Breite, plattgedrückte Gesichter, auf Schultern gesteckt, ohne Hälse, drängten sich ins Zimmerchen hinein, wie aus einem Käfig entflohen. Man brüllte."

Meine Herren, ich will das nicht!

Mordkhe Markus wird verhaftet, wegen "Konterrevolution". Die Revolutionäre haben gehört, wie er von den Armenleuten verehrt wird. Seine Philosophie bleibt für sie unbegreifbar, eine Philosophie der Passivität, des Nicht-Handelns, der Negation als Quelle der Erkenntnis. Er wird aus dem Weg geräumt, an die Wand gestellt. Unbeholfen klingt es, wenn er sagt: "Meine Herren, ich will das nicht", hilflos – aber zugleich ist es die elementarste Willensäußerung eines freien, denkenden Individuums. Er stirbt.

"Montag" ist ein jiddischer Roman, ein Monument der litvakischen Kultur Mittelosteuropas, Relikt einer Weltsprache, die sich in ihrem Zenit befand, als Kulbaks Roman 1926 erschien. Moyshe Kulbak nahm damit fast seherisch sein eigenes Ende vorweg. Er wurde 1937 bei den großen Säuberungen verhaftet und erschossen.

Moyshe Kulbak - Montag

WDR 3 Buchrezension | 05.09.2017 | 04:20 Min.

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Stand: 05.09.2017, 09:25