Arundhati Roy - Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roy - Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roy - Das Ministerium des äußersten Glücks

Von Gerhard Klas

Er wurde lange erwartet: In ihrem zweiten Roman beleuchtet Arundhati Roy die Abgründe der indischen Gesellschaft.

Arundhati Roy
Das Ministerium des äußersten Glücks
Aus dem Englischen von Anette Grube
S. Fischer, 2017
560 Seiten
24,00 Euro

In der Khwabgah

Von der Form her könnten die beiden Romane kaum unterschiedlicher sein: "Der Gott der kleinen Dinge" passte ins klassische Genre einer Familientragödie mit autobiographischen Zügen. Ihr neuer Roman hingegen ist experimenteller angelegt: Viele Erzählstränge, assoziativ, überbordende Charaktere, mit Zitaten aus Tagebüchern, Akten, Diktaten und Pamphleten, metaphorisch. "Das Ministerium des äußersten Glück" ist ein Buch, in dem Arundhati Roy mit Hilfe dutzender tragischer Geschichten die indische Gesellschaft seziert. Die Hauptrolle aber spielen Anjum, die als Zwitter geboren wird und Tilo, die junge Architekturstudentin. Anjum zieht in ein Transvestiten-Haus, unterzieht sich einer Totaloperation und bedient Freier. Dort, in der Khwabgah, lernt sie andere Hermaphroditen kennen, die ihr die Welt öffnen und fühlt sich erstmals glücklich und verstanden.

"Allerdings menstruierte die männlichste Person in der Khwabgah. Bismillah schlief oben auf der Terrasse vor der Küche. Sie war eine kleine, drahtige, dunkle Frau mit einer Stimme wie eine Bushupe. Sie war ein paar Jahre zuvor zum Islam übergetreten und in die Khwabgah gezogen (die zwei Dinge hatten nichts miteinander zu tun), nachdem ihr Mann, ein Busfahrer der Delhi Transport Corporation, sie hinausgeworfen hatte, weil sie nicht schwanger wurde. Selbstverständlich kam es ihm im Traum nicht in den Sinn, dass er für die Kinderlosigkeit verantwortlich sein könnte. Bismillah war für die Küche zuständig und bewachte die Khwabgah gegen unerwünschte Eindringlinge mit der Wildheit und Ruchlosigkeit eines Mafiabosses aus Chicago."

Arundhati Roy - Das Ministerium des äußersten Glücks

WDR 3 Buchrezension | 10.08.2017 | 06:23 Min.

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Die Verdammten des Subkontinents

Anjums Glück endet jäh, als sie 2002 völlig verstört von einem Besuch im Bundesstaat Gujarat zurückkehrt. Dort wurde sie Zeugin, wie fanatische Hindus unschuldige Muslime brutal massakrierten. Sie verweigert sich fortan der Kommunikation, schlüpft in schäbige Kleidung und zieht schließlich auf einen Friedhof in Delhi.

Arundhati Roy

Arundhati Roy

Fast alle Charaktere in Roys Roman sind wie Anjum traumatisiert durch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Ereignisse im Indien der vergangenen Jahrzehnte: Vertreibung, Kastendiskrimierung, sexuelle Gewalt, Pogrome gegen religiöse Minderheiten. Zur Beschreibung der Auslöser dieser Traumata kann Arundhati Roy auf die aufwändigen Recherchen für ihre politischen Essays der vergangenen zwei Jahrzehnte zurückgreifen. Ihre feine Beobachtungsgabe und ihre Empathie für die Verdammten des Subkontinents erheben ihren Roman aber weit über ihre Sachtexte. Schon 2009 hatte die Schriftstellerin angekündigt, mit dem Schreiben von Sachtexten aufzuhören.

(O-Ton: Roy)
"At least I keep telling myself, that I don't want to write non-fiction now, because I don't want to, I am not an activist, and so I am not necessarily keen on repeating my political understanding as a political statement, you know. And so somehow I feel like the things that are floating around in my head have become complex enough for fiction, sometimes you need to write fiction, because you can't say it except in a story."

"Ich sage mir immer wieder, dass ich jetzt keine Sachtexte mehr schreiben will. Ich bin keine Aktivistin, deshalb bin ich nicht sonderlich erpicht darauf, mein politisches Selbstverständnis als Statement zu wiederholen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Gedanken in meinem Kopf komplex genug sind für einen Roman. Manchmal muss man Romane schreiben, weil man gewisse Dinge nur in einer fiktiven Geschichte ausdrücken kann."

Indien! Indien!

Zum Beispiel beißende Ironie. Mit der nämlich charakterisiert Arundhati Roy die vergangenen Premierminister, die sie im Roman nie beim Namen nennt. Manmohan Singh, der 2014 von Narendra Modi abgelöst wurde, nennt sie ein "schüchternes Kaninchen mit Turban". Der amtierende Modi verkörpert das Gegenteil: In fast jeder öffentlichen Rede erwähnt er seinen beachtlichen Brustumfang von 1 Meter 42. Diese Angeberei greift Arundhati Roy immer wieder gerne auf, um die Geltungssucht des machtversessenen Premierministers zu denunzieren. Er repräsentiert den nationalistischen Größenwahn großer Teile der indischen Mittel- und Oberschicht, den die indische Schriftstellerin ebenso verabscheut.

"Indien! Indien! Die Welt stand auf und schrie ihre Anerkennung heraus. Wo Wälder gestanden hatten, schossen Wolkenkratzer und Stahlfabriken aus dem Boden, Flüsse wurden in Flaschen gefüllt und in Supermärkten verkauft, Fisch wurde in Dosen gepackt, Berge wurden abgebaut und in glänzende Geschosse verwandelt. Riesige Dämme brachten die Städte zum Leuchten wie Weihnachtsbäume. Alle waren glücklich. Weit weg von den Lichtern und den Reklametafeln wurden Dörfer geräumt. Auch Städte. Millionen Menschen wurden umgesiedelt, aber niemand wusste wohin."

Pogromstimmung und Londoner Exil

Kaschmir ist neben Delhi der wichtigste Schauplatz des Romans. Tilo, der Charakter, mit dem Arundhati Roy nicht nur das Architekturstudium und das Geschlecht, sondern auch die Sammelleidenschaft wichtiger Dokumente und Augenzeugenberichte teilt, gerät dort zwischen die Fronten. Denn ihre männlichen Freunde aus Studientagen in Delhi sind verschiedene Wege gegangen: der eine ein Geheimdienstoffizier geworden, der andere ein erfolgreicher Journalist, der dritte ein Freiheitskämpfer. Die Schriftstellerin macht keinen Hehl daraus, auf wessen Seite sie in diesem blutigen Krieg steht: Minutiös beschreibt sie Folter und außergerichtliche Exekutionen durch die Agenten der indischen Regierung an Angehörigen der rebellischen Zivilbevölkerung. Arundhati Roy, die vehemente Kritikerin der Hindunationalisten und Unterstützerin der Unabhängigkeit für Kaschmir, wurde für ihre Haltung immer wieder öffentlich angegangen und saß dafür schon im Gefängnis. Nie hat sie deshalb Indien den Rücken gekehrt. Als Anfang vergangenen Jahres von den staatstragenden Medien eine regelrechte Pogromstimmung gegen die sogenannten "Feinde der Nation" geschürt wurde, fiel auch wieder ihr Name. Ihren zweiten Roman, der mit einer Szene endet, die man nur als Ode an die Solidarität beschreiben kann, schrieb sie deshalb lieber im Londoner Exil zu Ende.

Stand: 10.08.2017, 09:40