Robert Menasse - Die Hauptstadt

Robert Menasse - Die Hauptstadt

Robert Menasse - Die Hauptstadt

Von Melanie Weidemüller

Eine grandios komische EU-Satire voller ironischer Pointen und akribisch recherchierter Fakten: "Die Hauptstadt" von Robert Menasse ist das Buch der Stunde.

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Shortlist

Robert Menasse
Die Hauptstadt
Suhrkamp Verlag, 2017
459 Seiten
24,00 Euro

Ich hatte die Krise

Als Robert Menasse 2015 einen Vortrag an der Berliner Humboldt-Universität hielt, sollte es mal wieder um Europa gehen. Zum Einstieg sprach der österreichische Schriftsteller allerdings nicht über die europäische Krise, sondern über seine persönliche: "Ich hatte die Krise", gestand er, weil diese europapolitischen Gesprächsrunden, an denen er regelmäßig teilnimmt, meist so entsetzlich deprimierend sind.

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Demokratiekrise; die Krisendebatte steckt offenbar selbst in einer Krise. Und vielleicht, mag Robert Menasse sich gedacht haben, ist das die Stunde für die Literatur – lebt sie doch von dem, woran es so sehr mangelt: Phantasie und Eigensinn. Jetzt hat der Schriftsteller einen Roman vorgelegt, in dem beides in Fülle vorhanden ist. "Die Hauptstadt" heißt er, handelt von Brüssel und seinen Beamten, im Kern aber von nichts weniger als dem Sinn des großen europäischen Friedensprojekts der Union. Schon der Prolog, in dem alle Hauptfiguren quasi hinterrücks eingeführt werden, ist ein erzählerisches Kabinettstück. Die Szene spielt auf dem belebten Platz Vieux Marché aux Grains im Viertel Sainte-Catherine, wo alle Protagonisten zufällig Zeugen des gleichen unerklärlichen Ereignisses werden.

"Da läuft ein Schwein! David de Vriend sah es, als er ein Fenster des Wohnzimmers öffnete, um noch ein letztes Mal den Blick über den Platz schweifen zu lassen, bevor er diese Wohnung für immer verließ. Er war kein sentimentaler Mensch. Er hatte sechzig Jahre hier gewohnt, sechzig Jahre lang auf diesen Platz geschaut, und jetzt schloss er damit ab. Das war alles."

Lebensgeschichten

David De Vriend, der vergessene Überlebende, wird in ein Altersheim ziehen und auf den Tod warten. Als Kind war er vom Deportationszug gesprungen, der seine Eltern ins KZ brachte, kämpfte im Widerstand für eine europäische Demokratie, wurde denunziert, überlebte Auschwitz. De Vriend ist eine der sechs Hauptfiguren, deren Lebensgeschichten der Roman parallel erzählt und raffiniert miteinander verzahnt. Ihre Wege in Brüssel kreuzen sich immer wieder, ohne dass sie voneinander wissen, dazu reicht ein Netz biografischer Bezüge quer über den Kontinent und bis tief in die europäische Geschichte. Kommissar Émile Brunfeaut, dessen Großvater dem gleichen Widerstand angehörte wie de Vriend, gerät beim Versuch einen vertuschten politischen Mord aufzuklären auf die Spur eines geheimen katholischen Killernetzwerks, das vom polnischen Posen aus gesteuert wird. Matek Oswiecki hat in Brüssel einen Mann erschossen und taucht unter. Derweil widmen sich die EU-Mitarbeiter Fenia Xenopoulou – zypriotische Griechin, Business-Degree, ehrgeizig –und Martin Sußman – österreichischer Geisteswissenschaftler, depressiv – der eigenen Karriere und dem "Big Jubile Project", das das schlechte Image der EU- Kommission aufbessern soll. Die Rolle des Narren, der Wahrheit spricht, ist dem emeritierten Politologen Alois Erhart zugefallen. Als Mitglied des Think Tank "New Pact for Europe" hält er vor der versammelten europäischen Denk-Elite – alle Jahrzehnte jünger als der Professor – ein Referat über die große Vision einer nachnationalen europäischen Demokratie, doch niemand kann ihm folgen. Und das mysteriöse Schwein? Es galoppiert als leibhaftiger Running Gag durch Brüssel und den Roman, eine Art ausgewilderte Miss Piggy in der Rolle des Gespensts, das in Europa umgeht, vielleicht aber eben einfach nur ein entlaufenes Schwein, bedeutungslos. Und wie bringen wir das jetzt alles zusammen?

"Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen."

Eine gründliche Zeitdiagnose

Robert Menasse

Robert Menasse

So hat Robert Menasse das erste Kapitel seines Romans überschrieben. Man kann diesen Satz poetologisch deuten, man kann ihn ebenso auf das auseinanderdriftende Europa beziehen. Denn auch wenn "Die Hauptstadt" sich über Strecken als grandios komische EU-Satire liest, ist es Menasse Ernst mit seiner kritischen Revision der Union. Er selbst spricht von einem "Vorabend-Roman". Während die Boulevardmedien buchstäblich eine Sau durchs europäische Dorf treiben, bleiben die drängendsten Probleme der Zeit ungelöst, sterben die letzten KZ-Überlebenden, droht die Union in Re-Nationalisierung zurückzufallen, weil niemand sich in der nunmehr vierten Generation noch erinnert, warum sie eigentlich gegründet wurde.

So verkam "Brüssel" zum Inbegriff von Langeweile. Und, die gefährlichere Variante, die EU zum Lieblingsfeind des neuen Nationalismus. Diese Zeitdiagnose mag nicht umwerfend Neues bieten, der Verdienst des Romans ist es vielmehr, die komplexen Wirkmechanismen der europäischen Krise, die längst eine Demokratiekriese ist, bis ins Detail zu ergründen und anschaulich, verstehbar zu machen. Nur: Was tun? Wo bleibt die dauernd eingeforderte europäische Vision? Menasse liefert eine täuschend schlichte Antwort: Es braucht sie nicht, weil es sie seit 60 Jahren gibt. Die Union war eine kühne, radikal aufgeklärte Idee, die im Dickicht der Institutionen und nationalen Interessen zerrieben wurde. Im Zentrum des Romans steht nicht zufällig das "Big Jubilee Projekt" zum 50. Geburtstag der Kommission, mit dem die Generaldirektion Kultur beauftragt wurde. Referent Martin Sußman liefert statt einer artigen PR-Kampagne ein radikales Konzept, das an die Gründungsidee der Europäischen Union erinnern soll, ganz im Sinne ihres Wegbereiters Jean Monnet:

"Alle unsere Anstrengungen sind die Lehre unserer historischen Erfahrung: Nationalismus führt zu Rassismus und Krieg, in radikaler Konsequenz zu Auschwitz."

Ein Buch der Stunde

Martin Sußman hat die Feier schon vor Augen: Alle weltweit noch auffindbaren KZ-Überlebenden sollen eingeladen werden und als Testimonials Glaubwürdigkeit vermitteln, und – das ist der Clou – im Zentrum Auschwitz als "symbolische Hauptstadt Europas"! Kühn gedacht, aber das will in Brüssel niemand. So erzählt Robert Menasses "Die Hauptstadt" auf 450 Seiten vom grandiosen Scheitern des Projekts im Mahlwek von nationalen und persönlichen Interessen, von Menschen hinter dem anonymen "EU-Apparat", vom Ende der Epoche der Scham. Die Thesen seiner Essays und Reden hat er in einem großen Gesellschaftspanorama zusammengeführt, das voller ironischer Pointen und akribisch recherchierter Fakten steckt. Dass es ein "Buch der Stunde" ist und ein Weckruf, liegt auf der Hand.

Robert Menasse - Die Hauptstadt

WDR 3 Buchrezension | 04.10.2017 | 06:09 Min.

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Stand: 04.10.2017, 09:20